Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (618) (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229176--70965-3284245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
518 falschen Ehrgeiz und Ruhinbedürfnis getrieben, aus dem Rahmen des Ganzen hervorzutreten, zeichnen den Künstler aus und geben seinen Leistungen eine so bedeutende Wirkung. Trotz seiner 40jährigen Bühnenwirksamkeit steht der Künstler in der Frische seiner Kraft und Leistungsfähigkeit; möge es ihm vergönnt sein, noch viele Jahre der Kunst zu dienen und allen denen, die der Kunst wirklich zugetan sind, immer neue und immer größere Genüsse zu verschaffen. L. G. Lwri ruMch-Mische Oomsm". Besprochen von Ludwig Geiger. ^^^ie beiden Romane, die hier zusammen besprochen wer- / den sollen, haben viel Gemeinsames, so daß ihre Aneinanderreihung gerechtfertigt ist. Zunächst führen sie beide ins jüdisch-russische Milieu; sodann gehören sie derselben Fabrik an (sie sind beide in der Zeitschrift „Der Israelit" erschienen). Ferner tragen sie beide den Stempel der Un- Ivahrscheiulichkeit an sich, und endlich sind sie in einer, wenn auch nicht eben verwahrlosten, so doch jedenfalls in einer Sprache erschienen, die den höchsten Kunstansprüchen durchaus nicht genügt. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß der erste uns in vergangene Zeiten führt (er spielt am Ende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts), der zweite uns in der unmittelbaren Gegenwart festhält. Der erste Roman gibt ein Lebensbild des Aron des Heiligen, gestorben am 27. Dezember 1812. Wie weit geschichtliche Vorgänge treu benutzt sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber das wirkliche Geschehnis ist oft wunderbarer als ein Roman. Die Geschichte hat eben nicht die Pflicht, logisch zu sein; der Roman dagegen oder die kulturhistorische Erzählung, wie unser Buch bezeichnet ist, hat seine bestimmten Gesetze. Er muß eine gesetzmäßige Verknüpfung zeigen, die Ereignisse, die er berichtet, in wahrscheinlicher Art begründen, d. h. in einer glaubhaften Weise, in der die Wirkung auf die Ursache folgt und notwendig aus ihr herausgeht. Wir haben an dieser Stelle nicht zu untersuchen, inwieweit der Raw als eine geschichtliche Persönlichkeit bezeichnet zu werden verdient, und weil cs mir gar nicht darauf ankommt, zu prüfen, ob der Autor das geschichtliche Material in angemessener Weise benutzt hat. Ich habe nur nötig, den Roman als solchen zu betrachten. Der Raw, ein Führer der Partei der Chassidim, ist schlechtweg ein Engel und außerdem ein Prophet. Wahrhaft engelgleich zeigt er sich seiner Familie, seinen Freunden und auch Fremden gegenüber, und selbst seinem sonst stumpfen und fühUosen Kerkermeister. Bei den schlimmsten Torturen in der Gefangenschaft und im Verhör beweist er eine geradezu übermenschliche Kraft. Als Prophet erkennt er sofort den Kaiser, ohne ihn je gesehen zu haben, und verkündet die wichtigsten Vorfälle der Zukunft. Was alles von ihm berichtet wird, ist völlig unglaublich. Er weiß die Geschichte Rußlands genall vorher, macht lind bestimmt Pläne für den Napoleonischcn Feldzug gegen Rußland, und bringt es unter anderem fertig, einen hohen Offizier, der speziell zu seiner Belvachung, gewissermaßen zu seiner Ausspivnierung bestimmt ist, nicht bloß zli feinem Verehrer zu machen, sondern allch zu veranlassen, zum Judentum zurückzutreten. (Denn dieser hatte vor Jahren seinen väterlichen Glauben verlassen.) Er bringt es fertig, seine streitbaren Anhänger zur Ruhe zli verweisen, er beweist vor den Richtern eine Kühlheit, die für einen jüdischen, wenn auch unschuldig angeklagten und auf seinen Gott und die Gerechtigkeit seiner *) „Ienseit §." Aus der jüdischen Lebenstragödie im Zarenlande von S. Schachnowitz. Frankfurt a. M. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. 5676. „Der Raw." Kulturhistorische Erzählung von Jndäus. Frankfurt a. M. Verlag des „Israelit", G. m. b. H. 5674. Sache vertrauenden Mann geradezu umnöglich genannt werden muß. Es läßt sich nicht leugnen, daß der Roman spannend und gewiß von einem Kenner der Verhältnisse Rußlands geschrieben ist. Er führt in merkwürdig interessante Vorgänge ein, erregt aber durch die Häufung von Seltsamkeiten gar oft Kopfschütteln, ja veranlaßt geradezu unwillige Abkehr. Ich wiederhole: Für den Leser eines Romans ist es ganz gleichgültig, ob die in ihm geschilderten Vorgänge historisch sind oder sich an wirklich Geschehenes anlehnen, der Romanschriftsteller hat die Aufgabe, die Vorgänge, die er beschreibt, verständlich zu machen, ihre innerliche Berechtigung zu erweisen; das ist aber dem Verfasser bei aller Liebe zu seinem Stoffe und trotz der Geschicklichkeit, in ein fremdes Gebiet einzuführen, nicht gelungen. Der zweite Roman versetzt den Leser in die unmittelbare Gegenwart, knüpft geradezu an den Beilis-Prozeß an. Auch er spricht von dem Blutmärchen, bei dessen Aufwärmung ein alter, blöder Mann als mutmaßlicher Mörder und Jabukvw, ein Volksschullehrer, der seine höheren Aspirationen aufgeben mußte, als Helfershelfer angeklagt werden; beide aber werden freigesprochen und sofort in Freiheit gesetzt, nachdem Prochvrow Golubowski, ein alter Trunkenbold, sich als Mörder gemeldet hat. Wer russische Verhältnisse kennt, weiß, daß solche Dinge einfach unglaublich sind; russische Richter lassen sich nicht so schnell durch eine derartige Zeugenaussage verblüffen, um eine, wenn auch absolut unbegründete, aber dem Willen der Bestimmenden entsprechende Anklage niederzuschlagen. Abgesehen von dieser Unwahrscheinlichkeit leidet der Roman, wie so viele ähnliche Erzeugnisse, daran, daß alle oder die meisten Juden, die hier Vorkommen, ganz vortreffliche Menschen und alle vorkominenden Christen Schurken sind; der schlimmste darunter ist der Sohn jenes Säufers, der im Prozeß als Ankläger figuriert, ein Mensch, der in seiner Jugend Wohltaten von den Juden genossen, durch diese es ermöglicht hatte, zu studieren und nun zum rücksichtslosesten Judenverfolger geworden ist. Nur ein einziger Jude, der, wie so viele andere, in Wiborg sein Dokument, d. h. seinen Taufschein, erlangt und damit die Berechtigung zum Studium erworben hat, ist ein Halunke, ein Polizeispitzel, der sich, lim seine Feinde zu verraten, in ein revolutionäres Komitee cinschleicht, schließlich aber den Tod des Verräters stirbt. Diese und manche andere Züge mögen der Wirklichkeit entlehnt sein: die Schilderung des Rovolutionskomitees, die aufregend und packend genannt werden muß, die Beschreibung der Theatervorstellung, die vor den höchsten Herrschaften gegeben werden soll, mit allen ihren Vorbereitungen dazu, und einiges andere. Aber das meiste gehört in das Gebiet der Unmöglichkeit. Der Verfasser vermag nicht glaublich zu machen, wie ein junger Jude, David Bäck, ein Freund des Jakubow, der auch nach Wiborg geeilt war, schließlich einfach wieder Jude wird, nachdem er sein Tun bereut hat. Es ist ferner undenkbar, daß ein ganz junges Mädchen, Nadia, die Tochter des Professor Stammnus, eines hochherzigen, in weitesten Kreisen allgesehenen Juden, der für seine unterdrückten Glaubensgenossen tätig ist und fast Unmögliches erwirkt, derartige kühne Worte vor einem russischen Gerichtshof herausbringt und so vieles unbehelligt sagt, wie es hier in der Schilderung der Gerichtsverhandlung geschieht. Solche Züge könnte man zu Dutzenden hervorheben, muß aber andererseits bekennen, daß sich in dem Romane sehr vieles Interessante und Glaubhafte befindet. Die Schilderung des Familienkreises des Professor Stammnus, die Darstellung der.„Klaus" mit ihren Insassen, die Verzweiflung jenes schon genannten David Bäck und sein Todeskampf sind, wenn auch etwas konventionell und gewaltsam, doch interessant und der Wahrscheinlichkeit entsprechend geschildert. , m