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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-25 · Heft 52 (25.12.1914) · p. Seite (616)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 52 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
Seite (616) (sequence 4)
Language
German
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516 Wiener Universität wieder beziehen; ich Anerbe hier meine Studien beendigen, ich werde Arzt werden. Ein Arzt mit einem Holzbein war freilich bisher keine alltägliche Erscheinung, aber ich fürchte, nach diesem Kriege wird die Menschheit sich an solchen Anblick gewöhnen müssen. Mir ist nun das Merkwürdige passiert, daß mein Bein, welches in meinem Vaterlande nicht die Schwelle einer Hochschule übertreten durfte, im Kampfe für eben dieses mein Vaterland aus dem Schlachtfelde geblieben ist, unb daß das „Feindesland" Oesterreich, gegen welches ich mehr als zwei Monate lang die Mordwaffe geschwungen habe, mir die Möglichkeit bietet, von neuem mein Leben einzurichten. Ich weiß, daß sehr viele jüdische junge Leute in derselben oder in einer ähnlichen Lage sind. An uns Juden stellt das Schicksal gar seltsame Fragen, die zu beantworten manchmal über die Kraft des Menschen geht." ,2s ilAiiJ * Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir folgenden sehr bemerkenswerten Artikel: Der P r o t e st der r u s s i s ch e n G e lehrten u n b D i ch t e r. Die russischen Gelehrten, Schriftsteller und Künstler haben einen Protest gegen von den deutschen Truppen in Feindesland angeblich begangene Grausamkeiten veröffentlicht. Ich glaube im Namen vieler zu sprechen, wenn ich an die Unterzeichner des Ausrufes folgende Frage richte: Es steht fest, daß die russische Bevölkerung ans Veranlassung ihrer Regierung, znmindestens mit ihrer stillschweigenden Genehmigung, an manchen Orten aber auch mit Hilfe des Militärs und der Polizei in tiefstem Frieden ihre eigenen Volksgenossen jüdischen Glaubens überfallen, in scheußlichster Weise gemordet, jüdische Frauen und Kinder mißhandelt und das Eigentum ihrer jüdischen Volksgenossen geplündert hat. Dieses geschah bis in die jüngste Zeit planmäßig, ohne daß die russische Regierung mit den ihr zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln eingeschritten wäre. Wo wäret ihr. Gelehrte, Schriftsteller und Künstler Rußlands, als diese Schandtaten in Friedenszeiten an euren eigenen Volksgenossen verübt wurden? Ihr habt davon gervußt, wie es jeder Russe wußte, und. ihr habt geschwiegen. Ihr dachtet wohl, daß Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist. Ihr wußtet, daß die russische Regierung die Veröffentlichung eines Protestes gegen Grausamkeiten, begangen an den in ben Ansiedtungsrayon — das Urbild der Konzentrationslager — gesperrten Juden, bestraft hätte. Euren Protest habt ihr — ohne den Grundsatz „audiatur et altera pars“ zu befolgen — aus Grund unbestätigter Nachrichten verfaßt. Jeder wahrhaft Neutrale wird ans der Gegenüberstellung der beiden Tatsachen: hier Stillschweigen bei den gegen Volksgenossen jüdischen Glaubens im Frieden nachweislich begangenen Grausamkeiten dort ein Protest gegen im Kriege nach Zeitungsnachrichten vorgekommene und von der anderen Partei bestrittene Ausschreitungen, nur den einen Schluß ziehen können: Ihr habt gegen die nachweislichen Scheußlichkeiten im eigenen Lande nicht protestiert, weil ihr Strafe fürchtetet, und ihr habt gegen angebliche Grausamkeiten der Deutschen protestiert, weil ihr Belohnung erlvartet. * B. W. Segel veröffentlicht in der „Frankfurter Zeitung" einen offenen Brief an Israel Z an g w i l l. Zwei Stellen daraus seien hier wiedergegeben. Die eine lautet: Sie selbst würden ganz andere Lieder singen, wenn Sie in Gefahr kämen, die Herrschaft des Zaren am eigenen Leibe zu spüren. Sie sind ja auch ein „Dichter", sind in Russisch-Polen geboren, aber wenn Ihre Eltern nicht den glücklichen Einsall gehabt hätten, als Sie noch ein Säugling waren, den Staub Ihres „Vaterlandes" von den Sohlen zu schütteln, glauben Sie, Sie würden heute, reich all Ehren und Tantiemen, in der britischen Reichshauptstadt sitzen und Aufrufe an fremde Juden erlassen könnend Ich will Ihnen von einem wirklichen Dichter erzählen, Samuel Frug, der einer der ersten Lyriker russischer Zunge ist. Keine Geschichte der modernen russischen Literatur, die nicht seinen Namen in höchsten Ehren nennte. Aber er darf in Petersburg sich nur aufhalten als Domestike eines jüdischen Millionärs, der ihn in die Liste seines Hausgesindes ausgenommen hat. Als Meister des russischen Gesanges dürfte er dieses heilige Pflaster nicht einmal betreten. Man macht darüber in Petersburg die witzige Bemerkung: „Unser heiliges Rußland ist der zivilisierteste Staat von der Welt. Gibt es ein zweites Land, wo unter den Lakaien sich einer der ersten Dichter der Gegenwart befindet?" . . . Das sind die Zivilisation llnd die Menschlichkeit, für die England ins Feld zog! Die andere, der Schluß des ganzen Schreibens, lautet folgendermaßen: Sie schmähen den „preußischen Militarismus". Haben Sie bedacht, daß unter diesem preußischen Militarismus Tausende und aber Tausende russischer Juden seit mehr als 30 Jahren Nahrung, Zuflucht und Schutz gefunden haben vor den von der russischen Zivilisation gedungenen Banditen? Die russische Zivilisation Verbannte sie von den heimischen Hochschulen, und unter dem preußischen Militarismus durften sie an deutschen Lehrstätten ihren Wissensdurst sättigen. Welches sind denn die edlen geistigen Potenzen, die Ihr Bundesgenosse dem preußischen Militarismus entgegenstellt? Bestechung und Verrat! Die Erfolge in Galizien sind einzig und allein der Meisterschaft in diesen Künsten zu verdanken. Rußland hat sich nicht gescheut, ein ganzes ihm stammverwandtes Volk durch systematische Bestechung zu korrumpieren und zum Verrat zu verleiten. Was hierin geleistet wurde, steht einzig in der Geschichte da. Sie tun gar wichtig und deuten geheimnisvoll an, Sir Edward Grey hätte Ihnen versprochen, sich künftighin bei seinem edlen russischen Bundesgenossen für eine bessere Behandlung der Juden zu verwenden. Aber wenn Sie uns versichern, daß England Rilßland und die Russen noch zivilisieren, werde, so darf man wohl fragen, warum es damit so lange gewartet hat. Nach dem traurigen Beispiel, welches uns Frankreich gibt, darf man wohl eher befürchten, daß England von Rußland barbarisiert wird, anstatt es zu Zivilisieren. Sie sagen, Deutschlands weiße Streitkräste kämpfen für eine schwarze Sache, dagegen die von England ins Feld geführten schwarzen Streitkräste kämpften für eine weiße Sache. Ich verzeihe Ihnen den Witz, in Ihren Büchern haben Sie schon viel schlechtere gemacht. Allein ich meine, die Sache, für die England käulpft, ist gar nicht weiß, sondern gelb, es ist nämlich das Gold, welches die heutige Generation der Engländer als die Grundlage ihrer Kultur verehrt. Und die Zeit ist vielleicht gar nicht fern, da die Engländer abermals schwarze Streitkräfte ins Feld führen werden, aber nicht an der Seite ihres jetzigen Bundesgenossen, sondern gegen ihn. Dann werden sie mit Recht die ganze Welt zu Hilfe rufen gegen Barbarei und Despotismus. Und Sie täten-gut, jetzt schon den Ausruf vorznbereiten, mit dem Sie um die Sympathie der amerikanischen Juden für England gegen Rußland werben werden. Aber noch näher ist vielleicht der Zeitpunkt, da das englische Volk mit Grauen, Scham und Ekel an diese Verirrung zurückdenken wird, die es zum Verbündeten Rußlands gegen die europäische Kultur gemacht hat. Dann wird man auch an Sie die Frage, richten, warum Sie, ein Nachkomme der Propheten Israels, in dieser erhabenen Stunde nicht der Wahrheit und Gerechtigkeit die Ehre gegeben haben, anstatt durch Verleumdung und Schmähung des Gegners der Welt Sand in die Augen zu streuen. Julius Lirlisn. er bedeutende Opernsänger, der vor kurzer Zeit sein 40jähriges Künstlerjubiläum feiern durfte, ist zu Lundenburg in Mähren am 19. Februar 1858 geboren. Sein Vater war jüdischer Kantor, der dem Knaben selbst jüdisches Wissen mitteilte und dafür sorgte, daß der Knabe viel Hebräisch lernte und bei dem Lomnitzer Rabbiner Talmud studierte. Diese Kenntniste sind in der langen Zeit nicht verwischt, so daß der Künstler noch heute viele Stellen der Mischna auswendig hersagen kann. Auch nn profaner Bildung fehlte es nicht. Lieban absolvierte die Realschule in Brünn und in der Militärgrenze. Er wollte Bautechniker werden und besuchte zu diesem Zwecke l'A Jahre in Wien die Handelsakademie. Aber während dieser Zeit regte sich bereits sein musikalisches Talent, erwachte sein Drang, sich der Bühne zu widmen. Er empfing in Wien unter Helmesberger Violinunterricht und wurde durch Professor Gensbacher am Konservatorium im Gesang unterrichtet. Am 15. November 1874 betrat er zum erstenmal

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