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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-17 · Heft 51 (17.12.1915) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 51 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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611 Htn Paar Stiefelchen hielt sie ans Licht und betrachtete sie, öi> sie denn für Rachele noch gut seien. Im vorigen Jahr trug sie ihr Töchterchen Sarele, aber diese war schon herausgewachsen. Wenn sie ihrem Rachele nicht passen sollten, müßte das Mädchen eben neue Schuhe bekommen. Sie wollte mit ihrem Manne darüber reden, aber als sie die Sorgenwolken auf seiner Stirn sah, tat er ihr leid, doch ärgerte sie sich über ihn. Wieder quält er sich für andere Leute! Um seine eigenen Sachen kümmert er sich nicht, und doch hätte er genügend Ursache dazu. Daß die Kinder neue Kleider haben müßten, dafür hat er kein Verständnis. Frau Jettel hatte recht. Rabbi Wolf war nicht für seine Familie, sondern für andere da. Wenn arme Witwen und Waisen kamen, die ihre Kümmernisse dem heiligen Manne vortrugen, die um Brot, Kleider usw. baten, griff er einfach in das Geldsäckchen, das stets auf seinem Tische lag, und gab daraus. Er zählte gar nicht nach, wieviel er gab. Wenn das Säckchen leer war, machte er sich aus den Weg und bettelte aufs neue für die Armen. Jettel betete zwar ihren Mann wegen seiner Herzensgüte an und war nicht wenig stolz auf ihn. Aber die Mutterliebe war so stark in ihrem Herzen ausgeprägt, daß sie über die Vernachlässigung ihrer Kinder durch den Vater sehr ungehalten war. Ab und zu freilich machte der eine oder der andere der Gemeinde, wenn chm die Bettelei gar zu arg wurde, zwar gute Miene zum bösen Spiel, fuhr aber den Rabbi hart an, daß er endlich das viele Schnorren sein lassen möge. So meinte der alte Smnk einmal: Hört mal, Rabbi, um des Himmels willen! Sie bieten mir schon wieder die ewige Seligkeit an. Wissen Sie, was ich Ihnen sage? Ich bin damit reichlich versehen. Etwa zehn Minuten räsonierte Herr Smnk, aber dieses Auffahren brachte Rabbi Wolf nicht aus der Fassung, sondern er lächelte nur und lagte gelassen: Nun habe ich mein Teil von Ihnen gekriegt. Geben Sie jetzt auch etwas meinen Armen! Und der alte Smnk gab. Widerwillig, aber er gab. Niemand von den Gemeindemitgliedern wagte den heiligen Mann zu fragen, für wen alles er das Geld brauche. Als ihm einst seine Frau Vorwürfe machte, daß er sein Geld austeile, ohne es nachzuzählen, meinte er, daß man istcht zu wisien brauche, wieviel man Armen beschere. Aber sieh dir doch wenigstens das Geld an, bemerkte sie. Er schüttelte den Kopf. Wo bliebe dann der Genuß und die Ueberraschung? Wenn ich weiß, wieviel ich gebe, dann weiß ich, wieviel ich im Jenseits bekommen werde. Habe ich 100 Gulden gegeben, dann bekomme ich für 100 Gulden Otem habo. Aber wenn schon ausgezählt ist, was soll ich dann machen? Nicht doch, liebes Kind, wer so gibt, der soll nur 120 Jahre leben. Dann ist es besser, wenn er nicht vor Gottes Antlitz kommt. Was ist das für ein Genuß, mit einer saldierten Rechnung vor Gott hinzntreten? Wo bleibt denn die Ueberraschung? Wenn ich aber nicht weiß, wieviel ich gegeben habe, dann komme ich aus dem Vergnügen gar nicht heraus. Denn, wenn ich schon glaube, daß ich nichts mehr bekommen werde, setzt man mir plötzlich aufs neue eine goldene Schüssel vor und dann wieder eine, und so geht das Millionen und abermals Millionen Jahre fort. Wenn auch Frau Jettel diese eigentümliche Weltanschauung ihres Mannes nicht begriff, so kämpfte sie doch dagegen nicht an, und schließlich gewöhnte sie sich sogar daran. Nur konnte sie sich, wie gesagt, darüber nicht trösten, daß der Rabbi nicht das gleiche auch für seine eigenen Angehörigen tat. Nun legte sie ihre weichen Hände aus die gefurchte Stirn ihres Mannes und fragte ihn:; „Was hast du? Wörübör grübelst du?" „Du wirst mich auslachen, Jettel, wenn ich es dir erzähle. Ich soll jemand Helsen Und weiß nicht wie. Frau Jentel Kalisch war hier wegen ihrer Tochter Resele und weinte mir über ihr Unglück was vor. Was, glaubst du, was das Mädchen haben muß? Luft muß sie Haben!" ' „Was sagst du, Luft?" ... „Jawohl. Luft braucht die Aermste nebbich." „Ich bitte dich, lieber Mann," sagte sie verdrießlich, „mache keine Scherze. Was soll das bedeuten, daß Resele Kalisch Luft braucht? Wozu braucht sie die Luft? Wo hast du schon gehört, daß ein anständiges Judenmädchen Luft haben muß? Meine Mutter ist 80 Jahre alt geworden und meine Großmutter sogar 82 Jahre und beide brauchten nicht ein einziges Mal . Luft." „Das ist eine Krankheit", besänftigte er sie. „Das ist keine Krankheit, das ist eine Einbildung." „O nein, eine große Krankheit. Denn wenn es keine Krankheit wäre, hätte der Doktor ihr nicht die Lust als Medizin verschrieben." „Nun, dann geh und bettle für sie Luft zusammen. Dann wird der alte Smuk ihr seine eigene Luft geben oder der lahme Brandt, und im übrigen würde ich dir raten, dich nicht um die Luft von Resele Kalisch, sondern um uns zu kümmern. Rachele, damit du's nur weißt, braucht neue Schuhe und geht barfuß." Der Rabbi sah erschrocken auf seine Frau. „Barstlß, sagtest du, v mein liebes, kleines Schäfchen. Warum kaufst du ihr denn nicht ein Paar Schuhe?" ■ „Gib mir Geld, dann werde ich sie kaufen." Der Rabbi stöberte seine Taschen durch, fand aber keinen Heller. „Ich habe nichts, Jettel", sagte er traurig. „Nichts?" und sie blickte gierig nach dem Geldsäckchen, drw auf dem Tisch neben dem großen Buch stand. „Jettel, um des Hinunels Willen, woran denkst du? Der gehört uns nicht. Ter gehört den Armen." „Es sei mir fern, daß ich die Armen beraube, aber wir' dürfen darunter nicht Not leiden. Im übrigen bin ich ja schon daran gewöhnt, daß du dich nicht um uns kümmerst. Also Rachele soll ohne Schuhe gehen! Sie läuft ohnehin gern im - heißen Sand barfuß herum." „Aber in der Schul? Gibt es dort auch heißen Sand? Und wenn du am Sabbat mit ihr nach dem Tempel gehst? Steht sie dann auch auf dem heißen Sand? Nein, nein, Jettel, so kann's nicht weiter gehen. Das Kind braucht Schuhe, also werden wir welche kaufen." „Aber wenn wir kein Geld haben?" „Nicht doch, wer sagt denn, daß wir kein Geld haben? Und wenn es jetzt nicht da ist, dann konunt's noch. Dil lveißt, daß wir immer hatten, wenn's notwendig war. Mendel Fried hat ' den Rechasch (Gebühren für den Rabbiner) für seine Tochter noch nicht bezahlt, denn er sagte, daß man bei ihm dafür Ware taufen soll. Ich hatte die Absicht, mir einen Biberhut bei ihm zu kaufen, weil der jetzige schon zu schlecht ist. Aber was brauche ich einen neuen Hut? Wenn ich es mir überlege, lvird man mir es in der Gemeinde sogar verübeln, daß ich einen neuen Hut trage. Weißt du was, mein Herz? Gehe zu Mendel Fried und kaufe für Röchele dort für das Geld neue Schuhe." Frau Jettel war entwaffnet durch die Güte ihres Mannes. Sie setzte sich an seine Seite und fragte ihn lächelnd: „Also ist es wahr/daß Resele Kalisch Luft braucht?" „Jawohl." ' „Und du weißt nicht, was es heißen soll, wenn ein Mädchen Luft haben will?" „Nun, was soll es bedeuten?"

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