Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Andersgläubigen genannt. Denn rein und lauter war der Grundzug seines Charakters und die Toleranz eine seiner hervorragendsten Eigenschaften. Dies gilt für ihn als Prediger in gleicher Weise wie als Mann, der stets bestrebt war, seine reichen Gaben des Verstandes im allgemeinen Interesse zu gebrauchen. Die Wirksamkeit des Verstorbenen hatte sich allezeit weit über den Kreis seines geistlichen Amtes erstreckt. Wo es das Wirken für das Gemeinwohl, für ideale und wohltätige Bestrebungen, ganz besonders aber für die Sache des Kultursortschritts, der Volksbildung und der sittlichen und politischen Freiheit galt, da hat er in Görlitz immer mit in erster Reihe gestanden, aufopferungsvoll und weitblickend seine Kräfte dem Allgemeinwohl gewidmet. Und gern hörten auch Andersgläubige den Verstorbenen, der ein so glänzender Redner war, daß sich niemand dem von seinen Worten ausgehenden tiefen Eindruck entziehen konnte. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, die Wirksamkeit des Verstorbenen ausführlich zu würdigen und das Charakterbild seiner Persönlichkeit zu zeichnen. Denn in seiner langjährigen Tätigkeit gab es manchen freudigen und festlichen Anlaß, seiner Persönlichkeit und ihres Wirkens zu gedenken, beute seien aus seinem Leben folgende Angaben gemacht: Dr. Freund wurde 1829 zu Schmiegel (Provinz Posen) geboren und wurde ' im Jahre 1876 in das Amt eines Predigers und Rabbiners der Görlitzer Synagogengemeinde berufen. Als er im Jahre 1S81 sein 27 jähriges Amtsjubiläum feierte, priesen ihn die dargebrachten herzlichen Glückwunschovationen als „leuchtendes Vorbild in der Erfüllung der höchsten göttlichen Pflicht, der Nächstenliebe". Bei seinem 40 jährigen Amtsjubiläum im Jahre 1896 wurde der Jubilar ebenfalls herzlich gefeiert. Die Adresse, die ihm von der hiesigen israelitischen Gemeinde zil seinem 70. Geburtstage, im Jahre 1899, dargebracht wurde, hob hervor, daß Tr. Freund zu der Achtung, deren die Gemeinde „in unserer lieben schönen Stadt sich erfreut", ganz besonders beigetragen habe. Unter ganz außerordentlicher Anteilnahme aber wurde im Dezember 1906 das öchährige Amttzjubiläum Dr. Freunds gefeiert. Cs war ein Festtag, dem neben unseren israelitischen Mitbürgern alle Kreise unserer Stadt, Behörden, Vereine, Korporationen usw. durch Uebersendung von Glückwünschen und Entsendung feierlicher Deputationen ihr aufrichtiges herzliches Interesse bezeugten. Unter Anteilnahme der anderen Konfessionen und weiterer Kreise der Bürgerschaft hat die hiesige Synagogengemeinde am 7. März 1911 feierlich ihr neues prächtiges Gotteshaus einweihen können zur größten Freude ihres verehrten Predigers Dr. Freund, dessen Lebenswerk damit die schönste Krönung erhielt. 1908 konnte er mit seiner Gemahlin das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Am 4. April 1914 schied der Verstorbene aus dem Amte; seine Ruhezeit war Rabbiner gestorben am also nur etwa llA Jahre lang. Bei der Abschiedsfeier hatte sich damals die Synagogengemeinde säst vollzählig eingefunden und bewies schon dadurch die Verehrung, die sie ihrem scheidenden Prediger entgegenbrachte. In zu Herzen gehenden Worten gab er einen knappen Ueberblick über seine gesegnete Tätigkeit. Das Hauptmerkmal seines Wesens zeichnete er bei dieser Gelegenheit selber in feierlichen, mit der Würde des Alters gesprochenen Worten, daß er seinen Gott zum Zeugen dafür anrufen konnte, daß er die heilige Stätte nie durch eine Unwahrheit entweiht, daß er alle Worte aus innerer Ueberzeugung gesprochen habe und nie einer anderen Konfession zu nahe getreten sei. Diese letzte Tatsache wurde gleichsam bekräftigt durch die Anwesenheit der städtischen Behörden, die bei der Feier durch Herrn Oberbürgermeister Snah, Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Roth und Stadtschulrat Dr. Wiedemann vertreten waren. Herr Oberbürgermeister Snay Überreichte dem Scheidenden damals in der Synagoge den Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife. Nach seinem Uebertritt in den Ruhestand zog sich der Verstorbene von allen Aemtern zurück. Ein guter und geistesstarker Mann ist mit ihm dahingegangen. Er ruhe in Frieden! pb. Lin Matt drr Lrinnkrung an Julius SoLkiibrrg. Vluflc bi lieft e§ au s feinen Briefen. Von Dr. G. or wenigen 4*/ Jahren sah unb sprach ich noch in seiner ganzen Frische den Mann, dessen „Rundschau" mir und so vielen mit mir in der Sturm- und Drangzeit der geistigen Entwicklung den Gesichtskreis 31t ästhetischer Auffassung der großen und kleinen Dinge geweitet hatte. Sein echt goethisch belebtes Geplauder verbreitete da- I mals in unserer kleinen Festgesellschaft um seine fein durchj geistigte Persönlichkeit den Reiz und die Weihe klassischen Emp- > findens, einen Hauch aus dem erfrischenden Schatten der Ti-! tauen, in dem sie groß geworden, die Zellgen der Erstarkung! Deutschlands aus dem Potpourri der Vaterländer zur ge-! wattigen Symphonie der stärksten Kontinentalmacht. ' Und jetzt, da auch er, der letzte, seit Jahresfrist zu den Ge-! Hilden seliger Schatten entschwunden, blättere ich in Familieni briefen aus dem Kreise, in den er in seinen Jugenderinnerunj gen, der letzten Gabe seines Geistes, so gemütvoll uns einsührt, dem Buch, in dem er auch seinen jüdischen Kindheitseindrücken ein Denkmal gesetzt hat, freilich nach starken i Kürzungen des Manuskriptes, die wir um so mehr bedauern, als gerade sie uns den Juden Rodenberg noch deutlicher hätten erkennen lassen. In diesen Briefen, darunter einiges von der Hand seiner; Mutter, die durch seine Darstellung als Typus bekannter Dr. Freund r>. November n.)V>-