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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-24 · Heft 52 (24.12.1915) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 52 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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fau fVlüdjtlHißcn selbst eine iiulo ^cvpjicijuuii gesichert gvivesvu ivärc. Waren manche Flüchtlinge, besonders aus den Kreisen Insterburg,! Wehlau usw., mach der Septemberschlacht an den masurischen Seen j wieder heimgekehrt, so brachten die e r st e n O k t o b e r t a g e neue j Scharen. Am 30. September, bent Versöhmmgstage, hatten die L y d c r flüchten müssen; sie wandten sich selbstverständlich nach Königsberg. Als die Verpflegungsstelle in der Kaiserstraße eingezogen wurde, tonnte sofort eine ständige Küche für die Flüchtlinge eingerichtet werden. Tie dem Bne-Brith-Ordeu angehörige Kantloge stellte ihre Räume, Steindamm 8, 1, zur Verfügung und spendete Beleuchtung, Gas zum Kochen und 'Heizmaterial. Das Tamentömitee war inzwischen fester organisiert, die freiwilligen'Helsermneu waren unermüdlich tätig, und mit ganz besonderer Liebe und Hingebung hah.die Leiterin der Küche ihres Amtes gewaltet. Die Flüchtlinge erhielten ein einfaches, aber schmackhaftes Essen, und Erwachsene lvie Kinder fanden hier wieder, was ihnen geraubt war, häusliches Behagen. Diejenigen, die aus dem Zusammen- I brach noch etwas gerettet hatten, waren glücklich, nicht auf Unterstützung! angewiesen 31t sein, sondern aus eigenen Mitteln den überaus gering! bemessenen Betrag für die Beköstigung bestreiten zu können. Für die i anderen wurde mit der Leitung der hiesigen Fluchtlingssürsorgestelle ein dem ursprünglichen System ähnliches Verfahren vereinbart. Diese zahlte den für die Verpflegung bestimmten Betrag nicht mehr au die Flüchtlinge, sondern an unser Komitee. Dadurch \mx eine bessere Ueberßcht für die Fürsorgestelle lvie für unser Hilfskomitee ermöglicht. Flüchtlinge wie Fürsorgestelle und Hilfskomitee tonnten mit geringen Ansivendnngen für gute Verpflegung sorgen. Tie Höhe des Ver-; pslegungszuschnsses der Fürsorgestelle wurde wöchentlich nach der Anzahl der verpflegten Personen sestgestellt; er betrug maximal 300 Mark ivöchentlich, lvar aber längere Zeit hindurch in dieser Höhe konstant. Inzwischen hatte die ziveite große Fluchtbewegung im'November wieder Scharen von Flüchtlingen nach Königsberg gebracht, die Anzahl der; verpflegten Personen belief sich Wochen hindurch auf 200. Die behördj liehen Maßnahmen haben nach Möglichkeit die Entfernung der Flucht- ‘ linge ans der Festung Königsberg bezweckt. Allmählich ebbte die Flut! ab, so das; Ende Januar die Küche für die Flüchtlinge geschlossen werden tonnte. Da setzte ein drittes Al a l die Fluchtbewegung ein. Am 18. März 1 waren die Russen in M e m e l emgedrungen. Scharenweise flüchteten! die Bewohner in Schneestürnwn zu Fuß über die Nehrung nach Cranz! und Königsberg. Seelisch waren die Alemeler Flüchtlinge fast rwch mehr zusammengebrochen als selbst die Flüchtlinge im November. In ihrem Hirn malten sich die schreckensvollen Ereignisse und das Furchtbare der Flucht über die Nehrung noch grausiger, als die Wirklichkeit es geboten hakte. Auch als unsere Truppen wenige Tage später Memel! wiedeverobert hatten, wagten die verängstigten Flüchtlinge nicht heimj zu kehren, ja. neue Flüchtlingsscharen kanren, als Memel bereits wieder in deutschen Händen war, ans Angst vor einem neuen Russe nein fall. Das Passahsest stand unmittelbar bevor. Bon dem Gouvernement wurde ein Antrag, die Flüchtlinge über die Datier des Festes hier zu belassen, in entgcgc 1 rkommmdster Weise genehmigt. Wiederum setzte die Hilsstätigkeit ein. In steter Berbindultg mit der Fürsorgestelle sür Flüchtlinge wurde wiederum für llnterkunst, Verpflegung und Festseier für die Unglücklichen gesorgt. Auch für die in Cranz verbliebenen Flüchtlinge hat unser Komitee über das Fest Sorge getragen. ‘ Die Fürsorge beschränkte sich, wie aus vorsteheufam erhellt, nicht! ans bloße Unterstützung, es wurde vielmehr versucht, den Leuten auch! ans der Flucht das Heimatgesühl zu geben. Am Ghanukafeste! wurde in. den Räumen der Kantloge eine Feier mit Bescherung für j die Flüchtlingskinder veranstaltet. Ein würdiges Ehepaar aus Ioj hannisburg beging im Oktober die goldene Hochzeit. Die Mehrzahl; der Kinder war ganz zufällig, ohne Nachricht voneinander gehabt zu! haben, in Königsberg, vereint, und int Anschluß an den Sabbatgottesdienst beging die Gemeinde mit der Fainilie in schlichter gottesdienstlicher Feier das Familienfest. Darüber hinaus setzte die Fürsorge für Flüchtlingskinder ein. Eine Aufforderung an jüdische Familien im Westen, ostpreußische Flüchtlingskinder bei sich aufzunehmen, hatte guten Erfolg. Eine größere Anzahl von Kindern jeden Alters tonnte in geeignet mitgewählten Familien unter gebracht werden. Besondere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, daß die preußische Gesetzgebung eine Organisation der Gemeinden nicht kennt. Abweichend von den anderen Religionsgemeinschaften war hier keine Behörde, die von Anfang an helfend und ordnend eingreifen konnte. Tie frei» io i [ 1 i ge £ v g a 11 i ( a i i 0 n d c v (*> r in e 1 ude n, der Vmöiuw fai Synagegengemeindeu Ostpreußens, ist in dieser außergewöhnlichen Lage in die Stelle einer gesetzlichen Organisation getreten, freilich ohne die Hilfsmittel zur Verfügung zu haben, die einer solchen zu Gebote stehen. Tie Beamten der Gemeinden waren mit der Zerstörung des Gemeindelebens durch die Flucht, teilweise bereits früher infolge der Einberufung der meisten Steuerzahler zu -den Fahnen, ohne alle Subsistenzmittel; es gab keine Behörde, die ihnen ihre Gehälter weiterzahlte. Ein Aufruf des Berbandsaussehusses an die Glaubensgenossen im ganzen Reich ergab einen erheblichen Betrag, der es ermöglichte, den Beamten zwar nicht ihre Gehälter zu zahlen, aber doch ansehnliche Subventionen zu gewähren, bis wieder geordnete Zustände eintreten. Der Verband hat einen Kriegsarbeitsausschuß eingesetzt, der über die Gemeinde Verhältnisse Erhebungen angestellt hat, teilweise die Gemeinden bereisen läßt, mit Rat und Tat den Gemeinden bei der Wiederaufrichtung des Geineindelebens zur Seite steht, die erforderlichen Schritte bei den Behörden in die Wege leitet und für Gottesdienst und Religionsunterricht gesorgt hat. Für einzelne Gemeinden, in denen die Verwaltung nvch nicht wieder in Tätigkeit treten konnte, ist dem Ausschuß des Verbandes von den Königlichen Regierungen die vorläufige Verwaltung übertragen worden. Der Ausschuß des Verbandes hat sich ferner an alle größeren Synagogengemeinden in Deutschland mit der Bitte gewandt, nach dem Muster der Städtepatenschaften sür den Wiederaufbau des jüdischen Gemeindetebens tätig zu sein. Tie Anregung hat erfreulicherweise Aullang gesunden. Es steht zu hoffen, daß diese Hilfe in Verbindung mit "er finanziellen und moralischen Förderung durch die Staatsbehörden das schwer daniederliegende religiöse Leben der betroffenen Gemeinden ivieder anfrichten wird. Die ostpreußischen Juden haben gcnwinsam mit allen Bewohnern der Provinz harte Zeiten durchlebt. In inniger .Heimatsliebe, doppelt eng verbunden durch gemeinsam getragenes Leid, erhoffen sie nach siegreichem Kriege glückliche, friedliche Entwicklung unseres Vaterlandes und unserer Provinz und Erstarkung des religiösen Sinnes in ihren neu aufblühendeu Gemeinden. Gultao Meyrink: Die Lr?ählung 00m Lechtsselehrten Dr. hulbert und keinem Bataillon'). S&S, 'Jio, lim.? full ich Ihnen sagen Ta» Gesicht hatte er voller Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. — Schon als Jüngling kannte er nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Bon dem, was er sich durch Stnndengeben erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter erhalten. - Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder, erfuhr er, glaube ich, mir ans Büchern. Und lvie ivenig vvn Sonnenschein in Prags schwarze Kassen fällt, wissen Sie ja selbst. Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich selbstverständlich. Nun, und mit der Zeit >v»rde er ein berühmter Rechksgelehrter. Sv berühmt, daß alle Leute — Richter und alte Advokaten —- zu ihm fragen kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. — Dabei lebte er ärmlich wie ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinantz auf den Teinhof schaute. Sv vergingen Jahre um Jahre, und Doktor Hulberts Auf als Leuchte seiner Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. - Daß ein Mann wie er weichen Herzensempfindlingen zugänglich sein könnte, zumal sein Haar scholl anfing, lvciß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je M Ans dem bei llnri Wolis Verlag, Leipzig, erschienenen neuen Roman „Der Golem", der ein grandioses Bild des mittelalterlichen Prag darstellt.

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