Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 24. Dezember 1915 79. Jahrgang Nr. 52 Der Genietndebme. Beilagl zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums". kmrrlponden?rn und Aschrichten. Leutschland. 22 Berlin, 2l. Dezember. Ans tyiiila^uu^ eitles größeren Berliner -Ureifee fand Sonntag, den 12. d. M., im „Brnderverein" zu Berlin eine Besprechung statt, welche Teilnehmer ans allen Teilen Deutschlands vereinigte. Tie Verantassling zu der Konferenz Hutten die Verhandlungen gegeben, die gelegentlich der liebergäbe der Spende des jüdischen Hilfskomitee s „R vier Halbmond" mit der türkischen Regierung stattaefundeu und zur Gründung einer „ £ s m a it i s ch - I s r a e l i t i s ch e u U n i o u " in Konstantinopel geführt haben. Ter neue bedeutsame Gedanke, zwischen den Juden und den Osmanen innigere Beziehungen zu schaffen, die einerseits für die Türkei vorteilhaft lvären. andererseits der Besserung der Lage unserer osteuropäischen Glaubensgenossen dienlich sein tonnten, hat in zahlreichen jüdischen Gemeinden Teutschlands ein änderst lebhaftes Echo geweckt. Gegen 300 im Vordergründe des öffentlichen Lebens stehende jüdische Persönlichkeiten beteiligten sich au der Konferenz, darunter die Vertreter zahlreicher B.-B.-Logen, lieber hundert zu stimmende Zuschriften und Anerbietungen zur Mitarbeit trafen außerdem ans den verschiedensten deutschen Städten ein. Tie Konferenz wurde durch Kommerzienrat Gerson S i m o n eröffnet und geleitet. Irr seiner Ansprache führte Kommerzienrat Simon ans, daß die Ereignisse des Weltkrieges die Inden vor eine neue Situation stellen. Einerseits ist die den Juden seit jeher sympathische Türkei durch das Bündnis mit Tentschtand uns nun auch als Teutsche besonders nahe gerückt. Andererseits wird infolge der Besetzung von Rnfsisclj-Polen und Litauen durch die Zentralmüchte die ostjüdische Trage zu einer T^ige der deutschen Iudeuheit und des Deutschen Reiches. Zwischen diesen neuen Tatsachen können gewiß ersprießliche Zusammenhänge geschaffen werden. Tie Verwirklichung dieses Gedankens hat das jüdische H i l s s k o m i t e e „R oter H a l b m 0 u d" ungebahnt. Durch seine Sanunlungen zugunsten der türkischen Armee, die über 120 000 Mark ergeben haben, erbrachte es einen sehr bemerkenswerten Beiveis der besonderen Sympathie der deutschen Iudenheit für die Osmanen. Der Vertreter des Komitees, Tr. Alfred N o s s i g , hatte dann in Konstantinopel Gelegenheit sestznstellen. daß diese Sympathien von den türkischen Regiernugskreisen erwidert werden und daß die Türkei geneigt sei, sich für die Sache der osteuropäischen Juden eiuzusetzen. Im weiteren Verlaufe rief das Komitee „Roter Halbmond" das „Zentralhilfskomitee" ins Leben, welches einen Z-ouds schaffen sollte, um einerseits die durch den Krieg herbeigeführte Rottage dev Juden in Palästina zu mildern, andererseits für die Uebersiedlung von osteuropäischen Inden nach der Türkei Mittet bereitznstellen. Mit besonderem Erfolg hat bis jetzt das mit der „Hilfskommission 1915" vereinigte Landeskomitee des ..Zentralhilfskomitees" in Oesterreich gewirkt. Das österreichische Landeskomitee hat bereits größere Summen aufgebracht, wovon mehr als KO 000 Kronen nach Palästina abgeschickt worden sind. Infolge der in Konstantinopel geschaffenen Tatsachen steht nun eine Neuorganisation der jüdisch-humanitären Tätigkeit für den Orient bevor. Tr. Alfred N 0 s s i g, Berlin, der das Hauptreferat erstattete, schilderte zunächst die katastrophale Lage, in die die Iudenheit des Ostens durch die Ereignisse des Weltkrieges gebracht Nwrden sei. Man schätzt die durch den Krieg entwurzelten jüdischen Eristeuzen ans etwa eine Million. Eine MassenansUumderung von ungeheuren Dimensionen steht bevor. Ter Weltkrieg eröffnet die Aussicht, mit der Zeit ein Wflußgebiet in der Türkei zu finden. Ter Einfluß der der jüdischen Einwanderung hinderlichen Ententemächte ist erloschen, das Bündnis mit Deutschland begünstigt und erleichtert eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Türkei. Die Erklärungen, welche Tr. Rossig von Mitgliedern des Herrscherhauses, von türkischen Ministern und von den Zühreru des Jungtürkischeu Komitees erhalten hatte, berechtigen zu der Erwartung, daß bei einer vorsichtigeil, zweckentsprechenden Behandlung der einschlägigen Tragen die jüdische Einwanderung nach der Türkei zur Befriedigung beider Seiten geregelt werden könne. Die Durchführung des Werkes ist nach dem in Konstantinopel erfolgten Meinungsaustausch nur im Nähmen der h i st 0 r i s ch e n T r e u n d s ch a f t möglich, welche Inden und Osmanen verbindet und gegellseitiges Ver-! 1 rauen schafft. Tie neue politische Konstellation eröffnet für diese! Treundschaft vielfältige Betätigungsmöglichkeiten in wirtschaftlicher und! kuliliretter Hinsicht. Als Schivestergesellschaft der analogen Vereinigung , in Konstantinopel ist am 6. Dezember in Berlin die „Deutsch- I s r a e t i t i s ch - O s m a 11 i f che U n i 0 u" gegründet loordeu. Die „Union" ist keine Kolonisationsgesellschaft: sie verfolgt den ideellen Zlveck! der Pflege ülnerer Beziehungen zwischen Juden mld Osmanen. Wohl; aber wird sie den praktischen Bestrebungen durch Schutz, Vermittlung und finanzielle Tvrderung dienlich sein können. Als neuartige, den Zeitverhältuiffeu entsprechende Institution kann sie keiner der besteheu-! den Organisatiouen eiugestigk lverdeu. Dagegen ist ein Kvoperations- ■ Verhältnis zwischen der „Union" und diesen Organisationen höchst ernnmscht, ja unerläßlich. So vor allem mit dem „Hilfsverein", dessen Schiitwerk für die Erziehungsbedürsnisse der jüdischen Einwanderer in; der Türkei sorgen dürste. Ferner mit den KolonisationsgeselLschasteu, wie die I. E. A., die A. I. K. O., und auch den rein wirtschaftlichen ' Instituten der zionistischen Organisation. Die tatkräftigste Förderung erivartet die „Union" von den D.-D.-Logen. Die Zusammensetzung i es Vorstandes berechtigt zu der Erwartung, daß die „Union" auch mit ' den anderen großen jüdischen Organisationen Deutschlands in enger j Fühlung bleiben wird. Das Zentrnlhilfstomitee hat sich der „Union"! an geschlossen. - Die Diskussion erösmete Professor Dr. Ludwig Stein! lBerlin) durch eine Darlegung seiner Auffassung der neuen Lage. Nach > einigen Einschränkungen hinsichtlich des Tätigkeitsgebietes der „Union" empfahl er aufs wärmste deren Forderung. Herr I. Basch IlNünchen) begründete die Notwendigkeit der Verständigung aller jüdischen Organi-! sationen zur Erreichung des geplanten Zweckes. Im Mittelpunkte der Tob «Ute stand die mit lebhaftem Beifall ansgenommene Ansprache des Landstagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. Eohu lDessau), der die; ivarinste Unterstützung der zeitgemäßen neuen Idee befürwortete. Unter den zahlreichen folgenden Rednern erweckten Rabbiner Tr. K 0 p s - stein (Beuchen) und Feldrabbiner Tr. Sonderling (Hamburg) : durch ihre Schilderung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten des Ostens warme Teilnahme. Ehefredaktenr I. Landau (Berlin) ividerlegte manche Bemerkungen von Professor Tr. L. Stein und beleuchtete in beredter Weise die große Tragweite der Bestrebungen der „Union". Sehr lehrreich ivaren die Ausführungen : von Instizrat Tr. H 0 r lv i tz (Berlin), der eine Reihe von in der z Tiskussion anfgetanchten Tragen znsammensassend beleuchtete und mit j der nachdrücklichen Aufforderung schloß, daß die d e n t s ch e n I n d e n alle r R i ch t n n g e n unter dem B a n u e r d e r „U u i v n" s i ch vereinigen mögen. Tiefen Ausführungen schloß in längerer Anssprache Geheimer Instizrat T i 111 e n d 0 r f e r (Berlin) sich an. Er brachte nachstehende Resolution ein: „Tie am 12. Dezember 1915 im „Brnderverein" zu Berlin Versammelten begrüßen auf das lebhafteste den durch die „Dentsch-Zsraelitsch-Osnnniische Union" vertretenen Gedanken der Pflege frenndschaftlicher Beziehungen zwischen den Inden Teutschlands und der Türkei. Demgemäß gedenken sie die gemeinsamen Interessen in ivirtschaftlicher lind kultureller Hinsicht zu ivahren und zu fördern, um auf dieser Grundlage in den Stand gesetzt zu sein, and) das Los ihrer vstellropäischen Glaubensgenossen bessern zu können. Sie erklären sich bereit, diesen Gedanken zil unterstützen und für ihn zu werben, und fordern alle Glaubensgenossen in Deutschland zum einmütigen Zusamiuenschlllsse im Nahmen der Deutsch-Israelitlsch-Osmanischeu Union ans." Die Resolution wurde von der Versammlung e i n st i m m i g a 111) c 11 0 m m c n. Nachdem noch Direktor Stern (Berlin) gesprochen inch Rabbiner Dr. Hildesheimer (Berlin) den Dank für die Initiatoreil der Konferenz und der neuen Organisation beantragt hatte, schloß die Versammlung am späten Nachmittag. Umüittelbar darauf folgte eine Be s P r e ch n n g d e r a n s )o ä r t i g e 11 T e i l il e h m e r an der Konferenz, um sich hinsichtlich der Grnndzüge der W e r b e - lnld O r g a il is a t i 0 n s t ä t i g feit zugunsten der neuen Bewegung mld der „Union" zu verständigen. Die Ansprachen der zahlreichen Redner ergaben die üvereillstinnnende Alischanung. daß tu ganz Deutschland baldigst O rtsgruppen der „Union" ins Leben gerufen werden müssen. Die Werbetätigkeit soll nicht nur dllrch Drucksachen, sondern auch durch Versammlungen. Vorträge und Wauderreduer ohne Verzug eröffnet llird ui intensiver Weise geführt werden. Die Anstrengungen sind darauf