Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 nehmen, um diesem Zustand ein Ende zu machen und jene verhängnisvolle Scheidung wenigstens zu mildern! Sie sollen die Träger der westlichen Kultur in Polen sein? Die Schamröte steigt uns in das Gesicht, wenn wir einen solchen der Wahrheit geradewegs zuwiderlaufenden Satz zu lesen bekommen. Die Juden sollen nach Hirsch' Meinung ferner die eigentlichen Träger des Handels und des Gewerbes in Polen sein. Hat denn der Herr Handelsschuldozent noch nichts davon gehört, daß seit Jahren die Juden, eben wegen ihrer nationalen Trennung, durch die Polen gänzlich boykottiert und mehr und mehr von jedem Lebensunterhalt gewährenden Erwerbszweige zurückgedrängt werden? Er hätte doch aus unseren Ausführungen in Nr. 46 dieses Blattes lernen können, daß die geistigen Führer der Polen sogar alle diejenigen Juden, die sich nicht dem nationalen Wesen anpassen würden, nicht nur als Fremde zu betrachten und damit von dem politischen Leben auszuschließen, sondern ihnen auch jede kommerzielle und gewerbliche Tätigkeit zu zerstören drohen. Was ist dann die Zukunft, die auf diese Weise den polnischen Juden erwachsen wird? Hirsch meint, sie sollen auswandern, und weist dabei auf die umfangreiche Auswanderung der Israeliten aus Rußland während der letzten 35 Jahre hin. Der Herr scheint wohl übersehen zu haben, daß diese Tatsache von uns hervorgehoben worden ist. Aber die Juden, die damals aus Rußland auswanderten, hatten in weit überwiegendein Maße eigene Mittel, um die Kosten der Reise und der Festsetzung in Amerika ganz oder teilweise zu bestreiten, und sind nur in kleinerer Zahl durch deutsche Einrichtungen und amerikanische Hilfsvereine unterstützt worden. Die polnischen Juden aber sind gegenwärtig fast alle völlig mittellos, und ihre Auswanderung könnte nur durch Hilfe der auswärtigen Glaubensgenossen geschehen. Daß diese jedoch bei der vollständigen Verarmung Europas, wie sie nach dem Ende des Krieges eintreten wird, imstande sein würden, drei Millionen Menschen oder selbst nur einen beträchtlichen Bruchteil davon in ferne Länder zu befördern, ist doch gänzlich ausgeschlosien, und wohin sollen sie? Amerika würde diesen total Armen die Tore verschließen, die Türkei würde nur, wie wir aus sicherer Quelle wissen, unter fast unmöglichen Bedingungen einige Tausende von ihnen in den fieberreichen Hochlanden Kleinasiens oder in dem dürren Mesopotamien aufnehmen: und da sollten diese Leute, deren Vorfahren seit einem Jahrtausend nichts von der Landwirtschaft verstanden haben und die auch jetzt nicht die mindeste Ahnung davon besitzen, etwas anderes erreichen, als sich hinzulegen und zu sterben? O nein, diese drei Millionen Juden sind uns zu teuer, um mit ihnen solche gefährlichen Versuche zu unternehmen. Der zweite Einwand Hirsch' geht dahin, „daß der Versuch einer sprachlichen und kulturellen Assimilation an das Slawentum die deutschen Interessen schädigen würde". Das ist ein Grund, den wir auch von wohlwollender Seite häufig hören und der selbst bei vielen Elementen der deutschen Regierung Anklang findet. Run ist es doch wunderbar, daß dieselbe deutsche Regierung sich lebhaft um die Stärkung des Polentums bemüht. Sie gründet polnische Volks-, Mittel- und Hochschulen, sie kräftigt damit das polnische Rationälwesen, das polnische Können und das polnische Nationalbewußtsein. Mit der Universität schafft sie dem Pokentum die geistigen Leiter und Vorkämpfer. Hiermit steht es doch in auffallendem Widerspruch, daß anderseits die polnischen Juden als Vorkämpfer des Deutschtums benutzt werden sollen. Entweder die deutsche Regierung will das Polentum schwächen, dann muß sie ihm nicht ein geistiges Rückgrat verleihen; oder sie will das Polentum stärken und für sich gewinnen, dann braucht sie nicht die Juden als germanisierendes Element. Ja, wlr gehen noch weiter und sagen: die systematische Heranbildung der Juden zu einem germanisierenden, dem Polentum nicht allein fremden, sondern feindlichen Element innerhalb Polens muß notwendigerweise die Gesinnung des polnischen Volkes gegen Deutschland aus das äußerste erhitzen und immer gehässiger gestalten. Es wird also der gewünschte Zusammenhang zwischen einem neu erstehenden Polen und Deutschland beziehentlich Oesterreich-Ungarn durch den Versuch einer absichtlichen Germanisierung der polnischen Juden lediglich gestört und unmöglich gemacht. Für diesen zweckwidrigen Versuch sollen die Juden Polens dem schrankenlosen Hasse ihrer christlichen Mitbürger ausgesetzt und geopfert werden? Als Deutscher wie als Jude muß man sich gegen ein solches Unternehmen durchaus erklären. Uebrigens gibt es eine Tatsache, die die Verdeutschung der jüdischen Volksschule in Polen von vorn herein unmöglich macht: es sind doch nur verschwindend wenige Hochdeutsch sprechende jüdische Lehrer zu finden. Solche aus Deutschland zu holen, geht nicht an, da hier durch die Mobilmachung selbst ein empfindlicher Mangel an jüdischen Lehrern vorhanden ist. Diese Dinge sind allen Kennern der einschlägigen Verhältnisse bewußt, und nur der in jüdischen Dingen sich leider so breit machende Dilettantismus kann sie übersehen. Endlich weist man auf die unleugbare Tatsache hin, daß unter polnischer Herrschaft die Juden in Galizien sehr schlecht weggekommen seien, und daß also die Juden Kongreßpolens durch Assimilation an das Deutschtum lediglich gewinnen könnten. Aber weshalb stehen denn die Juden Galiziens ökonomisch wie moralisch auf einem so niedrigen Standpunkt? Gerade weil sie es hartnäckig abgelehnt haben, sich irgend mit dem herrschenden Polentum zu verschmelzen, weil sie sich sorgfältig von den Christen absondern und ihre „jiddische" Sprache anstatt der polnischen festgehalten haben. Das Schicksal der galizischen Juden ist eben der schlimmste Beweis dafür, daß eine fortdauernde Absonderung der Juden von der Nation, unter der sie leben, die Feindschaft der nationalen Mehrheit und damit das materielle und sittliche Verderben der betreffenden Judenheit zur Folge haben muß. Die Vorgänge in Galizien stellen uns deutlich vor Augen, daß ein Verfahren, wie die Orthodoxie oder die Gesinnungsgenossen Hirsch' es wünschen, die Juden Polens mindestens auf den Tiefstand ihrer galizischen Glaubensgenossen herabdrücken würde. In Galizien hält die österreichische Regierung noch einigermaßen das Unheil in Schranken — wenn erst Kongreßpolen seine Sclbstregierung hat, würde das Unglück der dortigen „jiddischen" oder deutschen Inden ein grenzenloses sein. Die Geschichte gibt uns ja einen deutlichen Beleg, auf welche Weise das Geschick der Juden eines Landes sich günstig und verheißungsvoll gestalten kann. Wodurch haben denn die Juden Posens, Westpreußens, des Ermlandes und Oberschlesiens sich aus dem tiefen Verfall erhoben, in den sie noch vor hundert Jahren verstricht waren? Nur dadurch, daß sie sich in Sprache und Bildung freudig und ganz dem Staate anschlossen, unter dessen Herrschaft sie standen und stehen. Nur so sind sie gleichberechtigte, auch innerlich vollkommen gleichberechtigte Mitbürger ihrer christlichen Staatsgenossen geworden. Einen anderen Weg gibt es nicht. Niemand kann einer Staatsleitnng zumuten, den scharfen Dorn eines in Sprache, Gesinnung und Gebräuchen absolut fremden Volkes im eigenen Fleische zu dulden. Das ist unser letztes Wort in dieser Frage. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der wird sich weder durch noch so wohlgemeinte orthodoxe Selbsttäuschung noch durch einen zweckwidrigen und in sich verbohrten deutschen Patriotismus verblenden lassen.