Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 17. Dezember 1915 79. Jahrgang Nr. 51 Allgemeine eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bon nements-pre',5: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere venriebsstellen) bezogen vierteljährlich Z M. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Reduktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, z„ richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Tlnflftlf * Tie Zukunft der Juden des Ostens. Von Professor Dr. Martin Pyilippfon. — Die Woche. — Die Daguerreotypie in Hamburg. Von L. G. — Der Jugendgottesdienst tut Dienste des Gemeindegesangs. Von I. Krämer, Heilbronn. — Geheimer Baurat Prof. Dr.-Ing. Theodor Landsberg. — Feuilleton: Ter Bettler für einen anderen. Von Peter Ujvnri. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dein Magyarischen. Von Dr. Adolph. Kohu t. — Büchereinlanf. — Literarische Mitteilungen. Dev Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"». Berlin, Wreschen, Exin, Breslau, Hamburg, München, Frankfurt a. M., Ulm, Wien, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Die Lukunkt der Juden des Mens. Bon Professor Dr. M a r t i n P hilippsv n. Hl. Artikel. nsere Darlegungen unter demselben Titel in den Nummern 41 und 46 dieses Blattes haben neben zahlreichen mündlichen und schriftlichen Zustimmungen selbstverständlich auch Entgegnungen hervorgerufen, und zwar von ton-, servativer wie auch von liberaler Seite. Die konservative Meinung hat sich namentlich in dem „Frankfurter Israelit! s ch e n F a m i l i e n b l a t t" Nr. 45 und 47 ausgesprochen, allerdings, wie gern anerkannt werden soll, in durchaus sachlicher Weise und würdiger Form. Indes dieser Umstand darf nicht über die tatsächliche Irrigkeit jener Einwendungen hinwegtäuschen. Ter orthodoxe Verfasser wirft mir einDopPeltes vor: ich arbeitete unbewußt durch die sprachliche und Politische Annäherung der Polnischen Juden! an die Mehrheit des dortigen Volkes auf Zerstörung der Religiosität der Polnischen Israeliten hin; und zweitens, nur um der egoistischen Beweggründe des Wohlstandes und der Nützlichkeit jener Bevölkerung willen. Freilich, wenn man unter „Religiosität" das ganze mittelalterliche Zeremoniell- und Formelshstem versteht, das die Religion in der ungeheuren Mehrheit der Polnischen Juden überwuchert, so hat mein Gegner recht. Aber wir liberalen Juden, die die Mehrheit des deutschen Judentums bilden, verstehen unter Religiosität etwas anderes: die freudige Verehrung und herzliche Anerkennung der Glaubens- und Sittenlehre unserer uralten Religion, und eine solche wird durch politische und sprachliche Annäherung an die Nation, unter der wir wohnen, in keiner Weise gemindert. Auch die Herren, die das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" redigieren, schreiben ein vorzügliches Deutsch und besitzen von Grund aus die deutsche Bildung, und trotzdem sind sie strenge, ja sehr strenge und entschiedene Orthodoxe. Warum sollte also das polnische Judentum seinem Glauben entfremdet werden durch Annahme der polnischen Sprache und Aufhebung des tiefen Gegensatzes, den es selber bisher zwischen sich und der überwiegenden Mehrheit des polnischen Volkes geschaffen hat? Um des Nutzens und des Wohlstandes der Polnischen Israeliten willen hätte ich die Forderung der sprachlichen Assimilation erhoben! Nein, meine Herren, es handelt sich nicht um Nutzen und Wohlstand, sondern um das Dasein der Polnischen Judenheit. Was nutzt es ihnen, jedes Tipfelchen nachbiblischer Gebräuche aufrechtzuerhalten, wenn sie vollständig darüber zugrunde gehen? Nicht die Sorge für den Wohlstand der Polnischen Juden ist es, die mich zu meinem bescheidenen Wirken in dieser Frage veranlaßt, sondern das tiefe, innige, tränenerweckende Mitleid mit dem entsetzlichen Schicksal, das die Millionen unserer Glaubens- und Stammesbrüder betroffen hat und das sich, wenn sie auf dem bisherigen Wege verharren, in der Zukunft bis zum völligen Untergang steigern würde. Ich glaube damit wohl jedes Mißverständnis über das Ziel beseitigt zu haben, das ich in dieser unendlich wichtigen Frage verfolge. Ferner erhebt in Nr. 49 dieser Zeitung als liberaler Jude Dr. Julius Hirsch, Dozent an der Kölner Handelshochschule, seine Stimme gegen mich. Hirsch stellt meinen Anschauungen drei Axiome gegenüber. Die Berechtigung zu diesen Widersprüchen zieht er aus der Tatsache, daß er neuerdings sechs Monate in Polen verbracht hat. Nun, wir haben von zahlreichen jüdischen Polen -sowie von deutschen höheren jüdischen Stellen, die seit mehr als -einem Jahre im Osten weilen, ausdrückliche und sogar begeisterte Zustimmungen zu unseren Vorschlägen erfahren. Diese Tatsache wird wohl die sechsmonatige Anwesenheit Hirsch' in irgendeinem polnischen Orte reichlich aufwiegen. Aber das Persönliche beiseite, um zur Sache zu kommen. Die sprachliche Assimilation der Juden in Polen mit der christlichen Bevölkerung sei nicht möglich, sagt Hirsch, weil die Juden in Massen auftreten und die eigentlichen Träger der westlichen Kultur in Polen seien. Was die Masse betrifft, so stehen aber den drei Millionen Juden in Polen und Westlitauen neun Millionen Christen gegenüber, und diese sind sehr wohl imstande, mit der jüdischen Minderheit gründlich auszuräumen. Die westliche Kultur, die angeblich die Juden in Polen vertreten, ist nur bei einigen wenigen Gebildeten zu Hause, kaum bei einem Hundertstel der Gesamtbevolkerung. Ja, hat Hirsch bei seinem sechsmonatigen „unfreiwilligen" Aufenthalt in Polen nichts davon erfahren, daß eine starke Anzahl der dortigen Juden den Goi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern ihre Pflicht ist? Haben ihm Offiziere und Mannschaften unseres Heeres nichts von der scheußlichen Prostitution erzählt, zu der viele Juden ihre eigenen weiblichen Angehörigen benutzen, wenn sie dadurch ein gutes Geschäft machen können? Zu solchem entjetzlichen materiellen und moralischen Elend hat die jahrhundertelange Trennung zwischen Juden und Christen in Polen irnd die daraus ersließende Unterdrückung der Juden unsere unglücklichen Stammesbrüder herabgedrückt; und da soll man nichts unter-