Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229176--70972-3284252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78. Jahrgang Nr. 52 Berlin, 25. Dezember 1914 Der Gemeindevote. Betl»xe zur „Allgemeinen Leitung des Jude »tu ms". korrrlponden?m und Agchrichten. Deutschland. $$$ Berlin, 22. Dezember. Die Trauerseier für Dr. M. Lev in, den Prediger der jüdischen Reformgemeinde fand am Mittwoch, den 16. d. M., mittags, in dem Gotteshaus der Gemeinde statt. Zu Füßen der Kanzel, von der herab der Verewigte so oft gesprochen und auf der er am 13. d. M. inmitten seiner Rede starb, war seine sterbliche Hülle aufgebaut. Reiche Blumen- und Kranzspenden bedeckten den schlichten Sarg. Das geräumige Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Besonders zahlreich waren die Mitglieder der Gemeinde, Freunde und Schüler des Entschlafenen vertreten. Die gesamte Verwaltung der Reformgemeinde, wie auch hervorragende Vertreter der großen jüdischen Gemeinde, bekannte Gelehrte und Rabbiner hatten sich eingesunden. Die Feier wurde durch Gesang eingeleitet, »vorauf Prediger Dr. I e l s k i die Gedächtnisrede hielt. Einleitend bemerkte er, daß er noch allzusehr erschüttert und ergriffen sei von dem so jähen Heimgang seines ihm nicht bloß im Amte, sondern auch im Herzen so nahestehenden Kollegen, mit dem er so viele Jahre hindurch in einträchtigstem Beisammen gewirkt, um schon jetzt ein erschöpfendes Lebens- und Charakterbild zu geben. Aber hier bedürfe es auch gar nicht vieler Worte, die der Verklärte selbst nie gemocht und gemacht. Sein Wandel und seine Werke sprechen für ihn, für sich selbst beredt genug. Er war die Seele und die Leuchte der Reform, aber er war noch mehr: er war der eifervollste und begeisterungsvollste Vorkämpfer alles echt Jüdischen, und daher beliebt und angesehen in allen Parteien und Vereinen, und er war auch darüber noch hinaus ein Idealist, der für alles M enschliche, besonders für den Idealismus des deutschen Volkes und Geisteslebens erglühte. Aber das Zentrum seines Sinnens und Trachtens blieb das Judentum; ihm weihte erden heiligen Dienst in seiner Gemeinde, die ihren geliebten Lehrer nie vergessen kann; ihm weihte er bis zum letzten Atemzug die Kraft seiner Rede und die Fülle seiner Werke, von denen besonders seine um den Religionsunterricht der Jugend so verdienten Lehrbücher und feine dem reifen Alter soviel bietenden, unter dem Namen „Harfe und Posaune" herausgegebenen Predigten rühmend hervorgehoben und charakterisiert werden. Aber sein ganzes segensreiches Wirken und Schassen quillt hervor und wird noch überstrahlt von seinem Wesen, von seiner Persönlichkeit. Wie sie leuchtend unter uns gewandelt, so ging sie leuchtend nieder und so wird sie fortglänzen Kesohar harakia, „wie des Himmels reiner Glanz" nicht nur im Herzen seiner Lieben, die ihm soviel Glück im Alter bereitet, sondern auch im herzlichen Gedenken aller, die diesen seltenen Manu gekannt, vor allem aber in der dankbaren Pietät der Resormgemeinde, um die er auf allen Gebieten sich unauslöschliche Verdienste erworben. Dann trat der Vorsitzende der Reformgemeinde, Direktor Dr. Georg Minden an den Sarg, um namens der Gemeinde dem so jäh aus dem Leben geschiedenen Seelsorger Worte des Dankes und der Anerkennung nachzurufen für alles Gute, das er in seiner langjährigen Wirksamkeit gestiftet habe. Er wies darauf hin, daß in dieser Gemeinde die Geistlichen sich auf keine staatliche oder ähnliche Autorität, sondern nächst der Religion selbst nur auf ihre eigene sittliche und geistige Persönlichkeit stützen können. Für diese Gemeinde sei Levin, in dessen Beredsamkeit ein Hauch des alten Prophetentums lebendig war, der richtige Priester gewesen. Aus seinen Predigten habe jeder etwas nach Hause getragen. Zwei Erinnerungen gehörten zu den schönsten seines Lebens. Die eine, als es ihm nach Begründung des neuen Deutschen Reiches vergönnt war, im Rathause der alten Reichsstadt Nürnberg die Festrede der Sedanfeier zu halten; die andere, als er in der Nürnberger Synagoge den Erben der Reichskrone, den nachmaligen Kaiser Friedrich empfing. Deutsche Tapferkeit und makkabäisches Heldentum seien in seiner Anschauung untrennbar zusammengeflossen, und beim Verkünden dieser Ueberzeugung habe sich sein Geschick erfüllt. — Im Anschluß hieran erfolgte die Ueberführung der Leiche nach Weißensee, begleitet von Zahlreichen Freunden und Verehrern des Verstorbenen, die trotz des schlechten Wetters, das mn diese Stunde herrschte, dm weiten Weg Zu seiner letzten Ruhestätte nicht scheuten. Hier sprach nach voran gegangenem Chorgesang zunächst Dr. I. Lehmann'für die Reformgemeinde. Der Amtsgenosse des Entschlafenen schilderte das strahlende Wesen der Persönlichkeit. Aus der Eigenart dieser Persönlichkeit ging hervor, was er war und gab; in die Tiefe seines Wesens nahm er auf, was die Welt an Großem und Schönem zu bieten hatte. Sein Bund mit dem Leben war ein innerer, heiliger, der Gottesbund des Leviten, wie ihn der Prophet Maleachi gekündet hat. Lebensarbeit, Lebensfreude und Lebensfrieden, das Werk echter Herzensweisheit, deren Grund wahre Gottesfurcht. Diese Gottesfurcht bekundete sich in edler Bescheidenheit, innerer Reinheit und Wahrhaftigkeit, Versöhnlichkeit und Charakterfestigkeit. Sein Leben war ein Gottesdienst des Herzens! Jude, Diener der Menschheit und Patriot mit dem Herzen! So erklärt sich der Zauber, der von ihm ausging. Mit eigenen Worten des Verstorbenen, immergrünen Blättern, wurde ihm ein Kranz der Huldigung gewunden und auf ihn selbst angewandt das eigene Wort: das Lebensbild. — Als Freund der Familie des Verstorbenen sprach hierauf auf deren speziellen Wunsch Rabbiner Dr. B e r g m a n n , der mit bewegten Worten dem Verklärten den Scheidegruß nachrief: Du bist unser Bruder. Zum Schluß sprach Dozent Dr. I. E l b o g e n für den Hilssverein der deutschen Juden und als Vertreter des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. Er führte etwa folgendes aus: Zu den Institutionen, die schmerzersüllt an dieser Bahre trauern, gehört insbesondere der Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Wenn von dem uns so jäh Entrissenen mit Recht gesagt wurde, daß sein bescheidenes Wesen sich ängstlich von der Öffentlichkeit Zurückzog, so darf unser Verein sich um so lauter rühmen, daß er seiner Verwaltung angehörte. Vom Tage der Konstitutionsversammlung an hat er an der Seite seines Herzensfreundes G u st a v K a r p e l e s die Sache des Vereins verfochten und fast ein Vierteljahrhundert in unserem Vorstände gewirkt mit jenem Ernst und jener Pflichttreue, mit jener Weisheit und Sachkunde, die seine gesamte Wirksamkeit auszeichneten. Nicht von Anfang an war das hohe Ziel, das unser Verein sich gesteckt, so von der allgemeinen Zustimmung getragen wie heute, nie hat das Gute sich Bahn gebrochen, ohne daß dafür gekämpft wurde; in diesem heiligen Kampfe gehörte der sonst so friedfertige Verklärte zu den begeistertsten, zu den beherztesten und, wir dürfen es heute auch sagen, zu den erfolgreichsten Führern. Er hat ein Lehrbuch für jüdische Geschichte und Literatur geschaffen, das weit über die Kreise seiner Gemeinde hinaus Anklang und Verbreitung gesunden, das in der Anlage vielfache Nachahmung gesunden und — was Levin mehr am Herzen lag — in der jüngeren Generation das Studium wie die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur mächtig angeregt hat. Er hat durch seine Vorträge im Verein, durch seine Aufsätze im Jahrbuch, durch seinempfundene Nachdichtungen hebräische Poesie, durch seine kraftvolle Gestaltung jüdisch geschichtlicher Stoffe unsere Bestrebungen nachhaltig gefördert, Die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur bildete ein Stück seines Lebensprogramms. Wie es von Joseph im jüngst verlesenen Schristabschnitt heißt „meine Brüder suche ich", so war auch unserem Verklärten bei allem Aufgehen in der großen Gesamtheit der enge Anschluß an die Gemeinschaft tiefgefühlte Herzensangelegenheit. In der jüdischen Geschichte und Literatur sah er eines der Mittel, unsere Glaubensgenossen an ihre Gemeinschaft zu fesseln; die heldenstarke Geschichte des jüdischen Volkes mußte den Bekennermut stählen, die gedankenreiche und vielseitige Literatur unser Bürgerrecht in der Kulturgemeinschaft der Völker begründen. Die religiöse Richtung des Verewigten ist aus berufenem Munde gekennzeichnet worden; bei aller Betonung der freien Forschung, des Rechtes der Gegenwart, hielt er daran fest, daß nur diejenige Reform berechtigt ist, die in der geschichtlichen Entwicklung verankert ist; in der ruhmvollen Geschichte der Väter sah er die starken Wurzeln der Kraft unserer Gemeinschaft, in ihrer umfassenden Literatur Ewigkeitsgedanken, die für alle Zeiten ihren Wert behalten, weise Gedanken und Lehren, die nie aufhören, den Geist anzuregen und zu befruchten. Und noch eins zog ihn zu uns hin. Wenn er auch auf vorgeschobenem Posten stand, so wollte er doch den Anschluß an die Brüder nicht verlieren. Männer von Levins

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.