Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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616 säen. Zeugnis davon geben zwei größere Artikel des „Berliner Tageblatts"; der erste lautet: er i tt e b n r g f r i e d l i ch e A n s p r a ch e. a u brat a. T. v. Voni n a it s e i u c W ft h l e r. Ter Erlaß des Ministers v. Loebell, der den Burgfrieden für geeignet hielt, künftige Wahlen durch Beeinflussung der Kreisblätter vvrznbereiten, beginnt schule .zu machen. Ter Landrat a. D. v. B o n i ii, Rittergntsbesiher und Vertreter des Neustettiner Wahlkreises im Reichstag, richtet an seine Wähler eine gedruckte Ansprache, deren (Gegenstand fast ausschließlich der künftige Kamps gegen den „inneren Feind" ist. Er behauptet, „die konservative Presse ist durch die Z e n s n r b e h ö r d e mundtot gern a ch t", deshalb bleibe nur der Weg eines Briefes an die Wühler übrig, um mit ihnen „in einer gewissen Verbindung" zu bleiben.' Tie Kritik, die Herr v. Bonin au der auswärtigen Politik der Negierung, namentlich gegenüber Amerika, übt, glauben wir ubergehen zu sollen. Er faßt sich hier kurz, wenn auch kräftig. Um so ausführlicher begründet er sein unbegrenztes Mißtrauen gegen die „Neuorientierung" der inneren Politik: „Wenn man aber die Politik unserer Neichsregierung seit Jahrzehnten verfolgt hat und ungefähr weiß, welche Anschauungen und Einflüsse in den maßgebenden Kreisen herrschen, so kann man leider kaum im Zweifel darüber sein, daß diese Neuorientierung in der •K ichtn n g e i n e r n o ch g r ö ß e r e n D e m o k v a t i f i c r n n g u it d B e r j n d n it g u u s e r er ö s f e n t l i ch e n Z n st ä n d e geplant ist." Das ist das Leitmotiv, und danach geht es zunächst au die „kriegswirtschaftlichen Maßnahmen der Reichsregierung": ' „Ta ist zunächst die unterschiedliche Behandlung der Tagespresse: io ä h r e n d di e k o n s e r v a t i v e n;] c i tu n g e n m u n d t o t g e m a ch t | i ii d, heben der „Vorwärts" und andere Judenblätter ziemlich ungeniert gegen uns Konservative und die Landwirtschaft weiter.Ter erste Hehler, der gemacht wurde, bestand meines Erachtens darin, daß für das Rohprodukt (Brotkorn) ein Höchstpreis festgesetzt wurde, anstatt für das Fertigprodukt (Brok), an dessen Preis die Verbraucher doch allein ein Interesse haben. Tie Holge davon ist, daß das Brot in den Eirvßstädten und Industriezentren fast doppelt so teuer ist, als es nach den Korupreisen sein dürste, und daß die Grvßmühleudurch die Fürsorge der K.-G. Millionen über Millionen verdienen. Und dafür loerden die konservativen Landwirte des Brotwnchers und anderer Scheußlichkeiten beschuldigt! Ich fürchte, der Bundesrut wird an seiner gegenwärtigen Kartoffel- Politik auch loenig Freude erleben e s i st n i ch t so lei ch t, d e n;] u k u nfts ft a a t e i n z u f ü h r e n! Als letztes, aber nicht Unwichtigstes inöchte ich in diesem Zusammenhänge Hinweisen ans die Haltung der demokratischen Presse und Abgeordneten, die auch ein gutes Teil Schuld an der Teuerung trifft. Es wiederholt sich hier genau derselbe Vorgang wie bei der Reichsfinanzreform. Wir haben, damals für gewisse Waren, wie Streichhölzer, Zigarren u. a. m., Preissteigerungen erlebt, die in den geringfügigen Steuerbelastnngen gar keine Rechtfertigung finden tonnten, vielmehr nur eine Folge des verlogenen Gezeters im Reichstage und in der liberalen Presse waren. Wenn der Inhaber irgendeiner Ware täglich in der Z e i t u n g l i e st. das; die Ware knapp und teuer ist und noch teurer werden ivird, so läßt er sich das nicht zweimal sagen." Ter alte Faden, daß es keine Uebelftände geben würde, wenn es keine Kritik gäbe, wird noch eine Weite weitergesponnen, dann kommt ein anderes Thema an die Reihe: „Im übrigen werden aber auch die Herren Asphaltpolitiker sich noch mehr mit dem Gedanken vertrant machen müssen, daß Krieg ist und das; sie ihr gewohntes Leben nicht gemächlich weitersühren tonnen. Tie S o z i a l d e m o t r a t c u sind regierungsfähig geworden und ziehen ungehindert in alle möglichen Behörden ufw. ein. In der letzten kurzen Tagung des Reichstages hatte die Regierung nichts Eiligeres zu tun. als eine Abänderung des Boreinsgesetzes dnrchzn drücken, die den sozialdemokratischen Gewerkschaften schranke n l o s e F r e i h e i t gewährt. Wohin soll das alles führend Toll nach dem Kriege der Znk it n f t s ft a a t mit j ft d i f ch e r Spitz e a ufgeriehtet w c r - den '! Es ivird sehr großer Anstrengungen von unserer Seite bedürfen, um eine solche ' Entwickelung zu verhindern und in gesundere Bahnen zurnckzickeiten, was schon verfehlt ist. Den damit I verbundenen schweren Kämpfen werden wir nicht aus dem Wege! gehen dürfen. Ich habe den Eindruck, das; die R e i ch s r e g i e r n n g sich! durch die g e g e n w ä r t i g e Haltung der Sozialj d e m okrati e und des Judentums täuschen läßt. Sie j scheint diesen Mächten es als ein Verdienst anzurechnen und als einen! Beweis von Gesinnungsünderung zu betrachten, daß sie die Milliarj den bewilligt haben und im Kriege anscheinend ihre Schuldigkeit j tun. Das ist aber doch so selbstverständlich und liegt so sehr in; ihrem eigensten Interesse, daß ich darin kein Verdienst erblicken kann. , Die sozialdemokratischen Führer wissen doch ganz genau, daß ihnen j die Wühler zu Hundorttausenden weglansen würden, wenn sie jetzt j eine andere Haltung einnehmeu wollten. Die wirklichen An-! s ch a n u n g e n der Sozialde ui o k r a t i o kommen zum Aus-! druck in der unveränderten Hetze des „Vorwärts" und anderer soi zialdemokratischer Blätter und in der Tatsache, daß die sozialdemv-! kratischen Abgeordneten im Reichstage nach wie vor in das übliche Hoch auf Seine Majestät den Kaiser nicht einstimmen - nicht einmal der Offizierstellvertreter Dr. Südekmn in Uniform! Wenn die Herren sich nicht einmal zu dieser doch rein äußerlichen Huldigung entschließen können, so läßt das ihre innerliche Stellung zur Monarchie und zu der Person des Kaisers deutlich erkennen. Wer die heutige Haltung der Sozialdemokratie für etwas anderes h n 11 a l s ei n P r o d u k t a n s A n g st n n d H e n ch e l e i, den! beneide ich um seinen Optimismus." j Es macht uns wahrlich kein Vergnügen, diese schweren und völlig ' unbegründeten Verdächtigungen und Beleidigungen von Millionen j ehrlicher und tapferer Menschen iveiterzngeben: wir meinen aber.; dieses Treiben muß aus dem Schatten des Burgfriedens einmal ans , Licht der Oefseutlichteit gezogen werden: denn es liegt System darin.! Im Anschluß an jene unverantwortlichen Anklagen wider Bolks-! kreise, die im Schützengraben und daheim ihre Pflicht tun wie konj servative Wähler auch, folgt dann sogleich der Ausruf zum Kampf! wider den inneren Feind: „Ich bin meinerseits der Ansicht, daß die Neuorientierung unserer Politik in der e n t g e g e n g e s e tz t e n R i ch t n n g z u s u ch e n i st. Bor allem in einer viel bestimmteren und konsequenter durch-; geführten Betätigung nationaler Gesichtspunkte, wozu der durch den! Krieg herbeigeführte nationale Aufschwung nicht nur e i n e w o h l u i e lv i e d e r k e h r e n d e Gelegenheit und Veranlassung j bietet, sondern der Regierung geradezu die Pflicht dazu auserlegt.! Hiermit haben eben die Sozialdemokratie und die Judenschaft nichts i zu tun. Wenn unser Volksleben innerlich gesunden soll, unser Volk ans diesem Kriege nicht bloß einen Geivinn an Land und Leuten heim- I bringen, sondern auch eine religiöse und sittliche Erneuerung der; Voltsseele, einen neuen Ausgangspunkt politischer Entwicklung, ‘ d a n n ui ü s s e n diese beide n V! ä ch t e f ü r u n s e r e k ü n f -! tige Politik unschädlich gemacht werde n." Herr v. Bonin hat selbst die Empfindung, daß er seinen Brief j unmöglich schließen könne, ohne auch über die preußische Wahlreform ein kräftiges Wort gesagt zu haben: „Nur auf einen Punkt muß ich aber noch eingehen: er betrifft j die Frage des p r e ii ß i s ch e n W a h I r e ch t s - - eine der t r a u -! r i g ft e u H i u t c r ( a f f e n s ch aste u d e r B ü l o w scheu M i ß -! Wirtschaft. j Die Sozial- und a n d e r e D e m o k r a t c u s ch ci m e n | s i ch nicht, für ihre Pflichterfüllung während des gegenwärtigen j Krieges eine B e l o h n u u g , und als solche eine N c f o r m des | p r e u ß i s ch cn Wahlrechts, zu fordern. Ich bin mir im Hin-; blick auf andere Vorkommnisse nicht ganz sicher, ob die Staats- - regiernng Festigkeit und Eutschlossenheit genug besitzen wird, ein j s o l ch e s A n s i n n e n z u r ü ck z n w eisen, weiß mich aber mit > allen konservativen Männern im Kreise und über die konservative j Partei hinaus mit vielen preußischen Patrioten darin einig, daß hier- ' von n u n u n d n i m m er die Rede sein k a n n. Das preußische Volk hängt mit L i e b e u n d V e r t r a n e n an seinem bewährten Wahlrecht, und die Demokraten aller Schattierungen haben nicht das! Recht, namens des preußischen Volkes zu sprechen."! Mit so viel Liebe und Vertrauen hängt das preußische Volk an . seinem Wahlrecht, daß es zu achtzig und mehr Prozent meistens gar j nicht mehr wählen geht! Ten Schluß des^Briefes macht ein Ausblick! aus die künftige Finanzpolitik. Herr v. Bonin erklärt, der Weg zu! Relchseisenbahneu gehe „nur über seine Leiche" und stellt daun Grund- > sfttze einer neuen Zollpolitik auf: