Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 615 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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615 aufzutreten. Zeugnis davon gibt nachstehende Meldung der „Vossischen Zeitung": Chauvinistische Wissenschaft. Die philosophische Fakultätder römischen Universität forderte den Unterrichtsminister auf, die Professoren und Dozenten österreichischer und deutscher Herkunft vom Amte zu entheben. An der genannten Universität sind gegenwärtig zwei solcher Professoren tätig, der Oesterreicher Hermann L o e w y , Ordinarius der Archäologie, und der Deutsche Julius B e t o ch für alte Geschichte. * Das „Journal des Debats" vom 5. Dezember verbreitet einen Aufruf des in Frankreich residierenden Komitees der rumänischen Juden an ihre Glaubensgenossen in Rumänien. Er feiert in der üblichen pomphaften Weise die Franzosen als Verteidiger der Freiheit und brandmarkt die Deutschen als Vertreter des Antisemitismus. Er enthält die Sätze: „Rumänische Juden! Ihr habt von dem antisemitischen Deutschland nichts 31t hoffen! Es ist nnbarmherzig gegen unterdrückte Völker! Es ist taub gegen die Stimme der Minoritäten, die, zur Wahrung ihres Rechtes frei 31t leben, sich nur auf das Ideal der Freiheit und Menschlichkeit stützen. Nach dem Kriege wird eine neue Welt blühen. Der Sieg der großen freisinnigen Völker wird in Europa den Triumph der demokratischen Ideen herbeisühren. Rumänien, dessen nationale Ansprüche nur durch diesen Sieg verwirklicht werden können, wird sich ohne Zweifel an die Seite der Verteidiger der Zivilisation stellen." Wir denken über Zivilisation anders als die Herren Franzosen (siehe deren Beschießung von Müllheim und Metz) und vertrauen nicht so wie die in Frankreich weilenden Rumänen auf den Sieg Frankreichs, aber wir wollen uns diesen Aufruf merken, wenn von Rumänien aus Ansprüche an den Geldbeutel deutscher Juden gemacht werden. Hertmann Bernstein in New Aork veröffentlicht in dem „Monthlh Bulletin für diejenigen, die durch den Krieg leiden", einen sehr schönen Aufruf zugunsten der armen Juden in Polen und Rußland. Er mahnt die Amerikaner, nicht bloß das traurige Geschick dieser Unglückseligen zu beklagen, sondern ihnen tatkräftig beizustehen, neue Kapitalien zu sammeln und sofort zur Unterstützung der Elenden abzusenden. Zum polnisch-jüdischen Problem wird uns geschrieben: In den beiden letzten Heften der „Preußischen Jahrbücher" findet sich eine interessante Auseinandersetzung über das polnisch-jüdische Probtenl zwischen Herrn Bernard Lauer, der den Standpunkt der polnisch-jüdischen Assimilanten vertritt, und Herrn Nachum Goldmann, der die Sicherstellung der national-kulturellen Rechte der polnischen Jndenheit fordert. Wir geben im folgenden den Gedankengang des Goldmannschen Aufsatzes wieder, der in scharfer und präziser Weise die Gesichtspunkte formuliert, die Deutschland veranlassen müssen, die nationalen Rechte der polnischen Jndenheit sicherzustellen. Einleitend weist Goldmann darauf hin, daß Artikel wie die des Herrn Lauer irreführend seien, „denn sie treten mit dem Anspruch auf, Repräsentanten der Majorität der polnischen Jndenheit zu sein, während ihre Anschauungen in Wahrheit von der überwältigenden Mehrheit derselben aufs schärfste abgelehnt und bekämpft werden". Die polnische Jndenheit bildet einen geschlossenen und voll entwickelten nationalen Organismus und besitzt alle Merkmale eines solchen. Schon allein die Tatsache, daß von 1 957 000 Juden, die in Polen leben, im Jahre 1913 1 942 000 das Jüdischdeutsche als ihre Mutter- und Umgangssprache angaben, beweist aufs schlagendste ihren nationalen Charakter. („Handbuch der polnischen Statistik", Krakau 1915.)! Die Forderung des Herrn Lauer, man solle die Regelung der pol-! nisch-jüdischen Frage allein den Polen überlassen, mutz zurückgewiesen : werden. Denn die Frage der nationalen Existenz der numerisch zweitstärksten Nation Polens ist für die Zentralmächte eine Sache von viel zu großer Bedeutung, als datz sie auf ihre Mitbestimmung bei ihrer Regelung verzichten köunteu. Es ist ferner sittlich nicht gerechtfertigt, der polnischen Jndenheit das Recht zur nationalen Forteristenz abzusprechen, da sie als existierende Nationalität auch das sittliche Recht auf ihre Forterhaltung besitzt. Aber auch das politische Interesse Deutschlands gebietet die Erhaltung der jüdischen Nation in Polen. Das Hauptinteresse, das Deutschland an der polnischen Frage besitzt, besteht vor allem darin, in Polen ein Bollwerk gegen Rußland zu schassen und dieses Land, das jahrhundertelang dem westeuropäischen Kutturkreis angehörte, wieder an Mittel- und Westeuropa anzngliedern. Deutschland hat mithin alles Interesse daran, diejenigen Bevölkerungsteile in Polen zu stärken, von denen ein Widerstand gegen die innere Wiederangliederung Polens an Mitteleuropa mit wenigsten zu erwarten ist. Wer aber müßte diese Neneinbeziehnng Polens in den mitteleuropäischen Knltnrkreis freudiger begrüßen und unterstützen als die polnischen Juden? Denn abgesehen davon, daß sie von Rußland nichts Gutes zu erwarten haben, kommt noch ihre Verwandtschaft mit dem Deutschtum hinzu, die durch die jüdischdentsche Sprache bedingt werde, „lind hieße es nicht mithin für die deutsche Politik, sich ins eigene Fleisch schneiden, wollte sie die polnischen Juden den Polen ansliefern und sich damit zwei Millionen treuer und sicherer Freunde entziehen?" Herr Goldmann wendet sich sodann gegen den Borwurs, der gegen ihn erhoben wurde, daß er die polnischen Inden germanisieren wolle, und betont, daß er ihre Germanisiernng ebensowenig wünsche wie die Polonisiernna, vielmehr die Erhaltung der Juden als Inden fordere, die eben im Interesse Deutschlands liege. Sodann tritt er dem immer wieder vorgebrachten Argumente entgegen, die Forterhattnng der polnischen Inden als Nation werde den Frieden des Landes untergraben; er weist ans den brutalen Egoismus hin, der sich in dieser Argumentation ansdrückt, und fordert von den Polen so viel Gerechtigkeitssinn, daß sie die Existenz der jüdischen Nation neben der ihrigen anerkennen und ihr das Recht auf das Dasein nicht bestreiten; dann werde der Friede des Landes nicht bedroht sein. Hingegen würde der Versuch, die polnische Jndenheit zur Ausgabe ihrer Nationalität zu zwingen, in Wahrheit den Frieden des' Landes untergraben, da diese naturgemäß mit aller Energie und Leidenschaft sich gegen solche Vergewaltigung. wehren würde. Nachdem der Artikel noch kurz darauf hinweist, daß der außerordentlich scharfe polnisch-jüdische Gegensatz in erster Reihe die Folge der reaktionären rnssophilen polnischen Politik der letzten Jahre sei und mit dem Zusammenbruch dieser Politik in diesem Kriege schwinden müsse, schließt er mit folgenden Sätzen: „Die Lösung des polnischjüdischen Problems durch die Anerkennung und Sicherstellung der polnischen Juden als Station ohne irgendwelche Art der Germamsierung ist die einzig mögliche und fruchtbringende. Sie gibt beiden Parteien das, was sie fordern dürfen: den Inden das Recht zur Fortexistenz, den Polen die Anerkennung des vorherrschenden politischen Charakters dieses Landes. Für Deutschland aber ist diese Lösung darum von größtem Nutzen, weil sie ihm in den Inden sichere und treue Freunde und zuverlässige Wahrer der Bande gibt, die Polen in Zukunft mit Mitteleuropa verbinden sollen." * Mancherlei ist über Deutschland zu melden. Ganz erfreulich ist folgende Notiz, zumal sie über eine Korporation berichtet, die sonst nicht im Rufe judenfreundlicher Gesinnung steht. Sie lautet: F ü r die j ü d i s ch e n reisende n K a u f l e 111 e. Nachdem nt letzter Zeit verschiedene Korporationen, wie der Handelsvertragsverein ilnd der Hansabuud, wegen der jüdischen Reisenden in Rußland beim Reichskanzler vorstellig geworden sind, hat auch der Verband reisender Kauflcnte Deutschlands seine Eingabe von 1911 über die G l e i ch st e l l n n g der j ü d i s che n Reise n d e n mit den nichtjüdischen erneuert. Dagegen mehren sich in unliebsamer Weise die Versuche der A n t i s e m i t e n, Unfrieden in Deuts cf) I an d zu