Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (617) (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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517 •y-—-. ,,-.,,1)11 - «ui y ... die Bühne. Er spielte nin Wiener Stadttheater unter der i Direktion von Heinrich Laube den Chorführer in der „Antigone". Sein eigentlicher Entdecker war Direktor Rosenfeld an der Wiener komischen Oper, unter dessen Leitung er ein Jahr tätig war; gefördert wurde er auch durch Maximilian j Steiner vom Theater an der Wien. Dann war er vier - Jahre in Leipzig tätig, unter der Leitung von Angelo j Neumann, wo er bei einer Erkrankung des Sängers Reh-! brink zum erstenmal den Mime sang. Ein Jahr lang war! er am Richard-Wagner-Theater zu Leipzig beschäftigt, mit j dessen Ensemble er das berühmte Gastspiel am Viktoria- „u Theater zu Berlin absolvierte. Dieses Gastspiel veranlaßte f die Wendung seines Geschickes. Der außerordentliche Beifall, j den er dort fand, veranlaßte seine Berufung an das Königjliehe Opernhaus in Berlin, wo er! 29 Jahre lang mit iinmer steigendem Erfolg, unter lebhafter Anerj keunung des Publikums und der Direktoren des Theaters tätig war. Von seinen Hauptrollen seien genannt: Almaviva in dem „Barbier von Sevilla", Pedrillo in der „Entführung", Leporello in „Don Juan", Veit in der „Undine". Vor allem seine unvergleichlichen Leistungen als David in den „Meistersingern" und als Mime in Richard Wagners „Rheingold" und „Siegfrieds Tod". Die Entlassung aus dem Verband des Königlichen Opernhauses wurde dem Künstler , nach längerem Sträuben der Direktion nur auf das wiederholte Drängen Liebans zuteil, der sich! durch Zurücksetzung, durch Beschäftigung jüngerer Kräfte in seinem künstlerischen Wirken beengt fühlte. Von irgendwelcher Hintansetzung aus konfessionellen Motiven ist niemals die Rede gewesen. Lieban erfreute sich stets der Teilnahme seiner Kollegen und der Gunst seiner Vorgesetzten. Die letztere trat namentlich hervor in t der Tatsache, daß die Direktion ihn ungern scheiden ließ, und ihm schließlich sein Abschiedsgesuch in den ehrenvollsten Ausdrücken bewilligte. Ebenso erfolgreich wie in Berlin wirkte der Künstler bei zahlreichen Gastspielen, die ihn | durch ganz Deutschland, Oesterreich, England, Italien, l Holland führten. Seit der Begründung des Deutschen Opernhauses in Ehar- { lottenburg ist Lieban dort tätig und genießt die unbedingte i Anerkennung eines beifallsfreudigen und kunstverständigen i Publikums. Außer in manchen der schon erwähnten Rollen! ist er dort in „Zar und Zimmerinann", „Feldprediger", zuletzt I in „Fra Diavolo" mit ganz außerordentlichem Beifall aufgetreten. Die einzige, wirklich größere Kränkung, die Lieban während i seiner Künstlerlaufbahn erfuhr, geschah ihm von dem Manne, der ihm zu herzlichstem Danke hätte verpflichtet sein müssen, nämlich von Richard Wagner. Auch diese Kränkung, unter welcher der Sänger wahrhaft litt, um so mehr, da er von herzlicher Verehrung für den großen Meister erfüllt war und ist, erfolgte nicht aus der bekannten Abneigung des Meisters j gegen Juden und Judentum, sondern ans der maßlosen; Eitelkeit des Komponisten. Der Vorgang spielte sich im Jahre 1881 bei dem Gastspiele des Leipziger Ensembles im Berliner Viktoria-Theater ab. Ich lasse die Erzählung dieses Vorganges nach eigenen Worten des Künstlers folgen: „Am Schlüsse jeder Aufführung wurde Wagner lebhaft gerufen und erschien vor dem Publikum. Während man nun bei den früheren Aufführungen immer nur Wagner gerufen hatte, erscholl nach der ersten Ausführung des „Siegfried" ganz allgemein der Ruf: „Mime, Mime!" Wagner, der auf der Bühne stand und aus seinen Hervorruf wartete, wurde wütend und lief entrüstet fort. Am nächsten Abend nach der Aufführung der „Götterdämmerung" feierten die Künstler den Abschied von dem Meister. Die Künstler hatten Geld zusammengeschossen zu einem Ehrengeschenk, einer silbernen Säule, und auch ich hatte, obgleich ich von meinem verhältnismäßig geringen Gehalt Mutter und Geschwister ernähren und mich außerordentlich einschränken, auf das gesellige Zusammensein mit meinen Kollegen verzichten, geradezu darben, fast hungern mußte, mich mit einer für meine Verhältnisse fast übermäßigen Summe an der Spende beteiligt. Zur Uebergabe des Geschenks hatten sich alle Künstler auf der Bühne versammelt: Die Reicher- Kindermann, Scaria, das Ehepaar- Vogel, Schelper, Friedrich Materna, das gesamte Orchesterpersonal, unter den Künstlern natürlich auch ich selbst. Nach einer Ansprache Angelo Neumanns erwiderte der Meister mit herzlichen Worten, trat zu den einzelnen Künstlern heran und reichte jedem die Hand. Als er zu mir kam, hob ich die Hand, Wagner aber sagte zu mir: „Sie haben mir ja alles umgeschmissen," und ließ meine Hand unberührt. Mir kamen die Tränen in die Augen, worauf Neumann zu mir kam und mir sagte: „Nur ruhig, Julius, es schadet nichts." Trotz dieser gänzlich unverdienten Kränkung, die eben nur aus der bis zum Wahnsinn gesteigerten Eitelkeit des Meisters zu erklären ist, hat Lieban nicht aufgehört, zu Ehren des Meisters zu wirken. Es würde meine Kompetenz übersteigen, die Art des Sängers im einzelnen zu charakterisieren und seine Kunst zu würdigen. Ich kann als Laie nur konstatieren, daß er in seinen Rollen lebt und sie mit wirklichem künstlerischen Ver- > ständnis durchgeht, daß er sich, obgleich er über die erste! Jugend hinaus ist, die geistige Frische, die körperliche Beweg- > lichkeit und den erquickenden Wohllaut seiner schönen Stimme! bewahrt hat. Da er infolge seiner kleinen Gestalt zur Verkörperung heroischer Rollen nicht geeignet ist, hat er sich I mit weiser Beschränkung ein Rollenfach gewählt, dem seine Gestalt entspricht, und zu welchem er durch seinen frischen, erquickenden, unverwüstlichen Humor die besten Gaben besitzt. Wer Lieban in seinen komischen Rollen gesehen hat, der hat die Empfindung, daß die Rolle eben nur so und nicht anders gespielt werden kann, und trägt einen bleibenden Eindruck in sich fort. Die Besonnenheit, das Ebenmaß, das Bewußtsein, innerhalb des Ensembles zu bleiben, nicht aber, durch Julius Lieban.