Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 627 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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627 1. Verpflichtung des jüdischen Kindes zur Teilnahme am Religionsunterricht. Von dem in der Schule eingeführten Religionsunterricht dürfen nur diejenigen auf Antrag der Eltern befreit werden, welche den Nachweis erbringen, daß sie von einem qualifizierten Religionslehrer entsprechenden Privatunterricht erhalten oder eine Religionsschule besuchen. 2. Beseitigung der beschämenden Ausnahmestellung, die der jüdische Religionsunterricht bei der Reifeprüfung wie auch im Reifezeugnis einnimmt. 3. Berechtigung der an der Schule tätigen jüdischen Religionslehrer zur Teilnahme an den Gesamt- und Klassenkonferenzen und Stimmrecht in solchen Fragen, welche die von ihnen unterrichteten Schüler betreffen. Gerade in heutiger ernster Zeit, wo überall im deutschen Volke das religiöse Leben zur reicheren Entfaltung gelangt und unser Kaiser ein leuchtendes Vorbild wahrer Religiosität ist, wird hoffentlich auch das königlich preußische Kultusministerium alles, was zur Stärkung des religiösen Bewußtseins einer Glaubensgemeinschaft beitragen kann, zu fördern suchen und dem berechtigten Verlangen nach Beseitigung der demütigenden Ausnahmestellung des jüdischen Religionsunterrichtes Gehör schenken. Sache des Nabbinerverbandes, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Juden wäre es, gemeinsam in dieser Angelegenheit die geeigneten Schritte bei der königlich preußischen Regierung zu tun. Dir Woche. Berlin, den 28. Dezember 1915. as bürgerliche Jahr geht zu Ende; 17 Monate des fürchterlichsten Krieges der Weltgeschichte sind bald abgeschlossen. Unsere Hoffnungen sind so stark wie zuvor, nur .sind die Aussichten etwas weniger gut als früher. Zwar ist die deutsche Einigkeit gewahrt trotz des Häufleins der Sozialdemokraten, die den neuen Kriegskredit nicht bewilligt und dadurch dem Auslande ein unerfreuliches Bild einer kleinen Zerklüftung gewährt haben. Auch unsere und unserer Bundesgenossen Erfolge überall sind staunenerregend. Die Türken haben sich gerade in der letzten Woche außerordentlich-hervorgetan; die englischen Truppen sind nach ungeheuren Verlusten aus Gallipoli abgezogen und das Dardanellenabenteuer, mit unglaublicher Ueberhebung begonnen, aber mit ganz unzulänglichen Mitteln ausgeführt, darf äls beendet betrachtet werden. Auch die Franzosen, die einen kleinen Erfolg am Hartmannsweilerkopf davongetragen hatten, den sie nach ihrer Weise lügenhaft und maßlos aufgebauscht hatten, sind blutig zurückgeschlagen worden und haben eine große Anzahl Gefangener in unserer Hand gelassen. Auch der Borstoß der russischen Flotte gegen Varna, über den die Berichte der Russen und Bulgaren weit auseinandergchen — die Wahrheit wird wohl in der Mitte liegen —, bedeutet, selbst wenn einiges von den russischen Berichten zuverlässig sein sollte, nicht viel. Dagegen sind die Verabschiedung des russischen Generals Russki, der nach der Absetzung des Großfürsten Nikolajewitsch eine Zeitlang als die Hauptstütze russischer Pläne erschien, ferner der Mißerfolg der französischen Kriegsanleihe, die in bramarbasierender Weise als Siegesanleihe bezeichnet war, das vollkommene Scheitern einer russischen Anleihe, die materielle Erschöpfung Italiens und die tiefgehende Unzufriedenheit in diesem Lande, außerdem die materiellen Schwierigkeiten Englands und die Unstimmigkeiten zwischen den sogenannten Ententemächten und Griechenland, während die Machthaber des letzteren Landes durch die zu ihren Gunsten ausgefallenen Wahlen außerordentlich gestärkt worden sind, lauter Ereignisse, die günstige Aussichten für die Zukunft eröffnen. Ob das Ver- > langen, das Rußland neuerdings an Rumänien gestellt hat, freien Durchzug seiner Truppen durch Rumänien zu erhalten, bewilligt werden wird, steht dahin; es muß um so eher als zweifelhaft erscheinen, als Rumänien nach langem Feilschen sich endlich bereit gefunden hat, einen außerordentlich großen Transport von Getreide, freilich unter ziemlich «schweren Bedingungen, nach Deutschland gelangen zu lassen. Dagegen läßt es sich nicht leugnen, daß in Deutschland die große Teuerung, die schon lange begonnen hat, bedrohliche Formen annimmt, und daß gerade diese Aushungerungspläne Deutschlands, von denen England in der letzten Zeit schwieg, jetzt den wichtigsten Punkt in seinem Programme ausmachen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der alle neutralen Staaten von England, -der einzig noch bestehenden Seemacht, behandelt werden, um jede nur mögliche Einfuhr von Waren aller Art nach Deutschland abzuschneiden, gibt dem ernsten Politiker zu denken, und das Triumphgeschrei, das wiederum von England ait§ ertönt, von einer neuen großen Wehrmacht - - man spricht von vier Millionen — ist, selbst wenn, man alle die ruhmredigen und übertreibenden Aussagen unserer Feinde abrechnet, immerhin für die Zukunft gefahrdrohend. Allerdings soll und muß darauf hingewiesen werden, daß dank den wunderbaren Fortschritten der Chirurgie und der unvergleichlichen Pflege, die den Verwundeten in unseren Lazaretten zuteil wird, ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz der Kranken und Verwundeten wieder zur Front zurückgekehrt ist, ferner daß wir bei den Aushebungen der wehrfähigen Jugend noch lange nicht so weit sind wie die fremden Nationen. So dürfen wir auch am Ende dieser 17 Monate uns der Zuversicht hingeben, daß deutscher Mut, deutsche Sparsamkeit und der trotz der furchtbaren Opfer und der ungeheuren Verluste entschiedene, ungebrochene Wille zum Siege noch Wunder verrichten und uns den großen, endgültigen Triumph verschaffen wird. -K- Bon Artikeln anderer Zeitungen geben wir hier zunächst einen Bericht ans der „Straßburger Post": A m e r i k a n n d d i e t u «s s t s ch e n Jude n. Von Dr. M. Gins b u rger (GMneiler). Der Vertreter der „Wahrheit", des amerikanischen Jargonblattes in Washington, hatte vor kurzen: eine Unterredung mit dem Staatssekretär Lansing, über die er folgendermaßen berichtet: „Wenn die „Wahrheit" es wünscht, wird das Staatsd-epartment eine besondere Untersuchung anordnen wegen der Gewalttaten, die a n d c n I n d e n L i t a u e n s u n d Polens begangen worden sind." Das versprach mir heute der Staatssekretär Robert Lansing im Laufe einer langen Unterredung. „Das Staatsdepartment", sagte er, „wird auch baldige Schritte unternehmen, falls die „Wahrheit" Beweise von amerikanischen Bürgern bringen kann, die in jenen Gegenden waren und mit eigenen Augen die gegen die Inden begangnen Greueltaten gesehen haben. Wenn es in meiner Macht liegt, etwas für Ihr Volk zu tun, so werde ich es mit Freude tun." Herr Lansing hatte nichts einzuwcnden gegen meine Behauptung, daß die A n t w o r t «d c § a m e r i k a n i [ ch e n Kon s n l s in R i g a auf die Anfrage des Staatsdepartements «betreffs der Lage der Inden in Rußland ein n i ch t g e l u ng e n e r V e r s u ch g e m e s e n> sei, d i e russische Regierung „rein zu waschen". Er hat das allerdings nicht ausdrücklich zugegeben, aber man konnte sein Einverständnis doch entnehmen aus seiner ganzen Haltung und besonders aus der folgenden Bemerkung: „Rußland", so gab -er mir zu verstehen, „sucht mit allen möglichen Mitteln «die Judenverfolgungen dadurch Z u c n t s ch u l d i g e n , daß es die ganze S chu l d d e m Militär Z n s ch i e b t, indem es dabei erklärt, die schuldigen Soldaten seien schwer bestraft worden von ihren Vorgesetzten. Er gab mir auch zu verstehen, daß er mit dem Bericht des Rigaer Konsuls nicht zufrieden sei, und wenn es die „Wahrheit" durchaus verlange, werde er einen zweiten einfordern." „Sechs Millionen Juden" — fuhr ich fort — „werden vernichtet. Während die Männer in der Feuerlinie stehen und für das Vaterland kämpfen, werden die Frauen und Schwestern aus ihren zerstörten Häusern vertrieben und geschändet.