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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-24 · Heft 52 (24.12.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 52 (24.12.1915)
Date
1915-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 52 Berlin, 24. Dezember 1915 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Artung erscheint wöchenlNch. Ab an ne m e njs - P re'l s; durch den Buchhandel oder die pofl (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JtT. — Postscheckkonto. vegrün-et von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Der Wert des Gebells im Judentum. Von Dr. B. Seligköwih, Köthen. — Die Woche. — Rabbiner Dr. Freund. Von ph. — Ein Vlatt der Erinnerung an Julius Rodenberg. Un^edruckteZ aus seinen Briefen. Von Tr. G — Naä) zwanzig Jahren. Von Herbst. — Die Flüchtlirigssnrsorge in den jüdischen Gemeirtden. Von Rabbiner Dr. Vogel st ein, Königsberg i. Pr. — Feuilleton: Gustav Meyrink: Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon. — Lesefrüchte. — Büchereinlans. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Graudenz, Briefen, Kottbus, Nürnberg, Hannover. Kopenhagen, Wien. — Von Nah und Fern. Der Wert des Lebens im Judentum. Po» Dr. 33. Seligkv w i tz , ,fiütl)ci;. wei Richtungen des praktischen Denkens nnd des Handelns stehen einander im 1>i en sch enge schlecht vielleicht schon sv lange gegenüber, >vie der Mensch über sein Dasein nachgedacht hat. Die eine betrachtet das menschliche Leben als ein Gnt, das wert ist, um seiner selbst willen erhalten zu lverden nnd in ihm seine Befriedigung z» suchen, ilnd verfvlgt daher den Zweck, durch die vermeintliche Erkenntnis der Freudnnd LichtgneUen, durch Vervollkommnung der Lebentzbedingnngen, durch die Energie des Wvllcns die sittlichen nnd physischen Leiden zu mindern nnd die Freuden zu erhöhen, durch Bekämpsnng der Nebel tm frischen Streben die Glückseligkeit zu erringen. - Die andere verneint den positiven Wert des Lebens, hält das Leben für eine Prüfnirgszeit, für eine Kette nicht zu hebender Leiden nnd glaubt, daß erst mit dein Anshören des Lebens, mit dem Tvde, der Friede oder das ungestörte Glück beginne, nnd daß es in der Aufgabe der Pienscheu liege, allen Freuden des irdischen Daseins zu entsagen. Schopenhauer, dessen philosophisches System in dem schreienden Weltschmerz gipfelt, betrachtet von diesem Standpunkte, als den: hauptsächlichsten Unterschied der verschiedenen Religionen, nicht etwa, ihren monotheistischen oder polytheistischen, sondern vielmehr ihren optimistischen und pessimistischen Charakter; den Buddhismus und insbesondere das Christentum stellt er mir deshalb so hoch, weil dies pessimistische Religionen sind. „Die Kraft, vermöge der das Christentum zunächst das Jndentum und dann das griechische und römische Heidentum überwinden konnte, liegt ganz allein in seinen: Pessimismus, in dom Eingeständnis, daß unser Zustand ein höchst elender und zugleich sündhafter ist, während das Judentum optimistisch ist." Die jüdische Religion entstand in einer Zeit, in der sich das jüdische Volk kräftig zu entwickeln und zu vermehren begonnen hatte nnd die weitestgehenden Hoffnungen für die Zukunft hegte, wie sie nur ein jugendliches, kräftiges, aufblühendes Volk nähren kann. Bei dieser Gesundheit, der jugendlichen Kraft nnd dem Mute, womit die Juden nach der Befreiung aus Aegypten in Palästina ein Volk nach dem andern besiegten und sich in den Besitz des Landes setzten, konnte der Glaube des jüdischen Volkes »nr ein ganz optimistischer lverden; d. h. der Glaube fand seinen Schwerpunkt in der Einheit der Religion und des praktischen Lebens, in einen: religiösen „Diesseits", in der Vollberechtigung des selbständigen Menschen. Dieser optimistische Eharakter der jüdischen Religion, verbunden mit den zweckmäßigen Lcbensregeln, insbesondere mit ihrer Mäßigkeit gegenüber den Schwelgereien des griechischen und römischen Heidentums, hat den Juden bis heute ihre jugendliche Energie bewahrt; und es ist außer allein Zweifel, daß die Verfolgungen, die sie überall erdulden müssen, nur dazu dienen werden nnd dazu gedient haben, sie vor dem Erschlaffen z>: bewahren nnd ihre Energie zu heben. Die Bedingungen, unter denen die christliche Religion entstand, waren ganz die entgegengesetzten. Mit der asiatischen Herrlichkeit war es zu Ende; die Blütezeit Aegyptens war vorüber; das herrliche Volk der Griechen war erschlafft, feine physische Kraft und seine Macht gebrochen, und auch bas römische -)ieicf) trug die Keime des Unterganges in sich. Das griechische und römische Heidentum mit seinen Schwelgereien hatten die Rervenkraft der Menschen ruiniert; die Menschheit war Übersättigt von den Genüssen des Daseins, und Krankheit und Elend als Folgen der Kultur der absterbenden Völker nahmen allenthalben überhand. Die Begierden ivarei: stets befriedigt und so hoch gesteigert worden, daß eine lveitere Befriedigung nicht mehr inöglich war; das Leben erschien langweilig, die ohnedies sich häufenden Leiden ivnrden doppelt empfundei:, weil die. jugendliche Widerstandskraft der Schwäche gewichen ivar; die Menschheit schrie daher nach Bedürfnislosigkeit und nach Erlösung von den Quälen des Lebens. In einer solchen Zeit, in der die Kulturvölker sämtlich Um Absterben begriffen ivaren, konnte keine andere als nur eine Pessimistische Religion entstehe!: und weitere Verbreitung finden. Bei einen: solchen entarteten Zustande der Welt konnte der zerdrückten, trostlosen Menschheit nichts ivillkonunener fein als das Hineinversetzen in eine die sündhafte Erde verachtende, den Himmel eröffnende Sphäre. Und in der £öf; wenn etwas die innere Kraft, die geistige Gesundheit bezeichnen kann, mit der Israel von seiner Lehre erfüllt war, so ist es die Tatsache, daß der Begründer des Judentums die Religiou nicht in ein „Jenseits" verlegte, sondern auf die sichtbare Erde konzentrierte. Das Leben machte er zum Mittelpunkte der Religion; das Leben nrachte er zu seinem Gotte, zum Gotte der Hebräer, der das Weltall durch seinen Willen oder durch sein Wort geschaffen hat. -- Moses hatte wahrscheinlich seinen Blick umhergelvorfen nnd die Aegypter, unter denen er ausgewachsen war, beobachtet nnd dabei wahrgenonnnen, daß das Leben von diesen gering geschätzt nub mißbraucht wurde, insofern sie mit den Toten zu viel Unwesen trieben, den Leichnam einbalsamierten, um ihn zu erhalten, Handlungen, wodurch sie eine gewisse Geringschätzung des Lebens den: Tode gegenüber bekundete», Und so mochte er sich gesagt haben:

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