Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229229--71842-3284260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
603 Sir Woche. Berlin. 14. Dezember 1915. as bedeutendste Ereignis der verflossenen Woche ist die Verhandlung im Deutschen Reichstag oder richtiger, da eigentliche Verhandlungen gar nicht vorgekommen sind, d i e R ed e n desRe ichskanzl e r s und eine damit im Zusammenhang stehende Rede des sozialistischen Abgeordneten, des Herrn Scheidemann. Die erste Rede des Reichskanzlers handelt über die allgemeine Lage, die zweite geht auf die Interpellation der sozialdemokratischen Partei ein, ob und unter welchen Bedingungen der Reichskanzler bereit sei, in Friedensverhandlungen einzutreten. In edler Sprache, mit großem Sinne und mit bedeutender oratorischer Kraft wird in der ersten Rede die äußere und innere Lage Deutschlands geschildert: nichts von gleißender Lüge, hohlem Bombast und niedrigem Schimpfen aus die Gegner, sondern alles voll Hoheit und wirklicher Größe. Mit wärmster Anerkennung, mit tiefer innerer Erregung wird der Gefallenen und der lebenden Helden gedacht, die so Großes geschaffen. Mit Würde, ohne Verschleierung der schweren Lage, die Schwierigkeit, aber keineswegs Trostlosigkeit der Eruährung und Versorgung der Nation erwähnt, mit Entschiedenheit das Gebaren derer gegeißelt, die aus der bedenklichen Lage für sich Nutzen und unredlichen Gewinn zu ziehen suchen. Mit vollster Anerkennung werden die verbündeten Oesterreicher und die mit uns den gemeinsamen Kampf führenden Türken und Bulgaren erwähnt. In der Antwort auf die Interpellation wird das frevle Gerede unserer Gegner Lügen gestraft, als bemühten wir uns, den Frieden zu erbitten. Als Kriegsziel werden nicht unnütze Eroberungen, aber die Sicherung unserer Grenzen in Aussicht gestellt, zur Verhütung fernerer gewaltsamer Einfälle durch tückische Feinde. Daß die bürgerlichen Parteien diesen mannhaften Worten zujubelten, und während sie aus Reden , verzichteten, nur durch eine gemeinsame Erklärung ihre Uebereinstimmung mit den Reden des Reichskanzlers zum Ausdruck brachten, war zu erwarten. Es ist aber eine Freude, zu konstatieren, daß außer unliebsamen Zurufen eines einzigen querköpfigen Abgeordneten, der von seiner eigenen Partei nicht ernst genommen, ja geradezu verleugnet wird, sich keine Stimme gegen die Ausführungen des Kanzlers erhob, und es muß mit Anerkennung auf das würdevolle Auftreten des einzigen sozialdemokratischen Redners hingewicsen werden, der keinen internationalen Standpunkt vertrat, sondern in seinen 'Friedensforderungen sich ebenso deutsch zeigte wie der Kanzler des Reiches. Daß für das Frühjahr des nächsten Jahres ein neitev Krieg 8 kredit von 10 Milliarden gefordert werden wird, soll kurz erwähnt werden. Wie der Deutsche Reichstag bereitwillig diese zwar drückende, aber durchaus notwendige Forderung annehmen wird, so wird — des sind wir sicher — auch das deutsche Volk, wie es bisher schon dreimal und mit immer größerer Opferfreudigkeit gezeigt hat, es auch diesmal nicht an sich fehlen lassen und den übermütigen Feinden beweisen, daß deutscher Opfermut sich in dem Herbeischaffen von Geldinitteln ebenso bewährt wie deutsches Heldentum im Kriege. Und so mögen wir auf diese Reichstagssession trotz der leisen Mißklänge, die sich bemerkbar machten, mit Stolz und Befriedigung blicken. Das volle Vertrauen auf die Zukunft, das wir seit Beginn dieses furchtbaren Krieges hegten, ist durch diese Verhandlung neu Bekräftigt worden. In diesem Vertrauen kann -uns auch die Prahlerei der englischen Minister nicht erschüttern, die, da sie selbst einsehen, daß ihr Gerede von deutschen Mißerfolgen vollkommen grundlos ist, nun von einer Zertrümmerung Deutschlands zu sprechen wagen, die nach ihrer Meinung für das Frühjahr 1916 in Aussicht genommen ist. Von Kriegsereignissenselbst ist nicht viel zu melden. Die deutsche Oberste Heeresleitung fährt fort, die Mitteilungen über angebliche Verluste, die unsere Marine erlitten haben soll, zu zerstreuen. Im W e st e n und im O st e n ist es zieullich ruhig geblieben. In Frankreich sind einige Erfolge davongetragen worden. Sehr bemerkenswert ist, daß Italien durch die Senussen und die tripolitanischen Eingeborenen eine schwere Niederlage (man spricht von 6000 Toten) erlitten hat und daß die verbündeten Gegner anderthalb Stunden vor Tripolis stehen. Mau kan» nur von Herzen wünschen, daß die Italiener hier so viel zu tun bekommen, daß es ihnen unmöglich gemacht wird, ihre eigenen Verbündeten auf anderen Kriegsschauplätzen zu unterstützen und daß sie, die bisher sieben Monate lang vergeblich versucht haben, die unerschütterliche Mauer der Oesterreicher zu durchbrechen, nun endlich das Verbrecherische ihres ganzen Treibens einsehen und beginnen, daran zu glauben, daß einer so schurkischen Verräterei, wie sie sie geübt haben, die verdiente Strafe auf dem Fuße folge. Mit ähnlicher Freude darf man darauf Hinweisen, daß die Engländer eine schwere Niederlage erlitten haben, so daß ihre Hoffnung, Bagdad cinzunehmen, aufs gründlichste zerstört worden ist. Mit nicht minderer Genugtuung darf endlich berichtet werden, daß an den Grenzen Persiens, in Mazedonien und Montenegro die Verfolgung der Feinde fortschreitet, die Einbringung vieler Gefangenen and riesenhafter Beute fortgesetzt wird. Mazedonien ist frei von den Feinden. In absehbarer Zeit, so dürfen wir hoffen, wird Montenegro das Schicksal seines Räuberkvllegen Serbien teilen, und es ist ferner voranszusehen, daß die nach Saloniki geschickten Truppen Frankreichs und Englands, die sich schon jetzt, wie sie selbst eingestchen, ineiner sehr üblen Lage befinden, vernichtet oder gefangen oder zum Rückzug gedrängt werden, und daß auch diese beiden Staaten erkennen, wie erfolglos diese Unternehmung, von der sie sich und der Welt so Ungeheures versprachen, ausgcgangen ist. Die griechischen Verhältnisse bleiben immer noch im unklaren. Nach einer Reuter-Meldung vom 7. Dezember sind König Konstantins Bedingungen die folgenden: In einer ltnfcmtiuw mit dem Berichterstatter der „Assveiated Preß" sagte König Konstantin, er habe sein Wort verpfändet, daß die griechischen Truppen die Eiitentetruppeii nicht angreifeu würde», wenn die Entente ihrerseits verspreche, für den Fall, daß ihre Trappen ans griechisches Gebiet zurückgetrieben iverden, diese eiuzuschiffeu und die Balkantampagne als erledig! zu betrachten. Er würde in diesem Falle den Schutz seiner ganzen Armee gegen einen Angriff der Mittelmächte garantieren, solange di« Einschiffung dauerte. Mehr als das würde er nicht tun. Er würde seine.Truppen nicht von Saloniki und der Grenze znrückzichm. noch gestatten, daß Griechenland init Ee- >oalt oder Schmeicheleien von seiner Neutralität abgebracht -wird. Neuerdings verlautet, daß ein neues Abkommen zwischen Griechenland und den Ententemächten im Werke sei. * Aus A inerika kommt die Kunde von einer sehr merkwürdigen Botschaft des Präsidenten W i l s o n an den Kongreß und von einem ganz unerhörten Angriff des Genannten gegen die Deutschamerikaner. Die betreffende Stelle tautet: „Ich muß leider iiiitteileii, daß die schwersten 'Drohungen gegen de» nationalen Frieden und die'Sicherhcit -innerhalb unserer eigene» Grenzen ausgeftoßcn wurden. Zu meinem Bedauern muß ich zugcben, daß Bürger, die unter anderen- Flaggen geboren, aber in Amerika naturalisiert wurden, die Autorität und den guten. Namen der Regierung in Verruf zu bringen und unsere Industrie» zu vernichten versuchten, wo sie es als im Interesse ihrer Rachgier gelegen betrachteten, daß sie versuchten, gegen sie Schläge zu führen und