Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1915)
- Date
- 1915-12-24
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
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614 diese Anschauung ist falsch. Wie die griechische» Philosophen, hatte er wahrscheinlich nach dem „höchsten Gute" gesucht und es im Leben gefunden, und nachdem er es als solches erkannt, schickte er sich dazu an, es für seine Stammesgenossen zu regeln und Vorschriften zu dessen Erhaltung und zum Wohle der Armen wie der Reichen niederzulegen. Auch verheimlichte er diese Absicht gar nicht; denn in der Fassung der Vorschriften beanstandete er nicht, den Grund oder die verheißene Belohnung für deren Erfüllung in den Worten hinzuzufügen: „damit du lange lebest ans dem Erdreich, das der Herr dein Gott dir gegeben." — Aus dem 5. Buche Mosis erhellt es klar, daß dem Verfasser, wer er auch gewesen, das „höchste Gut" das Leben war. Als Zweck der Beobachtung der Gesetze wird dort das Leben erklärt: „Diejenigen, die Gott anhängen, sind sämtlich am Leben", und dieser Vers wird in der Synagoge vor jedesmaliger Vorlesung aus der Thora rezitiert. Ebenso wird die Thora in der Liturgie als „Baum des Lebens" bezeichnet. Den Israeliten wird in demselben Buche zwischen dem Leben und dem Tode die Wahl gelassen. Gott hat den Menschen geschaffen, indem er in seine Nase den Hauch des Lebens geblasen, welcher der göttliche Teil oder die Seele in ihm ist. An den heiligsten Tagen des Jahres, den sogenannten Bußtagen, werden besondere Gebete um Leben in die Liturgie eingeschaltet. Da das Leben also einen so großen Wert in den Augen des Stifters der jüdischen Religion hatte, so ist es nur natürlich und logisch, daß der Pentateuch so viele Vorschriften enthält, die keinen andern Zweck haben, als das Leben zu regeln. Aus dem angedeuteten Prinzip fließen die diätetischen Gesetze, oder Speisegesetze, die der Reinigung, die der Volks- und Landwirtschaft, die sozialen und ethischen Vorschriften, von denen die letzteren ihren Gipfelpunkt erreichen in der großen Vorschrift: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." — Nach all dem Gesagten wird es nicht mehr schwer fallen, sich die seltene und so viel besprochene Zähigkeit des jüdischen Volkes zu erklären. Dem Leben zugetan, wie es jedes lebende Wesen instinktmäßig ist, in erster Linie, und aus Grund der Lehren seiner Religion in zweiter, meidet der Israelit, wie allgemein anerkannt wird, einerseits die Laster, die es untergraben und vernichten, und übt andererseits die Tugenden, die es begünstigen; er pflegt seine Gesundheit und ist mäßig in seinen Genüssen. Zu leben ist sein hauptsächlichster Wunsch, womöglich „bis hundert Jahre", welches letztere eine stehende Beglückwünschungsformel bei den Juden ist. Von diesem Gesichtspunkte aus wird man es leicht verstehen, weshalb es diejenige Religion ist, welche vorzugsweise die erhabene Idee vom Messias oder dem „goldenen Zeitalter" lehrt und - entwickelt hat, auf welche alle Kultur hinzielt und wonach sie strebt, — die Lehre von jener Zeit, „wo die Nationen ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Nebenmessern stumpf machen werden" ... wo alle Menschen werden verehren einen Gott, wo „der Tod auf immer verschlungen sein wird". Von dieser Hoffnung, welche im 12. Glaubensartikel des Maimvnides zum Dogma formuliert worden, sind die Juden jahrhundertelang getragen und auch wohl erhalten worden, und sie ihrerseits haben diese Hoffnung mit seltener Ausdauer gehegt und sich daran geklammert. Ich habe nicht nötig zu sagen, daß die so heiß ersehnte Zeit noch nicht eingetrosfen ist. Allein alle unsere Arbeiten zur Verbesserung der sozialen Zustände, alle unsere Bemühungen, die internationalen Beziehungen zu glätten, streben nur danach und zielen nur darauf hin, ihre Ankunft herbeizuführen. Der Hauptzweck der Gesetzgebung der zivilisierten Völker ist es, die Lage der ärmeren Klassen zu verbessern und den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten, so wie es das Ziel der Männer der Wissenschaft ist, das Uehel zu vermeiden und es erträglicher und angenehmer zu gestalten. Vielleicht würde es, wollten die Menschen den Naturgesetzen gemäß leben, so, wie sie vom Klima und den besonderen Bedingungen jeden Landes vorgeschrieben sind, keine Krankheiten mehr geben, vielleicht sogar keine Armut mehr; die Laster würden nicht mehr den Leib, noch Schwermut die Seele töten; denn Schwermut ist der Tod. Inzwischen müssen wir doch alle hoffen, ohne uns indessen Illusionen hinzugeben. Denn selbst nach dem Pentateuch wird die Armut nie im Lande aushören, und aus diesem Grunde sind dort die humansten Vorschriften zugunsten der Armen niedergelegt, und es ist ja allgemein bekannt und anerkannt worden, mit welcher Opferfreudigkeit gerade die Juden für ihre Armen und die Kranken sorgen. Sie Woche. Berlin, den 21. Dezember 1915. uf die Reden des deutschen Reichskanzlers, von denen in der letzten Uebersicht gesprochen wurde und mit denen, außer den länderbegierigen Alldeutschen, wohl jedermann in Deutschland zufrieden war, ist die des Staatssekretärs Hel ff er ich gefolgt, welche die bereits angekündigten weiteren zehn Milliarden Kriegskredit forderte. War die erstere ein Sieg deutscher Besonnenheit und Mäßigung, so kann man die letztere als einen Triumph deutscher Kapitalkraft bezeichnen. Die Kriegsvorgänge der letzten Wochen waren mäßig. Als Resultat der vierten I s o n z o - S ch l a ch t, die man gegenwärtig wohl als beendet betrachten kann, ohne daß man zu sagen vermag, ob und wann eine fünfte folgen wird, darf man das Scheitern der italienischen Angriffe bezeichnen. Die Schlacht schließt mit dem ungeheuren Verlust der Italiener von 70 000 Mann. Auf dem Balkankriegsschauplatz haben die verbündeten Truppen ihre große Siegeslaufbahn nach der VernichtungSerbiens nur insofern weiter verfolgt, als dieösterreichischen Truppen weiter nach Montenegro gezogen sind und dort bereits wichtige Plätze eingenommen haben. Dagegen sind die Unternehmungen gegen die Engländer und Franzosen, nachdem diese aus dem mazedonischen Gebiete vertrieben worden sind, einstweilen zu einem Stillstände gelangt. Zwischen den Griechen und den Ententemächten scheinen Unstimmigkeiten zu herrschen; es verlautet, daß die Griechen gegen eine Befestigung Salonikis protestiert haben, und es scheint, daß die Griechen wenig gesonnen sind, sich mit den Scharen unserer Feinde zu irgendwelcher Gemeinsamkeit zu verbinden, obgleich sie ihnen das ruhige Verweilen in ihrem Lande gestatten. Es besagt wenig, daß die englischen und französischen Heerführer, die dort operieren, sich einer gewissen Siegesfreudigkeit hingeben, hoffentlich wird bald genug diese zuversichtliche Stimmung vor den Ereignisse» weichen. Daß die beiden obersten Heerführer der Franzosen und Engländer, die Herren I o f f r e und F r e n ch, von ihre»: Posten abberufen worden sind, der erstere unter der Verleihung eines Titels eines Generalissimus, der letztere mi einer Rang- und Titelerhöhung, soll nur kurz angedeute werden; es ist nicht ganz bestimmt, aber höchst wahrscheinlich daß diese Abberufungen Zeichen der Unzufriedenheit mi ihren Leistungen sind und daß die Genannten, wie so viel: hohe Würdenträger unserer Gegner, damit nur ein Zeugni für ihre Unfähigkeit erhalten haben. * Da die Italiener sonst gegen ihre Gegner nichts ver-I »»rügen, so suchen sie in kleinlichster Weise gegen die Deutsch-! geborenen, die in ihrem Lande eine hohe Stellung einnehme» I