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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-24 · Heft 52 (24.12.1915) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 52 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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T x § W- K E; m 622 von etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die Sehnsucht am heißesten. An dem Tage, als Doktor Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als Höchstes seit seiner Studienzeit vorgeschwebt hatte: — als nämlich Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum kteetor nmgnikieus an unserer Universität ernannte da ging cs von Mund zu Mund, er habe sich mit einem jungen, bildschönen Fräulein mis zwar armer, aber adeliger Familie verlobt. Und wirklich schien von da an das Glück bei Doktor Hulbert eingezogen zu sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend von den Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude. In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. „Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt", soll er einmal gesagt haben, ■ - er hat mir ein Tranmgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit an; - er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so >vill ich, daß ein Schimmer von diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere fällt." Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten anuahm wie seines eigene» Sohnes. Bermutlich in der Erwägung, tute wohl ihm selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und Leben in den Tagen seiner kuinmervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun ans Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht gleich denen einer fluchwürdigen, weil ivir Menschen wohl doch nicht richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich trägt und was Heilsanten, jo begab es sich auch hier, daß aus Doktor Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst entsproß. Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dein Studenten, und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe mit einein Strauß Rosen als Geburtstagspräsent zu überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte. Man sagt, daß die blaue Muttergottesblmne für immer ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schwefliche Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie füllt; gewiß ist, daß die Seele des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim „Loisitschek" — fast bewußtlos vom Fusel - - bis zum Morgengrauen. Und der „Loisitschek" wurde seine Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er irgendwo aus dem Schutt eines Neubans, im Winter hier auf den hölzernen Bänken. — Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte hatte »tan ihm stillschweigend belassen. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Aergernis nähme an seinein Wandel. Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der Iudenstadt sein Wesen trieb, tind so kam es zur Gründung jener seltsamen Gemeinschaft, die man noch heutigentags „das Bataillon" nennt. Doktor Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu verhungern, | schickte ihn Doktor Hulbert splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring — und das Amt auf der sogenannten „Fischbanka" sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen. Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt verwiesen werden, so. heiratete'sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, lind wurde dadurch ansässig. Hundert solcher Auswege wußte Doktor Hulbert, und seinem Rate gegenüber stand die Polizei machtlos da. — Was diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft „verdienten", übergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kasse, aus der der nötige Lebensunterhalt bestritten wurde. — Niemals ließ sich auch nur eines die geringste Unehelichkeit zuschulden kommen. — Mag sein, daß angesichts dieser eisernen Disziplin der Name „das Bataillon" entstand. Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim „Loisitschek" eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. — Und dann erzählte ihnen Doktor Hulbert dort von der Ecke aus. wo jetzt die beiden Musikanten sitzen — gerade unter dem ^önungsbild Seiner Majestät des Kaisers — seine Lebensgeschichte: wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und später Uoekor nmxnikieus geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat — zur Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie seine Braut geworden war - da versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zttsammen. — Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendein liederliches Fratienzimmer ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte. Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, — aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher die Finger. Eines Morgens fand man Doktor Htilbert tot auf einer Bank unten an der Moldati. — Er wird, denke ich, erfroren sein. Sein Leichenbegängnis sehe ich heute noch vor mir. — Das „Bataillon" hatte sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten. Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -das „Bataillon" barfuß, schmntzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. — Einer von ihnen hatte sein letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen ans altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden. So erwiesen sie ihm die letzte Ehre. Auf seinem Grabe draußen im Friedhof steht ein weißer Stein, darin sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. — Man munkelt, Doktor Hulberts Frau soll das Denkmal errichtet haben. — Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom „Bataillon" mittags „beim Loisitschek" umsonst eine Suppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen blechernen Spritze die Brühe hinein, und wenn sich einer nicht ausweisen kann als „vom Bataillon", so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück. Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die ganze Welt."

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