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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · p. Seite (622)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
Seite (622) (sequence 10)
Language
German
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522 des Tempels zu Jerusalem, einen Stein auch in der Kaaba zu Mekka als das Allerheiligste festzusetzen. Dieser Stein kann auch nur eine Nachahmung gewesen sein, denn er selbst war ganz bedeutungslos, während der „Scheßijah" seine tiefe symbolische Bedeutung hatte. %?5ülbLr(|yg^ Da Hub Zodek mit komischer Ernsthaftigkeit von der Bühne herab zu sprechen an: „Efscher wat's doch destümmen!" Na darauf hin war es schwer, das Lachen zu ersticken, aber nach vielem Bemühen gelang es doch. Und Zodek Hungerleider fing an zu deklamieren: Macht's auf de Uhren un de Ojgen, Heint kennen de Deinges gur uischt tojgen. Keiner is urm, jeder is e Srure . . . Pize Kepure. Der neue Christ. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencssni. (Fortsetzung.) ls die Uhr halb neun schlug, war das große Wirtshaus voll. Zodek Hungerleider wird ein volles Haus haben. Erst um neun Uhr sollte die Vorstellung beginnen, doch war im Saale keine Spur von Langeweile und Ungeduld zu bemerken. Die Spaßmacher gingen von Bank zu Bank und entfesselten überall dröhnendes Gelächter. Fleischer Buchsbaum war der Hauptspaßmacher, und Mojsche Essigsieder assistierte ihm. Buchsbanm war als Köchin verkleidet, nnd seine hünenhafte Gestalt in Frauenkleidern machte einen unwiderstehlich komischen Eindruck. Er mengte sich unter die Frauen und brachte dieselben durch gut gespielte weibliche Vertraulichkeiten zum Lachen. Er klagte, daß es sich nicht lohne, ein anständiges Mädchen zu sein, denn ein solches könne — wie sein Beispiel zeige — keinen Mann bekommen. Mehr brauchte Mojsche Essigsiedcr nicht. Flugs bahnte er sich durch dick und dünn einen Weg zum hundertjährigen Blumcnstein, nahm diesen ans die Schulter und trug ihn unter lautem Beifallklatschen des Publikums zu Buchsbaum. Er stellte sich als Schadchen vor, der einen Freier gebracht habe. Buchsbaum zupfte schüchtern an dem Zipfel seiner Schürze, dann kreischte er laut und barg verschämt seinen großen Kopf an dem mütterlichen Busen der zunächst sitzenden Frau. Die Leute schüttelten sich vor Lachen. „Na, Rest," ermunterte Mojsche das angebliche Mädchen, „schäm' dich nicht. Schau dir diesen Bocher an. Du kannst dir alle zehn Finger nach ihm lecken. Willst du, oder willst du nicht?" Buchsbaum lispelte mädchenhaft-schüchtern ein „ja". Aber der hundertjährige Blumenstein wollte Bedenkzeit haben. „Ich weiß nicht Schadchenleben," sprach er schelmisch zu Mojsche, „ob ich sie zur Frau nehmen soll? Vielleicht ist sie schon zu alt für mich, und ich will doch nicht ohne Kaddisch sterben." Ein Kanonenschliß hätte kaum ohrenbetäubender gewirkt als das schallende Gelächter, welches diese Worte des Alten hervorriefen. — Da schaut euch nur den alten Schelm an. Das sieht ihm schon ähnlich. Man war in sehr angeregter Stimmung, als mit dem Schlage neun das Schauspiel seinen Anfang nahm. Auf der kleinen Bühne wurde der Vorhang weggezogen, und der Verfasser erschien, um den Prolog zu deklamieren. Er verstand seine Sache vortrefflich und wurde mit vollem Rechte mit stürmischen Beifallsbezeigungen begrüßt. Seine Maske und sein gelungenes Kostüm hätten auch Tote zum Lachen gebracht. Auf dem Kopfe hatte er ein Streimel, auf dem Leibe ein Meßhemd an, und unter dem Hemde hing ein Zidakel hervor: Rabbiner und christlicher Priester in einer Person. Das Publikum sah darin eine Anspielung auf kommende Dinge und lachte, brüllte und tobte vor Wonne. Das moderne Theater hat wohl kaum ein so dankbares Publikum. Macht's auf de Ojgen ün de Minder. Me wat Enk spielen nuble Minder: Reb Mendl hot b'kemmen e neic Heture . . . Pize Kepure. Uen gur de Esther, de scheine, alte, Getvorn is se Waschte Chamalke, Bekimmen Hot se Majem Merure.. . . Pize Kepure. Zodek Hungerleider durfte mit der Wirkung zufrieden sein. Das Publikum hielt sich den Bauch vor Lachen. Es verstand das Anzügliche und tobte vor Vergnügen. Denn mag der Glaubensabfall auch im allgemeinen ein betrübendes Ding sein, so ist es doch sehr lächerlich, wenn sich just ein solcher Mann taufen läßt, der vom Rabbiner das Ehrendiplom der Gottesfurcht bekommen hat, wie es sonst nur Talmudgelehrten gebührt. Nun, anstatt der Merene hat er jetzt ein anderes Diplom, eine neue Heture (Hattara) vom matrikelführenden Pfarrer bekommen. Das war doch zum Lachen. Ebenso spaßig war es auch, daß der witzige Zodek Frau Littauer, die Esther hieß, in die Rolle der biblischen Esther gesteckt hat, jedoch mit umgekehrter Tendenz, als ob Esther nicht im Interesse der Judenheit die Gunst König Ahasveros gesucht hätte, sondern lediglich deshalb, um die Stelle der Königin Waschti einzunehmen. Was der Prolog nur angedeutet hat, das wurde in dem Stücke vollends ausgeführt und die Familie Littauer darin gründlich bloßgestellt. Mordechaj preist -der Esther den persischen Heidenglauben an: De goj'sche Emüne is schein ün mild, Uen is e Panzer, ün is e Schild. Uen essen kenn man, wus me will: E Hus, e Chaser ün e Fill. Esther erwidert, daß sie schon die seelischen Uebungen angesangen habe. Gestern aß sie Schweinsbraten, heute Speck. Die persische Religion sei sehr schwierig, sie werde sich vielleicht gar nicht an dieselbe gewöhnen können. Es wäre doch besser, die frühere zu behalten, und sie fleht den alten Verführer an: Tate sißer, los mech gein. De goj'sche Emüne macht me Pein. De alte is me noch in Harzn begrübe::, Uen de neie liegt me schojn in Mugen. Man konnte das Lachen nicht unterdrücken, als Esther da stöhnte und ächzte und sich in Magenkrämpfen wand. Sogar das christliche Publikum mußte darüber lachen. Viele verstanden den Jargon, und manchen freute es, daß diese Schelme von jüdischen Studenten sich über die Littauerschen lustig machten. Denn jene konfessionelle Eitelkeit, die durch den Uebertritt der Familie wachgerufen wurde, war schon wieder verschwunden. Der Jude hatte ihnen zwar seine Seele gebracht, aber es war zu befürchten, daß er im Umtausche dafür ihre Haut nehmen werde. Mißtrauisch begegneten sie dem neuen Christen und wollten ihn keineswegs als ihresgleichen betrachten. Jetzt weniger denn je. Warum ist er Christ geworden? Auch die Herren in Letöce fürchteten für ihre materiellen

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