Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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..£o sehr siet) nun unser Stiftern des «d)iifei'4 der notunmlcn Arbeit auch bewährt Hut, so glaube ich doch uicht, daß die Vinte das aner tennen und die Konsequenzen daraus ziehen wird. Zahlreiche Aenßernngen in ihrer Presse lassen vielmehr schon jetzt erkennen, daß sie nach uue vor namentlich gegen die landwirtschaftlichen Zölle Stur in laufen werden; der fanatische Haß, der den größten Teil des deutschen Liberalismus, abweichend von dem anderer Länder, gegen die Landwirtschaft beseelt, bärgt dafür. Einer g e w i s s e n -N evi - s i o n werden unsere Zollsätze freilich bedürfen, aber in anderer Richtung. Ich meine, wir müssen einen Ausgleich, eine gerechtere A b m e s s u n g d e r l a n d w i r t s ch a f t l i ch e n und d e r i n d nstriellen 3 ö U e unter sich an st reden. Tie Letzteren sind verhältnismäßig viel höher als die ersteren und s ch ä d i g e n dadurch indirekt die Landwirtschaft, indem sie der letzteren Kapitalien und Arbeitskräfte künstlich entziehen ... Eine solche treibhansartige Entwickelung der I u d u st r i e, wie wir sie erleben, birgt doch auch große Gefahren in lvirtschaftlicher und politischer Beziehung in sich. Wenn die Berindustrialisierung des Reiches in dein Tempo weiter fortschreitet wie bisher, können die gefährlichsten Krisen ltnd Rückschläge gar nicht ansbleiben. Bei der Neuregelung unseres Zolltarifes lege ich weniger Wert auf die absolute Höhe der Zollsätze als auf einen billigen, gerechten Allsgleich zlvischen den großell Prvduktronßgebieten -- sei es durch eine Ermäßigung der industriellen Zölle oder eine Erhöhung der landwirls ch a f t l i ch e u; loir lverden hierauf' um so mehr dringen müssen, als die Landwirtschaft nach dem Kriege ja in eine außerordentlich schwierige Lage ge rat eil wird." Wir verzichten angesichts all dieser Ofsenherzigteitelt auf jedes weitere Wort der Kritik. Wir halten es für geradezli verdienstvoll, daß Herr v. B o n i n ben Stimmungen und Wünschen, die ihn lmd geslnnnngsverlvaildte Kreise beherrschen, einmal so ungeschminkt Ansdrltck gegebell hat, und zwar zll einer Zeit, )v o de r R e i ch s t a g v e r s a m m c 11 ist. Ter fantt doch, um mit dem Reichsta-gsabgeordneten für Kvslitt 5 zn reden, „von der Zensnrbehörde nicht mnndtot gemacht werden". Der zweite Artikel hat folgenden Wortlallt: „W o z ll das;'" Unter der Ueberschrift: „Wozu das^" lvendet sich die „Deutsche TageszeitlUlg" in ihrem „lmterhaltondert Teil" gegen den Verleget Et-gen Ticderichs in Jena, der im Verlauf einer Aliseinandersetzlillg im „Bltchhältdlcrbörseltblatt" ein Berliner Mvntagsblatt als „antis e ln i t i s ch" bezeichltet hat. „Das gelvotlte spöttische Betonen dev antiseulitischell Richtllllg einer Zeitlmg, die nupartetisch über Dichtungen zlt ltrteilon sucht" — heißt es in der „Deutschen Tageszeitllttg" —„ist gerade in der Zeit des Burgfriedens nll all genehm." Wir würden in der Tatsache, daß der Leiter des „unterhaltendell Teils" die Bezeichnung „antisemitisch" unangelwhlu findet, einen gewissen Fortschritt erblicken, wenn danll nicht gleich dahintet gesagt wurde, der Herallsgeber des betreffenden Montagsblattes habe sem-em Organ „nach dein Vorbilde der f r a ll z ö s i s ch e n . e n g l i - s ehe n , i t a l i eu i s ehe ll Juden einen mehr vaterländischen Anstrich gegeben". Diese Worte enthalten eine niedrige Schmähung der deutschen Juden, von denen viele den Tod für ihr Vaterland erlittcu habelr und recht zahlreiche freiwillig in den Krieg hinausj üczogetl sind —' wodurch sie sich von gewissen antisemitisch-nationalistischeu Federheldett, die aus der langjährigen Betorllmg ihrer Kriegslust! uicht die rechtell Folgerungen gezogell haben, bemertenstvert lluterscheideil. In dem sehr bemerkenswerten, viel besprochenen Buche von Friedrich Naumann: „Mittele u r o p a" (Berlin, GeorgReimer, 1915), eine der wichtigsten Erscheinungen unserer Tage, aus die wir vielleicht noch in anderem Zusammenhänge zurückkommen müssen, findet sich in dem Kapitel „Konfession und Nationalitäten" attd) ein Abschnitt über die mitteleuropäischen Juden urtb die Nationalitätenfrage, der so bedeutsam ist, daß er hier wörtlich folgen muß; er lautet: „Hier an dieser Stelle zwischen den Konfessionell lmd Rativnali-! täten Ulliß ein Wort von den mitteleuropäischen Jllden geredet werden. In: Deukschell Reich gelten sie als Konfession und legen Gelvicht daralls, Telltsche zu feilt. In der Donaumonarchie ist'die Sache viel verlvickelter, da es hier nicht nllr delltsche, sondern ebenso polnische, tschechische, ungarische Juden gibt, und da sie tut Rationalitätengemisch vielfach als selbständige Ratumallläl nnflretcn und sich nicht erst aif eine der vorhandenen Böltergrnppen ansihueßen. Wenn ein Jlide aus Galizien nach Wien übersiedelt, so bedenket das nicht innner, daß er! deutsch lvird. Tazll konnnk, daß die Jllden in den östlichen Gebieten - Oesterreichs nild teillveise auti) Ullgarils 'viel gedrängter und Volk- Hafter beieinander sitzen, vergleichbar einer besonderen Kaste, die ihre l eigenen Gebräuche, Berufe lilld Sprache besitzt lind gar nicht i'n dent : üvrigelt Voltsgemisch verfließen will. In dem langen Verzeichnis ' der öfter reicht scheil politischen Parteien tritt sogar als kleine Partei-! gruppe der „Jüdische Klitb" auf, währettd.sonst natürlich Juden fast tu! allen anderen Parteien erscheiltelt. Es gibt eine Alizahl von beachtlichen Städten, in denen die Inden über 50 Prozent der Bevölkerung : ausmacheu unt> also die Verwaltmtg direkt iu der Hand haben. Wir ltennen als solche Orte: Rzeszolv, Rawarnsta, Vrody, Zloezolv, Tarno-! pol, Rohachn, Stanislall, Kolomea lalle in Galizien) und Mnntacs in! Ungarn. In den Haltptstädten Wien, Prag und Krakau ist der israelitische Bestand und Eiuflltß etlva so wie in Amsterdam und Frankfurt a. Ri., : lveselltlich höher dagegen als in Berlin ltnd Breslalt. Jlt Budapest! lvird fast die Zusammensetzung von Warschau, Odessa und Lodz erreicht. Es würde deshalb sehr fatsch sein, beim Gedanken an Mitteleuropa die Jltdell allher acht zlt lassen. Sie sirld vorhau dem ltnd bedenkeit viel für Zeitnllgen, wirtschltftliches Lebert und Politik. Im allgemeinen nehmen lvir an, daß sie in ihren lvestlichell Teilen durch-! alls für die Erlveitermlg des Wirtschaftsgebiets dltrch Schaffung einer! mittelenropäischell Wirtschastsetuheit zu Habelt sind; von den Mei-! itungen der galizischen Juden famt ich mir eine eigene Vorstellung; nicht ntachen, besvltders jetzt, lvo sie wie alle Bevölkermtgen Galiziens j unter den harten und widerspruchsvollen Einwirkungen des graitj samen Krieges zlt leiben Hattert.; Es ist möglich, daß von antifem i tifcXjer Seite nue int Tollt schon I Reiche der große Prozerrtsatz der Inden irr der Tonallmonarchie als - Gegengrund gegen die Herstellung voll Mitteleuropa angeführt lvird:! lrwglich, aber nicht sickjer; denn dieselben Kreise pflegen sehr gute! Freunde der zum Teil alltisemitisch gerichteterl Terltschen irr Oesterreich zu sein und lverden gern mit ihnen zusammen arbeiten wolleri. Ein politischer Erfolg ihrer antiseulitischell Bestrebungen wird aber voraussichtlich auch danit nicht eintreten, nrn so lveniger, als im delltschen lote int österreichtschert und ungarischen Heere israelitische Soldaten während des Krieges ihre Pflicht getan haben wie jeder andere und ihre Staatsbürgerltchteit lvie alle anderen in vielen. Fällen mit deur Tode bekräftigen. Rach dent Kriege lltnß Schluß getnachk lverdelt mit allen gegenseitigett Verhetznngott, denn im Hintergrund liegt der gellteinsante Schützettgrabett. Ter ist politisch ebensoviel wert als die Taufe. Und dauüt sind wir mm an der eigentlichen Dtatioualitätcufrage angelangt. Tie Jndenfrago ist mehr soziale Frage als Natioualitätenfrage im enteren Sinne des Wortes, denn nirgends in Mitteleuropa tann der Jude für sich allein staatsbildend allftreten lvollen. Mag seilte Zlenistische Richtllllg auch das Jltderltllm im ganzen als politische N!acht illllerhatb der Weltpolitik erfassen und in Palästina einen Mittelpunkt jil di scher Gesamüvirkungen sllchen, so berührt doch dieses den inneren Zlt stand der lllttteteuropäischell Grvßstaatell nur sehr indirekt. Wir können und lverden diese interrlatiouate Erscheinung in unsere politischell Berechullugell einsetzen, lvetnl lvir au den türkischen Orient Herangehen, vielleicht aitd), wenn wir der lvestlichell Gebiete Rußlands gedenkell, aber weder im Deutschen Reiche noch in Oesterreich-Ungarn handelt es sich nm jüdische Sprachenfragetl, Herrschaftssragen uub Parteifragen tut größeren Stil. Das ist alles örtlich, höchstens provillziell. Was hier der Jude mit Recht verlangt, ist bürgerliche Anertennung, nicht mehr! In welcher Voltsgnlppe er sich diese Alterkennnng stichelt lvill, ist seine Sache." Sabbiner Dr. Freund' . ach einem tätigen und in jeder Beziehung reich gesegneten Leben ist am 14. November Herr Rabbiner Dr. Freund zu Görlitz im Alter von 87 Jahren sanft entschlafen. Länger als 57 Jahre lang hat er in dieser Stadt für seine Gemeinde wie für das Allgemeinwohl in segensreicher Arbeit gewirkt. Mit Liebe und.Verehrung wurde-sein Name nicht nlrr von seinen Glallbensgenossen. sondern -auch von Ans dem „Neuen Görlitzer Anzeiger" nbgedrlickt.