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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Reihe von Veranstaltungen unter dem Namen „Ernste Stunden" zu arrangieren. Die erste dieser Veranstaltungen fand im Weißen Saal des „Kurierhauses" vor einem außerordentlich zahlreichen Publikum statt. Nachdem der Tempelchor mit Orgelbegleitlmg „Bitten" von Beethoven vorgetragen hatte, rezitierte Herr Al a x. Nt o n t o r den 35. Psalm „Hadere, o Herr, mit meinen Feinden" und den zweiten Akt von Otto Ludwigs „Makkabäer". Fräulein Lotte Gaßner trug dann „Tröstung" von Mendelssohn vor. Hieraus sprach Herr Dr. Paul Riege r über „Krieg und Religion". Der Redner legte etwa folgendes dar: Jedem Bibell-eser muß es auffallen, daß in der Bibel, dem Buch der Nächstenliebe und des Friedens, so oft vom Krieg die Rede ist. Noch auffallender ist aber die Tatsache, daß die Heilige Schrift kein Wort enthält, das den Krieg verdammt. Wohl haben die Propheten den kommenden Weltfrieden verheißen, die Bibel selbst aber betrachtet den Krieg als eine in der Weltordnung begründete notwendige Erscheinung. Er ist die letzte Folgerung und Forderung der biblischen Rechtsanschauung, das letzte Rechtsmittel, dem Rechte zum Siege Zu verhelfen. Er ist eine sittliche Pflicht und ein Gottesdienst, denn er straft das Unrecht, und die Krieger werden in der Bibel geradezu als Gottgeweihte bezeichnet, denn sie kämpfen für das Recht und seinen Schirmherrn, die Gottheit. Der Krieg ist aber in der biblischen Weltanschauung zugleich die Zuchtrute Gottes, sein härtestes Erziehungsmittel für die Völker. Er ist ein Prüfstein für die Echtheit ihrer Kultur und Sittlichkeit. Nicht der Krieg ist eine Schande für die Kultur, sondern daß die Völker im Kriege ihre Unkultur offenbaren. So hat sich die vielgerühmte Ritterlichkeit der Franzosen in diesem Krieg als ein Theaterkleid erwiesen, unter dem sie ihre Entartung geschickt verhüllten; so offenbarte sich die hochgep riese ne englische Vornehmheit als Scheinheiligkeit, hinter der sich Neid und Scheelsucht geschickt versteckten, so hat sich die'von uns so oft gelobte Weichheit des russischen Volkscharakters als eine dünne Oberschicht gezeigt, unter der sich die roheste Unkultur verbarg. Nur die deutschen „Barbareil" haben bewiesen, daß die deutsche Kultur keine hohle Redensart ist, daß sie vielmehr in Fleisch und Blut unseres gesamten Volkes übergegangen ist. Der Krieg ist wie ein läuterndes Feuer über unser Volkstum gekommen und hat Schlacken und Flecken aus ihm herausgebrannt. So wie die Makkabäerkriege, für das Volk der Bibel die Zeit seiner Neugeburt, seiner Selbstbesinnung und vertiefter Religion geworden, so bedeutet dieser Weltkrieg die innere- Vorbereitung auf die glänzende Zukunft unseres Volkes. Als letztes Rechtsmittel ist der Krieg eine Forderung der Religion, als Volkserzieher ist er -ein Wegbereiter der Religion. Der vorn Tempelchor vorgetragene Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte" bildete den Schluß der wahrhaft ernsten Stunden, deren musikalische Leitung in den Händen des Herrn M. Heule lag. . J. A. Nürnberg, 20. Dezember. Die Nachricht von dem plötzlichen und tragischen Hinscheiden des Herrn Dr. Moritz L e v i n, Prediger an der Reforingemeinde in Berlin, den der Tod mitten in Ausübung seines Berufes auf der Kanzel ereilte, hat auch hier in Nürnberg großes Bedauern hervorgerufen. Dr. L e v i n war der erste Rabbiner, der von der Gemeinde Nürnberg angestellt wurde und hat sich in zehnjähriger Wirksamkeit nicht nur viele persönliche Freunde, sondern auch die größte Liebe und Verehrung der Gemeinde erworben, llttt-er seiner Amtsführung erfolgte vor 40 Jahren die Einweihung des neuen Gotteshauses, für welches Dr. Levin ein eigenes Gebetbuch herausgegeben und einen heute noch mustergültigen Gottesdienst einrichtete. Bei dem letzten Sabbatgottesdienst widmete Herr Rabbiner Dr. Freu denthal dem Verklärten einen herzlichen Nachruf und erwähnte hierbei, wie Dr. Levin durch seine glänzende Beredsamkeit, durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und verständnisvolle Ausfafsung der Ausgaben seines Amtes hier noch in bester Erinnerung steht, und daß sein Andenken in der Gemeinde fortleben wird für alle Zeiten. — Wiesbaden, 18. Dezember. Das hiesige „Tagblatt" schreibt: „Daß der gegenwärtige Weltkrieg, mag er noch so schöne Früchte für die Zukunft tragen, augenblicklich viel Elend über die Welt heraufbeschwört, ist eine Tatsache, die niemand leugnen kann. Unter den Leidtragendenbefinden sich auch d i e r u s s i s ch - polnische n Juden. Ihre Lage ist geradezu komisch, wenn sie nicht gar zu traurig wäre. Einerseits sind sie im Lande der Knute die Parias, der Prügelknabe! Völlig entrechtet, geknechtet, gehetzt, jeglicher Bürgerrechte beraubt find sie. Jetzt müssen die „lieben Juden" ihrer „Pflicht" genügen, und Hnnderttansende werden mit der Knute aufs Schlachtfeld hinausgetrieben. Die älteren Leute, die Frauen und Kinder, schweben aber unterdessen in Angst. Wenn die Niederlage bekannt wird, so wird der „Prügelknabe" für die Unfähigkeit der Heerführer verantwortlich gemacht. Ist nun eine geringe Zahl von ihnen in Deutschland ansässig, so muß diese die Sünden der Nüssen büßen, denn sie gehören ja auf dem Papier dem feindlichen Staate an. Die Deutschen »verdorr als Kriegsgefangene geradezu schändlich in Rußland behandelt. Aber sind denn die unglückvichen Juden daran schuld? Haben sie denn was dabei mitznreden? Wahrhaftig, »nenn es auf sie ankäme, sie würden ganz anders handeln. Gibt es denn etwas Schrecklicheres als die ver- Zweislungsvolle Lage der Juden? Sind sie nicht dankbar für das bißchen Freiheit, das sie bis jetzt in Deutschland genießen durften? Schon ihre Sprache ist deutsch, ganz deutsch, wenn auch etwas mittelalterlich anmntend. Darf man sie nun in Bausch und Bogen mitstrasen? Deutschlands Gerechtigkeit, Deutschlands hohe Kultur wird es nicht zugeben." Schwei?. Z. Zürich, 18. Dezember. Das hier erscheinende „Israelitische Wochenblatt" bringt in der vorletzten Nummer folgenden bemerkenswerten Artikel ans dem „Jewish World": Unter den Sorgen, die jetzt das englische Judentum zu beschäftigen scheinen, richtet sich unsere besondere Aufmerksamkeit auf eine — lim milde zu sprechen — beklagenswerte Tendenz, die hier und da in unseren: Volke zmn Vorschein kommt. Manche Leute glauben, ihren Patriotismus — wie sie es zu nennen belieben — für das Land, das sie beherbergt, nicht -anders zeigen zu können als mit der Ignorierung der Pflichten, die das Judentum — das ihr Fleisch und Blut ist — an sie stellt. Sie glaubten als gute Juden und als englische Bürger zu handeln, indem sie ihren tiefen Haß gegenüber den deutschen und österreichischen Juden kundgaben und ihnen sogar Hilfe und Unterstützung versagten. Diese „Patrioten" wollen gar nicht bedenken, in welch kläglicher Lage sich diese Inden befinden, die sie gar nicht verdient haben, und wie ihnen ihre Qualität als Juden nichts nützt. Sie sind Bürger eines mit unserer Heimat auf Kriegsfuß stehenden Landes, und dies allein genügt, um sie als Feinde zu behandeln, sie zu boykottieren und wie ... die Pest zu meiden. Diese Haltung ist typisch für jenen beschränkten Geist, den mancher eine . . . „faule Seele" genannt hat. Und das eigenartigste an der Sache ist, daß diese Haltung, die angenommen wurde, itm dem vermeinten „Patriotismus" zu schmeicheln, gerade jedem Prinzip des englischen Geistes widerspricht. Ein Jude, nobler Herkunft, der einen fremden Namen tragt (man merke: weder deutsch noch österreichisch) und der in der ganzen Welt verehrt ist, hat sich kürzlich bemerkbar gemacht durch seine Feindlichkeit gegen die Deutschen, gegen ein Volk, dem er, man merke gut, auch durch Familienbande angehören muß. Nun, wenn gerade wir Juden von solchen engen Vorurteilen hingerissen werden, wenn der Krieg auf unsere Gefühle einen solchen Einfluß einwirkt, daß wir von grausamer Brutalität hingerissen werden gegenüber den Feinden des Landes, in dem wir wohnen, — so ist dies eine schlechte Sache, die nur uns selbst schade»: kann. Nichts erregt den englischen Zorn, wie gerade eine ähnliche Geistesrichtung. Zwischen den Nachrichten vom Kriegsschauplätze, die das Volk dieses Landes gegen die Deutschen besonders entrüstet haben, sind jene, die von einer harten Behandlung der verwundeten. Feinde (?) sprechen. Nun, welchen moralischen Unterschied, fragen wir, gibt es zwischen dem Soldaten, der auf einen: Schlachtfelde eurem anderen Soldaten seine Hilfe entzieht, ru:r weil er ein Feind ist, — und dem Zivilisten, der ähnlich gegenüber seinem Mitmenschen handelt aus denselben Motiven? Viele Pflichten legt uns Juden als Bürger der Krieg auf, aber eine dieser Pflichten muß doch wohl diese sein: Unseren j ü bischen V e r st a n d u nb nnse r jüdisches Herz nicht p re i s z ug e b e n! Schweden. CA) Stockholm, 16. Dezember. Hier hat sich aus Damen und Herren unserer Gemeinde eine Vereinigung zur Pflege des s y n a g o g a l e n Gesanges gebildet. Wenn auch die Tätigkeit der von Kantor Saul geleiteten Bereinigung zunächst eine rein ideale sein wird, so hat man doch daran gedacht, dieselbe späterhin in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Leider wird bisher der Ehorgesang in der Synagoge von einem dirigentenlosen, ausschließlich ans christlichen Damen und Herren bestehenden

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