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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-17 · Heft 51 (17.12.1915) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 51 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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607 der gottesdienstlichen Ueberlieferungen Anlaß zu Meinungsäußerungen gegeben. Diese Gesichtspunkte sollen uns hier nicht beschäftigen. Es wird nur richtig sein, daß, ehe man die Frage der stärkeren Heranziehung der Gemeinde in die eigentliche gottesdienstliche Uebung, also kurz gesagt des „Gemeindegesangs", mit Ja oder Nein beantwortet, rein praktisch festzustellen, w i e das sich nun tatsächlich vollziehen soll. In diesem Sinn müssen die Ausführungen Des Herrn Oberkantors Zivi „Noch ein Wort zum Gemeindegosang" als weiterer Ausgangspunkt einer ernsthaften Ueberlegung begrüßt werden. Es ist .zweifellos ganz wertvoll, vor allem den Praktiker zu hören. Die Frage der Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst wurzelt, kurz znsammengefaßt, in der Bedeutung und dem Umfang, die dem „Gemeindegesang" zugewiesen wird. Die skeptische Auffassung, die Zivi in dem erwähnten Artikel vorträgt, hat sicher ein sehr beachtliches Gewicht, besonders wenn man glaubt, daß es sich _ mit eine Frage handelt, die von heute auf morgen durch irgendwelche Entschließunj fl gen eines Kollegiums herbeigeführt werden könne. — Solche Entwicklungen oder Verschiebungen ergeben sich jedoch nur durch eine bestimmte und sorgfältige Vorarbeit. Ehe man deshalb die strittige Frage mit einem „Ja" beantwortet, muß man jedoch die ungünstigen Voraussetzungen zu entfernen suchen, die Zivi in etwas sarkastischer Weise aufzählt. So betrachtet, gewinnen die „I n g c n d g o t t es d i en st e", die in letzter Zeit in hohem Maße in Ausnahme gekommen sind, eine Bedeutung über ihren unmittelbaren Zweck der Erbauung und Erziehung des Kindes hinaus. Sie werden, wenn ich mich so ausdrücken darf, im gewissen Sinne ein fortschrittliches, in die Zukunft weisendes Element des ganzen Gemeindelebens. In der Tat ist unser Publikum noch nicht erzogen, um beim Gottesdienst des Chors und der Orgel entbehren zu können und lediglich auf den „Gemeindegesang" angewiesen zu sein. Jedoch ließe sich — eben durch diese Jugendgottesdienste — das Heranwachsende Geschlecht für diesen Gesang sysiematifch erziehen. Hier wären nun zunächst zwei Fragen zu beantworten: 1. Wie i st der heutige Jugendgottesdienst beschaffen? 2. Wie soll er in Zukunft ansgestältet werden? Der heutige Jugendgottesdienst besteht gewöhnlich in einem Sabbat-Mincha-'Gebet und unterscheidet sich im wesentlichen kaum von unseren allgemeinen Gottesdiensten; nur die Zusammensetzung des Publikums ist eine verschiedene. Hier bilden die Erwachsenen die Zuhörer, dort die Kinder, die Schuljugend. Da die Kinder lediglich auf das Zuhören angewiesen Asher. M. G. Saphir. sind, ist es sehr schwer, bei ihnen durch die Gesänge, an denen sie nicht beteiligt sind, Andacht und Stimmung zu erwecken. Es fehlt das warme, lebendige Interesse. Dem Frager, wie nun ein solch „vorbereitender" Jugendgottesdienst ausgestattet werden könne, darf ich vielleicht damit Antwort geben, daß ich in Kürze beschreibe, wie wir es hier in Heilbronn halten. Ausgehend von dem Gedanken, daß im jugendlichen Sinn das Bedürfnis liegt, selber zur Geltung zu kommen, streben wir danach, die Kinder zu größtmöglicher Aktivität heranzuziehen. Unser zweistimmiger Kind e r - Shnagogen- Chor hat mit Unterstützung der Orgel den ganzen Gottesdienst zu tragen. Da nichts gesungen werden darf, was nicht von den Kindern verstanden wjrd, hat die Religionsschnle Vorarbeit zu leisten. Zunächst wird der Text der in Aussicht genommenen Gesänge mit schlichter Klarheit vorgetragen, verdeutscht und s o erläutert und erklärt, daß hernach in jedem unverdorbenen Gemüt der Inhalt der Gebete durch die Melodie ein treues Echo findet. Die Singstunde bildet eine Erholungs- **’•- " ’ rr‘ stunde. Da wird dann nicht nur des Lernens wegen gesungen, sondern hauptsächlich des Singens wegen, zumal das Material für die musikalische Schulung ein gutes ist. Als ein weiteres Moment kommt hierzu noch, daß sich durch die naturgemäß freiwillige Beteiligung an diesem Unterricht die „Stellung" des ausbildenden Lehrers oder Kantors etwas verschiebt. In der offiziellen Unterrichtsstunde ist er der Vorgesetzte mit Disziplinargewalt; in der Singstunde, die, wie schon erwähnt, ans Freiwilligkeit rnrd Kameradschaft beruht, ist er der Führer und Leiter, dem man willig und gern Gefolgschaft leistet. Aus diese Weise wird das kindliche Gemüt rein und fröhlich, weich und weit, frei von jeglicher Befangenheit, bringt die Kinder bei ihrem Gottesdienste dahin, daß sic in den Gesängen leben, in ihnen beten und hoffen. Mit Ungeduld erwarten die jugendlichen Sänger jedesmal die Veranstaltung einer solchen gottesdienstlichen Feier; ständig wächst die Zahl der Teilnehmer. Allerdings, der letzte Erfolg der harmonischen Ausgestaltung eines solchen Jugendgottesdienstes hängt natürlich zum großen Teil mit davon ab, wie der Rabbiner als Prediger mit in den Rahmen der ganzen Veranstaltung sich einfügen kann. Auch für die Herren Rabbiner ergibt sich hier eine anfangs vielleicht noch ungewohnte Aufgabe. Sie müssen den geistigen Charakter ihrer Predigten und die Ausdrucksweise einer jugendlichen Zuhörerschaft anzupassen verstehen. Das tiefste psychologische Verständnis der Kindesnatur ist unbedingt notwendig, ebenso ein ausgeglichenes Temperament, frei von jedem Pathos, denn gerade die Kinder fühlen so leicht.

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