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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-24 · Heft 52 (24.12.1915) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 52 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 Lrlrkrüchte. Aus unveröffentlichten Briefen der Fürstin Karoline Sayn-Wittgern stein, der Freundm Liszts, an Karl. Grafen Coronini, die Franz Xaver Zimmerunann im verflossenen Jahre in der „N. Fr. Presse" mitteilte und die das „Literarische Echo" (Heft 13 vom 1. April 1915) bringt, dürfte die geschätzten Leser dieses Blattes die Stelle interessierten, die ein eigenartiges Bild des Dichters S. H. Mosenthal gibt. Die Fürstin schreibt aus Rom Anfang 1871: „Es hat mich gefreut, lieber Graf, Ihnen eine angenehme Stunde mit dem Stück von Mosenthal verschafft zu haben. Der Mann ist kein „düstrer Parvenü", au contraire un gai faiseur! Er lebt in der Heiterkeit, die sich unterhalb der Sphäre, wo Gewitter schrecklich grollen und blitzen, befindet, nicht in den oberen Regionen, wo sich die Klarheit aus den Wolken herausgearbeitet hat; er kann aber jeden Augenblick hinauslangen mit seinen Gedanken, um einen Funken des heiligen Feuers zu erwischen und ihn zwischen den friedlichen Sternen erglänzen zu lassen. Mit anderen Worten gesagt: er denkt sich die Leidenschaften, die Seelenstürme, das heftige Bangen oder die zarte Ahnung, aber er hat sie nie durchgemacht, nie erlebt. So sind seine dramatischen Produktionen immer gemachte Werke. Es ist nicht Kunst, die nur Natur aus der Wirklichkeit ins Ideal versetzt, es ist künstlich. Ich will damit aber kein hartes Urteil über den Autor aussprechen. Er hat viel Gutes, und der Beweis dafür ist die Weise, in welcher seine Freundschaft für mich begann. Wir waren in Deutschland nur flüchtig bekannt. Als er vor einigen Jahren nach Rom kann spielte die Ristvri in Livorno sein famoses Drama gegen die Intoleranz und sollte bald in Rom Gastrollen geben. So kam er zu mir und sagte mir, ich möge ermöglichen, daß sie auch seine Stücke im Rom geben dürfe. Nach vielem Reden sagte ich ihm gerade heraus, daß ich es gar nicht wünschenswert fände. Sein Drama hatte vor zwanzig Jahren einen guten Einfluß gehabt, aber jetzt, wo die Leidenschaften und. der Fanatismus sehr beschwichtigt waren, fand ich es unnütz, sogar gefährlich, alten Haß, altes Unrecht wieder ins Leben zu rufen. Als ich am Ende alles heraus gesagt hatte, mit etwas Lebhaftigkeit, stand er verlegen auf, .sogar verwirrt, drückte und küßte mir beide Hände aus eine Weise, die mir ein eternel adieu zu sein schien, als ob er sagen wollte: Nun, du siehst mich ja nie mehr im Leben! — und stürzte hinaus. Da blieb ich sehr unzufrieden mit mir selbst und dachte: Wieder ein ein dummer Streich! Liszt hatte ihn aus Wien sehr stark empfohlen. Da konnte ich noch eine strenge Levite erwarten und vieles, vieles hören über den Unterschied zwischen Menschen und Ideen usw. Kurz gesagt, der Austritt war mir unangenehm im Gedächtnis geblieben, als! ich anr nächsten Morgen ä mon reveil einen Brief vorn Dichter empfange. Grand Format, vier Seiten, eng geschrieben! Es kommt schon! dacht' ich mir. Uni eine Galgenfrist zu gewinnen, ließ ich den Brief liegen bis zur Abendstunde, um dann ganz ruhig alle die klugen Lehren und versteckten bitteren Vorwürfe zu lesen und darauf höflich und besänftigend zu antworten. Denken Sie sich mein Erstaunen, als ich — enthusiastisches Lob fand! Da habe ich den Menschen enorm hoch geschätzt. So des Dichters Eitelkeit beiseite zu lassen! Auf einen lang gehegten Wunsch, auf eine neue, frische Ovation im fremden Land gern und heiter z»u verzichten, au prokit d’une idee! — das war doch sehr edel! Und daß es keine Ausflucht war, keine maniere de s’en ficher spirituellement, bewies die Treue seiner Erinnerung und viele, viele schöne Briefe wie der gestrige, die er mir von Zeit zu Zeit schreibt. Er war wirklich zufrieden, daß sein Werk sich überlebt, daß es seine Wirkung getan hatte und nun veraltet war! Das findet man höchst selten ..." Regina Neiße r. Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Heinrich Schöll .Inn., Roman von Georg Hermann. Egon Fleischt u. Eo. Berlin 1915. Hans Hart: Wunderkinder. Leipzig. Verlag von L. Staackmann. 1916. Das Gänsemännchen, Roman von Jakob Wassermann. Fischer Verlag. Berlin 1915. Societatea Ciilturala Saron Bucaresti Povestiri Chassidjce de Dr. I. J. Niemirower. Depofcitul General Libräria Noua (Carol )\ Segall), Bucnresti, Calea Vielerlei No. 78. Proinl 50 bani. Vom gesicherten und ungesicherten Leben. Ernste Plaudereien von Georg Hermann. Egon Fleischel u. Co., Berlin. 1915. E. T. A. Hoffmanns Tagebücher und literarische Entwürfe, mit Erläuterungen und ausführlichen Verzeichnissen, herausgegeben von Hans von Müller. Erster Band, -entfjaltenb die Texte der Tagebücher und ein Verzeichnis der darin genannten Werke Hoffmanns. Berlin 1915. Verlag von Gebrüder Paetel (Tr. Georg Paetel). Doris Wittner: Die Geschichte der kleinen Fliege, ein Heine- Roman. Grethlein n. Co. G. m. b. H., Leipzig. Der Hüttenmeister von Dornitz, Erzählung aus dem 30jährigen Kriege von S. Schultze-Gallera. Dresden, Verlag von Carl Reißner. 1915. Die Entstehung des Schulchan-Aruch. Beitrag zur Festlegung der Hatacha von Dr. Ch. Tschernowitz. Bern, Akademische Buchhandlung von Max Trechsel. 1915. Literarische Mitteilungen. „ D e r Tunnel", Roman von Bernhard Kellermann. S. Fischer Verlag, Berlin 1913. Es bedarf vielleicht der Entschuldigung, daß wir erst jetzt von diesem Roman sprechen, der bereits 1912 oder 1913 erschienen ist — auf dem Exemplar, das ich besitze und das die Jahreszahl 1913 trägt, ist bemerkt, daß es zu dem 36. bis 50. Tausend gehört: ein Beweis von der ganz ungewöhnlichen Verbreitung des Werkes. Nachdem es erschienen lvar lind monatelang nachher sprach jedermann davon; jetzt, da die Welt mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist, mag es bei vielen schon in Vergessenheit gefallen sein. Ich gehöre nun zu denen, die Neuigkeiten gegenüber recht zurückhaltend zu fein vermögen, und habe den Grundsatz, viele Bücher erst daun zu lesen, wenn andere schon darüber hinaus sind. Sv habe ich auch diesen Roman erst im November 1915 mir verschafft und gelesen. Er ist ein technisch virtuoses Kunststück allererster Art. Der Nomau behandelt den Bau eines Tunnels zivischen Amerika und Europa, eines Tunnels, der die für viele bedenkliche, ja oft gefährliche Seefahrt vermeidet und die Möglichkeit gewährt, in einer viel kürzeren Zeit als der schnellste Dampfer von Amerika nach Europa und umgekehrt zu gelangen. Der ganze Bau des Tunnels, die imposante Aufbietung eines riesenhaften Heeres von Arbeitern, Ingenieuren, Technikern lvird geschildert, wahrscheinlich mit voller Beherrschung der gewaltigcu Industrie — die Entscheidung darüber, ob alles Phantastisch Erfundene der Wirklichkeit entspricht, muß ich Kennern überlassen. Die Streiks, das furchtbare, durch eine Explosion veranlaßte Unglück, das Tausende von Menschenleben und Milliarden au Geld tostet, der finanzielle Zusammenbruch des ganzen gewaltigen Werkes, die Wiedererhebung durch den genialen Unternehmer, einen Amerikaner Mac Allan, der von den niedrigsten Anfängen sich zu schwindelhafter Höhe erhoben hat, seine Hartnäckigkeit und Energie werden mit einer stupeuden Kunst dargestellt. Um den Lesern, die den Roman nicht kennen, ben Ausgang zu verraten, sei nur kurz erwähnt, daß Allan sein bewunderungswürdiges Werk zu Ende führt/allerdings erst in 26 Jahren, statt, wie er ursprünglich versprochen, in 15. Die Mittel dazu erhält er, nachdem das große Syndikat mit seinen ungeheuren Milliarden, das zuerst Tausende, ja Millionen bereichert, schließlich ebenso viele zugrunde richtet, untergegangen ist, von einem einzigen Geldgeber, dem Milliardär Lloyd. Mit diesem Gelds vollendet er das Unternehmen und geleitet mit diesem Finanzmann als erstem und einzigem Passagier den ersten Zug nach Europa. Das ist alles mit einer so ungeheuren, realistischen Kunst erzählt imb darcestellt, daß man aus der Spannung, der Aufregung, dem Zittern und Schaudern nicht heranskommt. Neben dieser ungeheuren realistisch-materialistischen Schilderung, die, ich wiederhole es, ein glänzendes, unerreichtes Muster virtuoser Darstellung ist, geht der eigentliche Roman einher. Dieser besteht in folgendem: Mac Allan ist mit einer niedlichen kleinen Frau Mand verheiratet — die Verehelichung hat stattgesnnden, lange bevor das gigantische Unternehmen begonnen! worden ist. Aus dieser Ehe.ift ein Töchterchen h-ervorgegangeu. Mutter und Tochter werden bei der Empörung der Arbeiter, einer Folge der entsetzlichen Katastrophe, durch Steinwürje getötet. Allan, der diesen Verlust tief betrauert, denn er liebt Frau und Tochter, obgleich er sich ihnen sehr wenig widmen konnte, behält seine Lebenskraft. Er vermählt sich zum zweitenmal mit Ethel, .der Tochter des schon genannten Lloyd, nicht aus Liebe, sondern teils dem Zwange gehorchend, der von Ethel geübt wird, teils der Notwendigkeit sich fügend, neue Mittel für sein Werk zu

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