Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (623) (sequence 11)
- Language
- German
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und gesellschaftlichen Interessen. Wenn sich der Jude mit ihnen vermengt, so kann es nur zu ihrem Schaden sein. Er kann nur dann Platz gewinnen, wenn er andere hinausdrängt. Solange er Jude ist, kann man sich gegen ihn wehren. So sehr er auch danach strebt, den Rassenmagyaren zu gleichen, sein Aeußeres, seine Gewohnheiten verraten den Fremdling und drängen ihn zurück. Aber wenn er sich taufen läßt, dann ist er gleich ein Rassenmagyar. Wenn er es nicht sofort ist, dann ist er es in der zweiten Generation ganz gewiß. Denn in Ungarn heißt jeder, der Christ ist, Magyar, sofern er nicht eben vorzieht, Rumäne oder Sachse zu sein, Mas mitunter auch sehr lohnend ist. Littauer machte sich aus dieser argwöhnisch m Zurückhaltung nicht das geringste. Seinetwegen mochten sie tun, was sie wollten. Auch die kleinlichen Eifersüchteleien ärgerten ihn nicht. Was befürchteten denn diese Herren eigentlich? Er bewirbt sich weder um ihr Ansehen noch um ihren Einfluß. Er verlangt nichts und erwartet nichts. Er hat keine besonderen Ambitionen. Er wollte eine Unternehmung haben, und diese hat er bekommen. Mehr will er nicht. Um so mehr war aber Agnes Maria wegen der reservierten Haltung der Christen betrübt. Die gute Frau hatte sich den christlichen Zustand ganz anders vorgestellt. Sie hatte geglaubt, daß sie sich bloß taufen lassen müsse, um gleich so ausgenommen zu werden wie Frau Sonngott oder Frau Suhajda de Hajdäcs, denn ein getaufter Jude ist doch so viel wert tvie ein als Christ geborener Edelmann. Ja, warum nicht gar! Galt sie ihnen so viel? Wurde sie ebenbürtig behandelt? Tie christlichen Herren grüßten sic auch jetzt noch ebenso wie früher: höflich und mit besonderer Achtung. Vor Frau Suhajda lüften sie kaum den Hut, nur ganz ohnehin mit familiärem Lächeln rufen sie ihr ein freundschaftliches „Küß die Hand" zu. Aber wieviel Wärme steckt darin, welche Unmittelbarkeit des Zusammengehörens. Diese Unterscheidung riß ihr ins Herz, und mit tiefem Schmerze fühlte sie, daß vor ihr die christlichen Herren immer den Hut abnehmen würden. Nun, mit den christlichen Herren wäre es noch irgendwie gegangen. Aber die Frauen. Die grausamen Frauen, ach, diese quälten sie mit tausend Nadelstichen. Sie erwiderten tvohl ihren Besuch, doch sie wußte ihnen keinen Dank dafür. Frau Szentpüly trat mit den Worten bei ihr ein, sie habe wirklich eine sehr angenehme Enttäuschung erfahren. „Wissen Sie, gnädige Frau, aufrichtig gesagt, fürchte ich mich ein wenig vor den Juden." „Aber, Baronin," sprach errötend Frau Littauer, „Sic wissen ja . . ." „Ich weiß es, ich weiß es, aber dennoch wissen Sie . . . das geht nicht so schnell." Frau Suhajda wieder nahm sie vertraulich beiseite und fragte zitternd vor Neugierde: „Nur mir sagen Sie es, mein Herz. Jetzt kann es Ihnen doch schon ohnehin ganz gleich sein. Sagen Sie mir doch, liebe Frau Littauer, ist es wirklich wahr, daß ihr Ostern Christenblut haben müsset?" Auch ihre Dienstboten hatten das gefragt. Alle fragten das. Doch nicht alle gingen so einfältig oder so rücksichtslos vor. Es gab auch solche Frauen, die auf feine Art, gleichsam hauchartig, jene ideale Grenzlinie zogen, welche sie voneinander trennte. Da war zum Beispiel Frau Keöcheöghy, die unter allen die größte Bildung besaß. Auch diese war bei dem ersten christlichen Jour anwesend, aber sie verletzte Frau Littauer nicht mit bösgemeinten Anzüglichkeiten. Im Gegenteil, sie lobte und pries alles, was ihr vorgesetzt wurde, besonders das feine Backwerk. So lieb und so sanft war diese Frau, und auch beim Abschied strahlte sie vor lauter Wohlwollen. Sie umarmte Frau Littauer, küßte sie und sprach wieder lobend: „Liebste, cs war einfach herrlich. Alles war großartig. Nur mehr Rahm sollen Sie, mein Herz, ein anderes Mal nehmen. Wir haben es s o gern, bei u n s ist Rahm die Hauptsache." Also war sie noch immer nicht bei ihnen. Ihre Seele schluchzte und weinte, und jetzt dämmerte auch ihr eine trübe Ahnung davon, daß sie zwischen zwei Welten geraten war. Die eine hatte sie hinansgcstoßen, und die andere wollte sie nicht aufnehmen. IX. In dem Hellen Littauerschen Hause war die Luft gar gedrückt geworden. Die alte patriarchalische Heiterkeit war hinausgezogen und trübe Fastenstimmung lagerte auf allem, gleich einer finsteren Wolke. Frau Littauer, die sich in den Christen getäuscht sah, suchte im Christentum selbst Entschädigung. Aber da sie ihre neue Religion, deren Geist und Wesen ebensowenig verstand, wie sie ihre alte Religion verstanden hatte, konnte sie sich nicht auf deren Höhen empvrschwingen, sondern siel in ihre Tiefen. Sie klammerte sich an die Aeußerlichkeiten des Christentums, las den Rosenkranz, ging oft zur Kirche, verehrte die Heiligen, beichtete und enthielt sich Freitags des Fleischessens. Und als ihr auch das keine Befriedigung mehr gewährte, fand sie bei ihrer primitiven Bildung die primitive Urform des Christentums, die selbstquälerische, entsagungsvolle, öde Askese, welche die Menschen flieht, den kleinsten Freuden scheu ausweicht und das Erdendasein zu einer langen, qualvollen Folter macht. Littauer verspottete diesen sinnlos blinden Eifer, doch hatte er keine Zeit, sich viel darum zu kümmern. Er steckte bis zum Hals in der Arbeit, und manches ging ihm schief. Er hatte die Vorarbeiten des Baues in Angriff genommen, was mit viel Aerger verbunden war, denn jeder wollte ihn übervorteilen. Und wenn er sich nach den Verhandlungen mit Lieferanten, Fuhrleuten und Arbeitern ein wenig ausrnhcn wollte, kam seine Frau und klagte ihm ihre Leiden. Als ob er keine gehabt hätte. Wurde doch auch er schonungslos von rechts und links gestochen und gebissen. Bald von Juden, bald von Christen. Die Nadelstiche der Christen duldete er lächelnd. An diese war er ja seit jeher gewöhnt. Aber die Sticheleien der Juden ärgerten ihn, machten ihn ungeduldig, nervös, ja beinahe krank. Nichts verletzte ihn aber so sehr, wie das Purimspiel. Das griff ihm ans Herz. Vergebens sagte er sich, daß die Pfeile, welche Zodek Hungerleider gegen ihn abgeschossen hat, jetzt stumpf seien und nicht mehr verwunden könnten. Diese öffentliche Verhöhnung schmerzte ihn so sehr, daß er an Rache dachte. Dieses unedle Empfinden, welches zu seiner gutmütigen Naturveranlagung in Widerspruch stand, hätte er sonst zurückgewiesen, jetzt aber fühlte er es als menschliche Gerechtigkeit. Und er schürte seinen Zorn, nährte den Groll iin Herzen und zerbrach sich den Kopf, um verschiedene Bosheiten zu ersinnen, was ihm nicht schwer siel, denn er >var erfinderisch. Sein erster Gedanke war, diesen boshaften Zodek Hungerleider abschieben zu lassen. Das könnte er sehr leicht durchsetzen. Dem Richter lvaren die vielen gelockten Bachurim ohnehin ein Dorn im Auge. Er betrachtete alle als Gesindel und Tagediebe. Zodek war nur ein Werkzeug, der wahrhaft Schuldige war David Gutlohn. Sein tückischer Verstand hatte diese Schmählichkeit ailsgeheckt. Nun, dann wird er die Beleidigung an ihm rächen. Lange überlegte er, auf welche Weise er dies bewerkstelligen solle. Gutlohn war reich, er aber war noch reicher. Er könnte ihm sehr leicht Schaden zufügen. Den Weizen der Bauern könnte er ihm vor der Nase wegkaufen, ihn aus dem Pachthofe hinaussteigern; dann könnte er auch .wegen seiner unehrlichen