Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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612 „Sieh, hier gibt es Luft, nicht wahr? Diese Luft ist auch anderswo Lust, und wenn ein Mensch aus einer Stadt in die andere tritt, so heißt das so viel, daß er aus einer Stadt in die andere sich begibt, und warum tut er das? Weil er der alten überdrüssig geworden ist. Auch Resele ist unsere Luft zuwider. Und weißt du warum? Weil die Aermste sich vor der Schande fürchtet. Es war bekannt, daß sie Braut werden sollte, aber als Jekel Tropp gehört, daß sie blutarm sei, sagte er, daß er von ihr nichts wissen wollte." „Jawohl, weil sie blutarm ist." „Blutarm", lächelte sie. „Weißt du, was Blutarmut bedeutet.? Nur so viel, daß sie sehr arm ist. Tu verstehst das nicht. Auch wir sind blutarm, noch ärmer wie Resele. Aber das tut nichts! Deshalb bist du doch mein lieber Mann und jeder weiß, daß ich die Frau des berühmten Rabbi Wolf bin. Gott sei Dank! Jetzt kann ich dir nur raten, deinen langen Mantel anzuziehen und zu deinen Leuten zu gehen. Sie werden geben, denn die „Hachnaszesz Kalle" ist eine große Wohltat und du sollst sehen, es wird sich dann alles zum besten wenden. Wenn der Mensch zu Geld gelangt, gelangt er zur Lust, so sagte immer meine selige Großmutter und die war eine kluge Frau." Rabbi Wolf hüllte sich in seinen Mantel und begann heiter seine Wanderung. Seine Töchterchen spielten in der Küche auf den kalten Steinen. Als er sie sah, blieb er stehen, neigte sich zu ihnen, nahm das Kleinste in die Arme und wärmte seine kalten Füße in seinen Händen. „Tu frierst wohl, mein Liebling? Ter kalte Stein ist ein schlechter Sand. Aber weine nicht! Mein Biberhut wird dir gut zustatten kommen." Rachele klatschte in die Hände, daß sie einen Biberhut bekouunen werde. Er küßte sie und entfernte sich. Er ging von Haus zu Haus und bot jedem das Jenseits an. Ter alte Smuk war wütend und wiederholte seinen Spruch, daß er schon damit versehen sei, aber er gab doch. Für eine Braut muß er eben geben. Schon nach wenigen Lagen war die Atitgift'zusammengebracht. Unermeßlich viel Geld, nämlich 130 Gulden und dann war alles in Ordnung. Resele Kalisch brauchte keine Luft mehr und Jekel Tropp machte keine Allsrede mehr, daß Resele so blutarm sei. Auch zu Hause kam alles ins richtige Gleis. Rachele bekam ihre Schuhe, die eigentlich ein Biberhllt hätten sein sollen. Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Kriegs- und Friedenskalender für den deutschen Feldsoldaten, Bürger ilnd Landmann ans das Jahr 1016. Franckhsche Verlagshandlung, Stuttgart. Preis 40 Pfennig. Teutschtilm und Lichtung, Rektoratsrede von Ernst Elster. Marburger Akademische Reden Nr. 38. Marburg a. L. N. G. Elwertsche Verlagsbuchhandlung (G. Braun) 1915. Ein Jahr Weltkrieg. August 1915—August 1916. Von Adolf Ilzarski, 1915. Leonh. Ließ A.-G., Verlag. The Jewish Quarierly Review. New Series. Edited by Cyrus Adler and S. Schechter, October 1915. Publislied Quarterly by Ihe Dropsie College 1‘or Hebrew and cugnate learning. Literarische Mitteilungen. — F e st s ch r i f t zum 5 0 j ä h r i g e n Bestehen de r I s r a e l i t i sch en L e h r e r b i l d u n g s-A n st alt zu W ü rzbürg. 1864-1914. Jubiläumsausgabe des Rechenschaftsberichts der israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg für das fünfzigste Jahr ihres Bestehens 1913/14 von Nathan Bamberger, Distriktsrabbiner und Vorstand der Anstalt. Würzburg, November 1914. Wenn auch die Anstalt, über welche die beiden anzuzeigenden Schriften handeln, nicht nur nicht den Standpunkt vertritt, den unsere Zeitung einnimmt, «sondern als Säule der schwarzen Orthodoxie erscheint, so mögen die beiden Arbeiten, die zum Jubiläum der Anstalt erschienen -sind, wenigstens kurz angezeigt sein. Die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg wurde von Seligmann Baer Bamberger nach langen Bemühungen- 1864 begründet. Die Aktenstücke, die in der Festschrist mitgeteilt werden, sind historisch sehr interessant. Der tatkräftige Begründer der Anstalt starb 1878. An seine Stelle trat sein Sohn, der Herausgeber unserer beiden Schriften. Die Anstalt erhielt 1883 die Rechte einer juristischen Person. Das Seminar « wurde aus Privatmitteln gegründet und hat sich in dieser Weise dauernd erhalten. Die Anzahl der Schüler, welche die Bildungsanstalt «besuchten, war sehr verschieden; sie begann mit 12 Schülern und betrug im letzten Berichtsjahre 28. Die Höchstzahl war 40, nur für ein einziges Schuljahr'; in den letzten Jahrzehnten schwankte die Zahl zwischen 21 und 32. Einnahmen und Ausgaben, die sich im allgemeinen decken/überschritten in den letzten Jahren die Summe von 39 000 Mark, die teils aus den Zinsen des Kapitals, teils aus Spenden und Privatbeiträgen, Jahrzeitstlftungen und ähnlichem ge-! deckt wurden. Außer der Geschichte der Anstalt enthält die Festschrift einige Aufsätze von: Jakob Stoll „Biblische Berichte im Lichte der Wissenschaft", A. Mannheimer „Die sogenannte Memorialmethode", Emanuel Heimann „Israels Wallfahrten". Besonderen wissenschaftlichen Wert beanspruchen die Aussätze nicht. Ein Satz wie der folgende hat mich sehr stutzig gemacht: „Leben sollte er finden, der Lernbeflissene, vom Studienstoffe ergriffen sein, Geist und Gemüt, Kopf und Herz in i gleichem Maße. Nichts konnte dies besser und sicherer dokumentieren als der „Lern-Nigun", er ist nicht etwas Nebensächliches, Gewohnheitsmäßiges, oder gar eine Spielerei, ihm kommt hohe Bedeutung zu, er wird sie auch für die Zukunst erhalten, wie er bereits Jahrtausende hinter sich hat." Sollte in diesem Satze der Geist gekennj zeichnet sein, der an der Anstalt herrscht, so müßte man freilich sagen, j daß er allein modernen Leben, ja jedem echten wissenschaftlichen! Geiste geradezu Hohn spricht. Und so dürfte der Wunsch nicht un- « gerechtfertigt sein, daß im zweiten halben Jahrhundert ein moderner, « wahrhaft wissenschaftlicher Geist in die alte Anstalt einziehe. L. G. * B r a u ch e u w i r n e u e A n s ch a u ungen in Religio n u n d W i s s e n s chaft? Bon Julius Wilms. Elbing 1915, Verlag von Peter Ackt. Herr Wiims ist, me aus den Titeln seiner früheren Schriften: „Die Einheitlichkeit des Weltalls", „Die Abstammung der Tiere und des Menschen", „Das Wetter, eine neue Erklärung der Entstehung der Wolken, des Windes und anderer Wettererscheinungen", hervorgeht — die Schriften selbst kenne ich nicht —, ein ernster Mann, der sich mit hohen Problemen beschäftigt. Nun hat er wiederum eine Schrift herausgegeben, in der er, unbekümmert um den Krieg und das grimmige Toben um uns her, sich mit wichtigen Fragen beschäftigt. Den ersten und Hauptteil seiner Schrift, der naturwissenschaftlich-biologisch ist und höchst eigenartige Dinge enthalt, lasse ich beiseite, weil mir zu seiner Beurteilung die Kenntnisse fehlen; ich spreche nur kurz von dem letzten Teil. Der Verfasser ist nicht antireligiös, stellt vielmehr fest, daß die 'Religion rächt durch die Wisseuschast ersetzt werden könne. Nach einer kurzen Uebersicht über die verschiedenen Religionen meint er: „Die Glaubenslehre der Religion wird künftig wahrscheinlich nur in einem einzigen Glaubenssatz bestehen, nämlich in dem Glauben an Gott, also au eine höhere Macht in dieser Welt." Er empfiehlt außerdem allen Menscheu, zu arbeiten, plädiert für einen mäßigen Besitz, lvenn er auch nicht gerade zu kommunistischer Verteilung der Güter anregt, schlägt Mäßigkeit im Trinken und Essen, Einfachheit und Zweckmäßigkeit in der Kleidung, Leben aus dem Lande, Bewahrung der Sittlichkeit und Streben nach Kenntnissen vor. Das ist alles recht schön und gut, und wir können auch wohl seinem Schlußsatz beistimmen, der so lautet: „Wahre Religion besteht nicht in der Befolgung von Gebräuchen, sondern in einem rechten Glauben und einem richtigen Leben." Aber ist das alles wirklich etwas Neues? Sind solche Ausrufe zur Maßhal tnng und Gesundung, derartige Proteste gegen Formelkram nicht schm hundertmal und mindestens ebensogut, wenn nicht besser eingeleg worden? Ich will den Herrn Verfasser nicht kränken. Er ist gewis wohlmeinend und ernstdenkend; was er aber vovbringt, sind wirk lich keine neuen Aufklärungen, sondern alte, zwar nicht allgemein an genommene, aber in den Kreisen wahrhaft Gebildeter längst vorge brachte Anschauungen. Neues wird darin absolut nicht mitgeteilt. L. G.