Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 unsere politischen Bestrebunaen den ausländischen Intrigen unterznordnen. Obwohl die Zahl dieser Personen im Vergleich ,yt anderen fremden Einwanderern gering sei, habe sie die Bereinigten Staaten doch zu energischen gesetzlichen Matznahmen gezwungen. Amerika erwartete niemals, daß Männer deutschen Ursprungs, welche bei der Erfüllung ihrer Nntertanenpflicht so viel Freiheit genießen, sich in -böswilliger Absicht gegen die Regierung und das Volk -wenden würden, die sie willkommen geheißen und ernährt haben. Der Präsident fordert den Kongreß aus, Gesetze zu schaffen, die eine ausreichende Bürgschaft gegen diese Hebel bieten. Solche von Leidenschaft und Treulosigkeit erfüllten anarchistischen Kreaturen müßten vernichtet werden." Weiter heißt es in der Botschaft: „Ich wollte, es könnte gesagt werden, daß nur einige w-enige Männer durch falsche Gefühle zur Ergebenheit gegenüber den Regierungen, unter denen sie geboren wurden, verleitet worden sind und sich einer irrtümlichen Auffassung der Prinzipien dieses Landes schuldig gemacht haben. Aber viele unter uns und zahlreiche Personen im Auslande haben, obwohl sie in den Bereinigten Staaten geboren und erzogen wurden, sich und ihre Ehre als Bürger so weit vergessen, datz sie ihre Sympathie mit du einen oder anderen Partei inr großen europäischen Konflikt leidenschaftlich Ausdruck gaben und so weit gingen, selbst Treulosigkeit zri predigen. Ich kann nicht von den anderen sprechen, ohne auch diese zu erwähnen, um dem Gefühle noch tieferer Erniedrigung und Entrüstung Ausdruck zu geben, das jeden Patrioten erfüllen muß, wenn er an diese Dinge und den Mißkredit denkt, in den uns die Leute bringen." Die betreffende Stelle sei hier mitgeteilt, schon aus dem Grunde, da sie gewiß Anlaß zrr heftigen Worten geben und sicher Folgen von großer Tragweite haben wird. Für uns bleibt es charakteristisch, daß solche Worte von einem Manne gesprochen werden, der, während er die Sympathie der Deutschen in Amerika für ihr Heimatland tadelt, selbst in Wort und Tat die größte Zuneigung für die anderen kriegführenden Brächte an den Tag gelegt und kein Mittet versucht hat, die schmachvolle Versorgung eines Teiles der Kriegführenden mit Munition und Kriegsgerät zu hindern. Aus Amerika kommt ferner die Kunde, daß die Negierung der Vereinigten Staaten der deutschen Regierung den Wunsch ausgesprochen hat, den Militärattache, Herrn Hauptmann von Papen, und den Militärattache, Fregattenkapitän Boy-Ed, der deutschen Botschaft in Washington abzuberufen. Welche Gründe die amerikanische Regierung zu diesem Schritte bewogen haben, ist einstweilen unbekannt. Hatten wir bisher häufig Veranlassung, dem Herrn Präsidenten Wilson entgegenzutreten, so muß einer seiner neuesten Taten oder Reden Billigung zugesprochen werden. Durch unsere Zeitungen läuft folgende Notiz: „ I e ui t s h E h r o n i c l c " meldet ans New djork: Präsident Wilson habe in zwei Briefeil an den früheren Präsidenten des jüdischen Orden Bnei Brich, Simon Wolf, geschrieben, er werde bei den Fricdensverhandlnngen als Vertreter eines Volkes, das auf dem Standpunkt der Gleichheit aller Nationen steht, darauf bestehen, daß Rußland und Rumänien den Juden die Gleichberechtigung gewähren. Er Ui erde auch keinem Vertrag mit Rußland zustnnmen, der nicht als erste Forderung die Gleichberechtigung der russischen Juden enthält. Beide Briese wurden auf einer öffentlichen Versammlung in Baltimore verlesen. Man sollte die Bedeutung dieser Mitteilung nicht dadurch entkräften, wie es mannigfach geschehen ist, daß man daraus hinweist, Präsident Wilson werde bei den Friedensverhandlnngen nicht zngezogen werden. Ganz abgesehen davon, daß darüber einstweilen noch kein Mensch urteilen kann, daß es im Gegenteil höchst wahrscheinlich ist, daß Amerika eine gewichtige Rolle Vorbehalten sein kann, so kommt es hier nur auf die Gesinnung an, und es kann keineswegs in Abrede gestellt werden, daß das Hegen und Aussprechen solcher Gesinnungen volle Anerkennungen verdient. * Eine zeitgemäße Erinnerung an die Geschichte der J.u den in Serbien bringt die Zeitschrift „Aurore" vom 12. November 1915. Am 12./24. Dezember 1833 gab der Sultan ein organisches Gesetz, daß jeder Untertan in seinem Besitze, seiner Ehre und Freiheit geschützt werden sollte. Dieses Gesetz wurde 1856 bestätigt. Seit der Unterzeichnung des Pariser Vertrages wurden die Juden verfolgt, sowohl von Obrenowitsch als von seinen Nachfolgern. Sie wurden, etwa 200 an der Zahl, vom platten Lande nach Belgrad verwiesen. 1859 wurden ihnen zwar ihre Rechte schriftlich gewährleistet, gleichwohl wurden 1861 64 Familien aus Schabatz vertrieben und den Juden iw allgemeinen nur der Handel mit Kolonialwaren und Gegenständen niederen Ranges erlaubt; die einzelnen durften die ihnen zustehenden Rechte nicht auf ihre Kinder vererben, der Verkauf von Häusern und Gütern wurde ihnen verboten. Seit dieser Zeit wurden oft Anklagen des Vaterlandsverrats, d. h. der bei diesen bedrückenden Verhältnissen sehr natürlichen Anhänglichkeit an die Türkei, laut. Die Reklamationen der Türkei schadeten den Juden eher als daß sie ihnen nutzten. 1865 wurde von einem serbischen Blatte ein Feldzug gegen die Juden, besonders gegen den Talmud, begonnen; zwei Juden wurden aufs grausamste getötet, einem dritten wurde sein Kind geraubt, ein fremder Jude und seine zwei Beschützer wurden einfach vertrieben. Die Alliance Jsvaelite Universelle suchte vergeblich einzuschreiten; besonders die Bemühungen der Türkei machten sich geltend, blieben aber erfolglos. Die Thronbesteigung des neuen- Regenten Milan Obrenowitsch erweckte bei den Gequälten neue Hoffnungen, aber trotz der allen Untertanen gewährten Glaubensfreiheit blieben die gehässigen Gesetze gegen die Juden lange Zeit bestehen. * lieber die Inden im rumänischen Heere wird von der „Bossischen Zeitung" folgendes berichtet: B u k a r e st, 6. Dezember. Aus dem Kriegsministerium wird Verlautbart, daß zur Assentierung der Klassen 1917 und 1918 sich auch alle naturalisierte Fremden zu melden haben, die das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben. Desgleichen haben sich zu melden alle jene, die, wenn sie auch nicht naturalisiert sind, sich doch des rumänischen Schutzes erfreuen. & Wie unter d er deutschen Regierung in Brüssel der jüdische Gottesdienst offiziell anerkannt wird, davon gibt eine uns zugehende Nummer der Nachrichten von Wolfss Telegraphischem Bureau, Brüssel 3. Dezember, Kunde. In diesem von der Staatsdruckerei gedruckten und ausgegebenen Blatte ist folgendes als offizielle Mitteilung zu 'lesen: K i r ch l i ch e r An zeiger. Jüdischer Gottesdienst: Zur Feier des Tempelweihefestes findet am Sonntag, den 5. Dezember, Uhr abends in der Synagoge, Rue de la Regence, für die jüdischen Militärpersonen und Beamten ein Gottesdienst statt. Ansprache: Herr Feldrabbiner Dr. Wilde vom AOK. 4. ¥ Von den jämmerlichen Zuständen im russischen Reiche gibt folgende Notiz, die wir der „Nationalzeitung" entnehmen, interessante Kunde: 100 000 Rubel T r i it f c\ c f b für eine n r u s s i s ch e n General. Das im Jargon geschriebene „Lodzer Volksblatt" teilt mit: Als der russische General Scheidemann im vergangenen Jahre urit seinen Truppen Lodz wieder eingenommen hatte, ' befahl er, sämtliche jüdisch e n Bewohner von Lodz auszutreiben. Alsbald begabensich zu ihm die hervorragendsten jüdischen Industriellen der Stadt und händigten ihm 100 000 Rubel ein. Eine Stunde später war der Ausweisunasbefehl zurückgezogen. *