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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · p. Seite (619)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
Seite (619) (sequence 7)
Language
German
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519 In dem Roman kommt auch eine Liebesgeschichte vor, und zwar der genannten Na-dia, eines schönen, klugen und reichen Mädchens, das seinen Idealismus unter witzelnder und spöttelnder Maske verbirgt, mit dem gleichfalls schon hervorgehobenen Jakubow. Daß beide ein Paar werden, aber nicht in Rußland bleiben, sondern nach Amerika auswandern (daraus erklärt sich der Titel des Romans „Jenseits"), nachdem sie übrigens schon lange mit wunderbarer Kraft und Geschicklichkeit ein Auswanderungsbureau geleitet hatten, mag kurz erwähnt sein. Beide Romane sind spannend erzählt. Der zweite freilich weit mehr als der erste. Denn in diesem stören die langen Unterhaltungen, die Mitteilungen von Briefen, von Aktenstücken die eigentliche Schilderung. Beide Romane entfernen sich von der glaubhaften Wirklichkeit so weit, daß diese Unwahrscheinlichkeit den Leser verwirrt und stört und zu einem rechten Genuß nicht kommen läßt. Aber da die Tendenz beider durchaus löblich ist, auch die Orthodoxie nicht in aufdringlicher Weise gelehrt wird, so soll ihnen nach all dem Tadelnden, das ausgesprochen werden mußte, wegen ihrer guten Gesinnung eine kurze Empfehlung gegönnt sein. 1814 und 1914. Von Direktor Dr. Lazarus, Kassel. urch ein Meer von Blut hindurch sprengt der schwarze Ritter Tod. Jeder Stoß seiner Lanze scheidet blühende Jugend, kraftstrotzende Männer vom Leben. Wohl noch nie, solange Menschen sind, trank Mutter Erde so viel Blut ihrer Kinder auf einmal. Es ist ein gewaltiges Heer, großer als die gesamte kämpfende Streitmacht oft in der Vorzeit, das auf fremdem Boden den letzten Schlaf schläft. Für uns starben sie, diese Toten. Feurige Jünglinge, für uns haben sie den blühenden Leib der Vernichtung preisgegeben, für uns, den schlachtenfrohen Helden des Altertums ebenbürtig, unter Jubelgesängen ein Leben, das ihnen noch alles schuldig war, dahingeopfert. Gereifte Männer auf der Höhe des Daseins, für uns haben sie für immer von Weib und Kind Abschied genommen, für uns das größte Opfer gebracht, das zu bringen dem Menschen gegeben ist. Wir Zurückgebliebenen aber, wir kommen uns so klein vor angesichts solcher Taten und sinnen beschämt, wie wir ihrer würdig werden. Auch wir sind uns des Ernstes der Stunde bewußt, auch unter uns soll die große Zeit, deren Kinder wir uns mit Stolz nennen, kein kleines Geschlecht finden. Wir deutschen Juden wollen uns von niemand in der Liebe zum Vaterlande übertreffen lassen. Wir würden gehobenen Herzens die heilige Blutsteuer zahlen, auch wenn wir nicht wüßten, daß alle die Ströme Blut nicht umsonst fließen. Jeder unserer teuren TotenJ hilft ja eine Bresche in der Mauer verjährter und vererbter Vorurteile brechen. Mit jedem unserer von Kriegern aller Bekenntnisse gemeinsam erkämpften Siege wird zugleich ein Sieg über fanatischen Religions- und Glaubenshaß gewonnen. Jeder jüdische Blutstropfen, der in diesem Kriege für unser aller Heimat vergossen wird, kittet fester und unauflöslicher Religionen und Menschen im neuen Deutschland *) Auch zwei.meiner liebsten Schüler, die Lehrer Abraham-Niedenstein und Rosenstock-Wiesbaden, sind bereits gefallen. aneinander. Jeder der heldenmütigen, todverachtenden, mit dem Eisernen Kreuz geschmückten Streiter ans unseren Reihen sicht nicht bloß für das Recht und die Ehre des Deutschen, sondern auch für die noch weit öfter besudelte Ehre und das noch weit mehr gebeugte Recht des Juden.. So zeigen wir uns der Väter würdig, so beweisen wir, daß auch in unseren Adern Makkabäerblut rollt. Daß es aber zu allen Zeiten an Männern von solcher Sinnesart in Israels Mitte nicht gefehlt hat, das zeigt ein Aktenstück aus der großen Zeit vor hundert Jahren, welches ich den Beständen des Geheimen Staatsarchivs zu Münster entnehme. Wie andere Regierungen hatte die großherzoglich hessische Negierung zu Darmstadt den jüdischen Untertanen den Vorschlag gemacht, sie gegen eine Ablösungssumme vom Militärdienst, zu dem man sie eben erst hcrangczvgcn hatte, wieder zu entbinden. Ein jüdischer Bczirksvorsteher scheint sich bereitgesunden zu haben, bei diesem behördlichen Bestreben Handlangerdienste zu leisten. Darauf richteten zahlreiche Gemeinden des damals zu Darmstadt gehörigen Herzogtums Westfalen Protesterklärungen an dieRegicrung, deren eine hier Platz finden soll. Sie lalltet mit ganz geringfügigen statistischenVeränderungeil: Die Aufforderung des Judenschaftlichen Vorstehers Kathenburg ist uns in jeder Hinsicht eine äußerst auffallende Erscheinung. Gerne möchten wir lvissen, wer ihn zllr Auswirkung jenes allerhöchsten Gnadendekrets beauftragt und bevollmächtigt habe. In Folge der Höchsten Verordnung vom 23ten Januar dieses Jahres haben wir uns gestellet und uns den Verrichtungen und soirstigen militärischen Dienstleistungen wie jeder andere brave Unterthan ohne Murren gefügt. Wir müssen nns schämen, wenn wir als biedere Deutsche nunmehr zurücktreten und statt der Lanze, des Gewehres oder des Säbels das Hasenpanier wählen wollten. Wir sind nicht jene feigen Memmen, welche vielleicht der Vorsteher und andere sehn mögen. Wir bleiben unserer Sache getreu und werden, wo es nöthig wird, unser Vaterland mit Vergnügen mit llnserem Blute vertheidigcn helfen. Wir müssen uns also diese Höchste Gnade pro paituito ver- I bitten und sind überzeugt, daß S. Königliche Hoheit unser j Großherzog diesen Brudersinn nicht verkennen, sondern mit höchstem Wohlgefallen aufnehmen werden. Wir lassen uns daher auf die einseitig von dem Vorsteher gewagte Bcfreiungs- (das Folgende ist unleserlich) nicht ein, protestieren dagegen ausdrücklich mit der bestimmten Erklärung, daß wir nicht zahlest, sondern in Gemäßheit der vorergangenen Verordnung den einmal gewählten Militairstand nicht verlassen werden. Der von unseren Glaubensgenossen das Gegentheil, ohne jedoch schamrot zu werden, vorziehen kann, mag es versuchen und seine Befreiung wie jeder Feige mit Gelde erkaufen. Wir! protestieren also nochmals gegen alle dergleichen uns nachj (heilige Verfügungen, sind gar nicht Willens und geneigt, uns j an die Judenschaft der andern Provincen anzuschließen, noch mit diesen in einige Verbindung zu treten, und geben schließlich Herrn Jacob Steinberg in Geseke die besondere Vollmacht, diese Erklärung einzuceichen und alles nöthige zu besorgen. Geseke, den 12ten May 1814." j Unter den zahlreichen Unterschriften befindet sich auch die! des Rabbiners Hirsch Kohn"). Infolge des allgemeinen Widerj -) lieber ihn wird die Fortsetzung meiner in der „Brnnnschen i Monatsschrift" erscheinenden größeren Arbeit über das westfälische l Konsistorium Näheres bringen. Der Raw Schneor Salman von Liadi ((tö^— MUM v?'

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