Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (615) (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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815 für Oesterreich unter der Enns--hat im Allerhöchsten Aufträge für die von-den Rabbinern Galiziens anläßlich der Beratung über religiöse und 'Standesinteressen am 12. d. M. telegraphisch zum Ausdruck gebrachte aller untertänigste Lohalütätsknndgebung den Allerhöchsten Dank bekanntgegeben. Ich beehre mich, das geehrte Präsidium zufolge Erlasses der k. k. niederösterreichischen Statthalterei vom 23. November 1914, Pr.-Z. 2801, hiervon in Kenntnis zu setzen. Der Bürgermeister Weiskirchner m. p." * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Genf, 18. Dezember. N e u e M i ß h a n d l u n gen der „lieben I u d e Ans Rußland kommen Meldungen über neue Bedrückungen der Juden. In Petersburg fanden letzthin wieder die bekannten „CMciUn", das sind nächtliche Haussuchungen nach nicht wohnungsberechtigten Juden, statt. Dabei wurden auch diejenigen Juden nicht geschont, die sich aus den Orten des Kriegsschauplatzes nach der Hauptstadt geflüchtet hatten. Russische Blätter besprechen dieses Vorgehen mit strengstem Tadel wie auch andere Maßnahmen der Regierung, durch welche die rechtliche Lage der Juden beschränkt wird. Unter diesen ist hervorzuheben, daß den aus feindlichen Ländern zu rückgekehrten jüdischen Studenten die Erlaubnis zur Ablegung der Prüfungen, nachdem sie ihnen anfänglich gewährt wurden, jetzt wieder strikt verweigert wird. Gesuche von Schülern um Aufnahme in den Mittelschulen über die niedrige Prozeutnorm hinaus werden abgewiesen. Zu großen Protesten gab auch der Vorschlag des Ministers des Innern Maklakow Anlaß, daß bei der Genehmigung von Aktiengesellschaften die Ausschließung von Juden als Direktoren und Aufsichtsräte wieder streng durchgesührt werden soll. lieber r u s s i s che Z u st ä n d e ist in anderen Blättern folgendes zu lesen: Unter der Bevölkerung Warschaus herrscht, wie man sich denken kann, eine wahre Panik, besonders aber unter den 25 000 Warschauer Juden, die bei den Behörden im Verdachte stehen, daß sie mit den Deutschen sympathisieren. Deshalb verlassen die letzteren die Stadt in Massen, um so mehr, da sie einen „jüdischen Pogrom" befürchten. Sie wollen nicht, daß es ihnen so ergeht, wie es vor einigen Wochen ihren Stammesbrüdern in Lemberg ergangen ist. Dort wurde nämlich ein wohlorganisierter Raubzug auf die armen Juden veranstaltet, wo natürlich eine große Rolle die bekannten russischen „agents provocateurs“ gespielt haben. Einem Soldaten wurde in dem jüdischen Viertel von Lemberg angeblich eine 10-Kronen-Note gestohlen. Der Verdacht fiel auf einen Juden. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet, wobei zufälliger- oder eher verabredeterweise ein Schuß von einem Fenster der umliegenden Häuser fiel und einen die Untersuchung führenden Soldaten verwundete. Es kamen sofort Maschinengewehre in den jüdischen Stadtteil vorgefahren, und ein Hagel von Schüssen ergoß sich über die Juden sowie über ganz unschuldige Passanten. Einige 60 Leute waren das Opfer dieses „Pogroms". Der Generalgouverneur von Warschau versprach den Juden vollkommenen Schutz, die Juden aber wollen daran nicht recht glauben! Wie es den „l i e b e n. I u d e n" ergeht. Die zionistische Presse bringt ein überreiches Material zur Illustrierung des Zarenaufrnfs an seine „lieben Juden" bei. Jüdischen Krankenpflegerinnen wird die Tätigkeit in den Lazaretten und Krankenhäusern der Semstwoverwaltungen verboten. Die I u d e n a u s w e i s u n g e n aus den großen Städten Rußlands dauern an. Aus Petersburg wurde sogar der Vorsteher einer großen jüdischen Gemeinde ausgewiesen, als er sich dorthin begeben hatte, um die Erlaubnis zur Errichtung eines Lazaretts für verwundete Soldaten nachzusuchen. Und in Moskau bekam ein verwundeter jüdische Soldat, dem dort ein Bein amputiert worden war, alsbald nach der Operation von der Polizei den Befehl, Moskau zu verlassen. Sein Hinweis daraus, daß seine polnische Heimatstadt von der: Feinden besetzt sei, er also gar nicht nach Hause gelangen könne, nützte ihm nichts. Sein Bein durfte er in dem „heiligen Moskau" lassen, seine übrigen Gliedmaßen mußte er versuchen, wo anders unterzubringen. Auch von furchtbaren Pogromen wird berichtet. Namentlich in Sadagora sollen die Kosaken grauenhaft gewütet, die jüdischen Wohnungen geplündert, Frauen und Mädchen vergewaltigt, ganze jüdische Familien hingenwrdet haben. * In „Ost und West" berichtet Boris Dawidovicz, ein russischer jüdischer Student, der aber in Deutschland studieren mußte, über seine Kriegserlebnisse folgendes: „Bei den russischen Soldaten aller Konfessionen und Nationalität!.::, insofern sie einige Bildung und Intelligenz besaßen, ließen sich häufig Stinunen hören: Warum schlagen wir uns mit Oesterreich? Was hat Oesterreich uns oder anderen zuleide getan? .... Bei mir aber nahm diese Frage häufig die Form quälender Gewissensbisse an. Warum tötete ich österreichische Soldaten? In diesem Lande hatte ich nur Gutes erfahren. Hier durfte ich unbehelligt überall wohnen und studieren, was mir mein eigenes Vaterland versagt, und nun stattete ich dem Lande meinen Dank ab, indem ich seine Sohne erschoß oder erstach. Gemordet, gebrannt und geplündert haben — das muß ebenfalls betont werden — die jüdischen Soldaten im russischen Heere nicht; wir brachten in geplünderten Ortschaften den Bewohnern, Christen wie Juden, die von unseren lieben Kameraden geraubten Sachen zurück. Aber kriegsmäßig habe ich doch viele Oesterreicher auf dem Gewissen. Das Geknatter der Gewehre und das Brüllen der Geschütze übertönen diese inneren Stimmen. Wir kamen nach Przemysl. In dem hartnäckigen dreiwöchigen Ringen der Russen um diese gigantische Festung ist unendlich viel Blut geflossen. Die Oesterreicher, die die russische Belagerungsarmee schließlich zurückgeschlagen haben, dürfen sich sagen, daß sie einen ihnen an Zahl vielfach überlegenen, rücksichtslosen und mit ungezähnter Energie kämpfenden Feind überwunden haben. Von den Russen wurden die polnischen und jüdischen Soldaten immer in erster Reihe ins Feiler geschickt und rückwärts von Maschinengewehren angetrieben. Diese Elemente find das Kanonenfutter der russischen Armee. Mir wurde das linke Bein durchschossen. Einige Tage lag ich in einen: Gräben zwischen schweigenden Leichen und wimmernden, ächzenden, schauervoll stöhnenden, seufzenden, heulenden, weinenden, fluchenden und betenden Verwundeten, die sich wanden und wälzten, zuckten und zappelten und' langsam erstarrten. Viel qualvolles, verzweifeltes Sterben habe ich ringsum gesehen und konnte nicht helfen. Endlich wurde ich von einer österreichischen Sanitätskolonne aufgelesen. Ich verfiel in eine Art dunrpfer Betäubung, a::s der ich erst nach langer Zeit erwachte. Ich sah mich auf einer Tragbahre, umgeben von weißgekleideten Sanitätsdienern und Schwestern. Man brachte mich in einen weißen, hohen Saal zu einem Operationstisch. Der Chirurg stand davor, während Assistenten und Krankenschwestern die nötige:: Vorbereitungen trafen. „Ihr linkes Bein muß sofort amputiert werden," sagte der Chirurg. Beim Klang dieser Stimme wurde ich tief erschüttert und rief: „Herr Professor!" Das war nämlich mein Lehrer, bei dem ich erst vor kurzem ein Examen bestanden hatte, und der sich jetzt meiner erinnerte. „Dawidowicz, sind Sie es!" rief er aus; „hier sehe ich Sie wieder! Na, jetzt ist keine Zeit für Erkennungsszenen, Sie müssen sich narkotisieren lassen." Ich erwachte ohne linkes Bein und erfuhr, daß ich mich in einem Hörsaal des zu einem Lazarett umgewandelten herrlichen Gebäudes der Wiener Universität befand. Vielleicht ist es derselbe Saal, in welchem ich so oft zu Füßen des berühmten Lehrers saß und seinen Worten lauschte; nun liege ich hier als verwundeter Feind und werde vor: demselben Lehrer betreut und gepflegt. Ich werde sehr gut gepflegt. Mein Lehrer läßt mir alle Sorgfalt angedeihen. Seit drei Tagen kann ich auf meinen: provisorischen künstlichen Bein schon ein wenig herumhumpeln. Der Professor sprach oft mit mir über meine Zukunft. Er erbot sich, zu erwirken, daß ich, wenn ich einigermaßen hergestellt bin, nicht als Kriegsgefangener behandelt, sondern in Freiheit gesetzt lverde. Aber was soll aus rneinen: Studium werden? In der Heimat durfte ich es nicht fortsetzen, und die Pforten der Wiener Alma Mater bleiben mir als „Feind" verschlossen. Gestern brachte nur der Professor die Nachricht, daß ein Erlaß des österreichischen Unterrichtsministers den Angehörigen der feindlichen Staaten den Zutritt zu den österreichischen Hochschulen verbietet, aber Ausnahmen zuläßt zugunsten solcher Studierenden, die in ihren: Lande nicht zu der herrschenden Nationalität gehören. Na, gottlob, ich gehöre nicht zu der herrschenden Nationalität. Ich darf also die