Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (620) (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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520 spruchs gab die Regierung ihre Pläne wieder auf. Danken wir Gott, der die Zeiten verändert, daß man uns das Ehrenrccht, das Vaterland $u verteidigen, nicht mehr streitig macht, und preisen wir uns glücklich, daß es uns vergönnt ist, eine Zeit zu erleben, wie die unsere. Waffenklirrend und eisenstarrend schreitet sie wuchtigen Schrittes dahin über die bis in ihre fernsten Enden bebende Erde. Ueber Leichenhügel führt ihr Weg. Tenn „will führen Gott sein Bolk gewaltig durch die Flut, so zeichnet er die Häuser auch heute noch mit Blut". Aber hinter den düsteren Nebeln strahlt das Morgenrot eines neuen Tages für die Menschheit, an dem die Geister ihre enge Haft sprengen, an dem wir alle uns als Söhne eines Vaters, des Vaterlandes, und uns als solche als Brüder fühlen. Dr. Mendts „Lrimikrmrgkn eines Schul-! mannes". j Bon 2. >)v o 11) | ch ild, Worms a. Rh.! or wenigen.Jahren ist ein Werk erschienen: „Erinnerun- -gen eines Schulmannes" von dem erst kürzlich verstorbenen Oberschulrat und Gymnasialdirektor Dr. Gustav Wen dt. Ter Umstand, daß Wendt hervorragend auf dem Gebiete der Pädagogik tätig war, hat auch die bedeutendste Zeit- , schrift für Volksschullehrer veranlaßt, in jüngster Zeit auf das! Werk empfehlend hinzuweisen. Ter weitere Umstand, daß ich! zur Zeit der Berusung Wendts von Hamm (Westfalen) nach S\ a r l tz r u h e in dieser Stadt das Lehrerseminar besuchte und Personen und Oertlichkeiten kannte und wenige Jahre nachher durch einen Jugendfreund mit Wendt persönlich bekannt wurde, veranlaßte mich, alsbald das Buch zu lesen. Es soll nicht meine Aufgabe sein, eine Rezension des Buches zu geben, das eine Fülle interessanten Stoffes, besonders für pädagogische und musikalische Kreise enthält, sondern ich möchte nur das, was mir sub speeie judaica ausgefallen ist, hier Mitteilen, und das ist nicht minder interessant, denn es wird uns hier gezeigt, wie Wendt schon in seinem früheren Wirkungskreise Hamm bestrebt war, Vorurteile gegen die Juden energisch zu bekämpfen, und wie er's sich in seinem neuen Wirkungskreise in .Karlsruhe angelegen fein ließ, gleiches Recht für alle Konfessionen nicht nur zu fordern, sondern auch herbeizuführen. Wir sehen auch, daß in dem Wendtschen Hause zu Karlsruhe, in welchem hervorragende Vertreter der Kunst und Wissenschaft ein und ausgingen, auch Juden freundliche Aufnahme fanden und gern gesehene Gäste waren. Kehren wir nun zum Buche selbst zurück! Wendt war im Oktober 1854 zum ersten Lehrer am Gymnasium zu Greifenberg (Pommern) ernannt worden. Er schreibt: „Irgendein besonders aufregendes Ereignis habe ich dort nicht erlebt, bin aber doch mit einem Vorfall bekannt geworden, der kurz vor meinem Tienstantritt die Gemüter erregt hatte und für die damaligen Zustände bezeichnend war. Israeliten wohnten nicht viel in Greifenberg: immerhin war ihre Zahl so groß geworden, daß ihre Gemeinde sich eine neue Synagoge bauen konnte. Zu deren Einweihung waren außer dem Bürgermeister und den Sladträten auch der Tirektor des Landgerichts mit seinen Beamten und das Lehrerkollegium des Gymnasiums eingeladen, und die dazu Aufgesorderten hatten sich denn auch zur Feier eingefunden. Am nächsten Sonntag aber besprach der Diakonus Zöller im evangelischen Gottesdienst das Vorgefallene und ging in seinem Tadel all der Christen. welche der israelitischen Einweihung der Synagoge beigewohnt hatten, so weit, daß er sagte, diese hätten Christus zum zweitenmal gekreuzigt. Das griff der Gerichtsdirektor Nemitz auf, verklagte den Diakonus, weil er ihn eines Mordes beschuldigt hätte, und dieser ist dann auch zu einer Geld- oder Gefängnisstrafe verurteilt worden. Aber auch den Lehrern des Gymnasiums ging ihr ruchloser Mangel an christlicher Frömmigkeit nicht ungeahndet hin. Denn einige Zeit nach dem welterschütternden Ereignis erschien, vom Minister gesandt, der Vortragende Rat im Kultusministerium, der die Inspektion über die evangelischen Gymnasien hatte, Dr. Wiese. Er kam kurz nach meinem Dienstantritt, besuchte in verschiedenen Klassen den Unterricht, wobei ich von ihm freundliche Anerkennung erhielt; ich war ja auch nicht an jener Kreuzigungssünde beteiligt gewesen. Dann aber erklärte er doch der Lehrerkonferenz, daß gerade an dieser Anstalt, die man allerdings als ein christliches Gymnasium bezeichnet hatte, der Besuch der Synagoge mit Recht Anstoß erregt habe. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sendung des Herrn Geheimrats nach der kleinen hinterpommerschen Stadt nur erfolgt war, um diese Mißbilligung auszusprechen." Im Jahre 1857 wurde Wendt zum Direktor des Gymnasiums zu Hamm (Westfalen) ernannt. Er schreibt: „Nicht weit von dem Pfarrdorf Berge lag das Gilt Kaltenhof. Das gehörte einem reichen Gutsbesitzer Löb, der dort mit seinergroßen Familie lebte. Auch hier kam man uns sehr freundlich entgegen; ich habe den Hausherrn aufrichtig schätzen gelernt. Der Umstand, daß er Jude war, konnte mich ihm nicht fernhalten." Wendt sprach sich über seine religiösen Anschauungen grundsätzlich nicht aus; aber bald trat ein Ereignis ein, das ihn zwang, seine sonst geübte Zurückhaltung aufzugeben. Er schreibt: „Es hatte sich in Hamm ein literarischer Verein gebildet, der allen seinen Mitgliedern Gelegenheit bot, sich über Gegenstände ihrer Studien in zusammenhängendem Vortrag auszusprechen. Daran knüpften sich dann Besprechungen über das Gehörte. Nun besuchten mich an dem Vormittag, der dem literarischen Abend voranging, zwei Mitglieder des Vereins, die der israelitischen Konfession angehörten. Angekündigt worein Vortrag über die Stellung der Juden im modernen Staat von einem Landgerichtsrat v. Rappard. Jene beiden j Herren nun berichteten mir, dieser Herr habe bereits im Ge-! spräch seine Ansichten über diesen Gegenstand dahin aus- | gesprochen, daß alle Israeliten ausgewiesen werden und sich! dann wieder in Palästina ansiedeln müßten. Jedenfalls werde! sein Vortrag dieselben Anschauungen wiederholen, und wenn! das in einer öffentlichen Versammlung geschehe, so liege darin! für sie und alle sonst in Westfalen vorhandenen Juden eine! schwere Beleidigung. Ta sie aber selbst Partei in dieser Sache! seien, so bäten sie mich, ihre Verteidigung zu übernehmen.! Dazu verstand ich mich um so lieber, als die beiden Herren j mir auch sonst befreundet waren. Es kam in der Abendver-! sammlung, wie ooranszusehen war. Als der Redner gesprochen! hatte, nahm ich das Wort, wandte mich erst gegen die Art, wie er in der ersten Hälste seines Vortrags aus einer Reihe von Bibclstellen das Verhalten der Juden gegen den Messias als eine Kette von empörenden Feindseligkeiten dargestellt hatte, und wies darauf hin, daß es bei jeder Bibelstelle doch sehr darauf ankomme, wo dieselbe stehe, aber auch auf den Verfasser des betreffenden biblischen Buches, gmg aber dann dazu über, nachzuweisen, daß ein solcher Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger mit dem Geiste christlicher Liebe, die doch den Mittelpunkt unserer Sittenlehre bilden müsse, sich schlechthin nicht vertrage und schloß mit der Versicherung, daß ein derartiger Angriff auf Männer, die sich allgemeiner Achtung erfreuten, im höchsten Grade bedauert werden müsse. Noch ehe ich geschlossen, hatte ich bemerkt, daß mein Gegner sich möglichst unbemerkt dem Ausgang des Saales genähert hatte und verschwand. Damit war ja dem berechtigten Wunsche unserer Israeliten Genüge geschehen. Aber nur wenige Tage vergingen, dann erschien in einem in Dortmund erscheinenden ultramontanen Blatt eine Erzählung des ganzen Vorganges, worin von mir behauptet wurde, ich hätte mich sehr geringschätzig über die Glaubwürdigkeit der biblischen Berichte geäußert- und