Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- Seite (614) (sequence 2)
- Language
- German
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wie er ein echt jüdischer, vor allem aber ein rein menschlicher war. Was ihn aber >zanz besonders anszeichnete, das waren die ihm angeborenen vorzüglichen Charaktereigenschaften: sein pietätvoller Sinn, sein historisches Empfinden, seine Glliubeiistrene n»d Wahrheitsliebe, die ihn durch das Leben begleiteten und ihm den Weg znr Gvttescrkcnntnis und Betätigung der Bätcrlehrc zeigte». So wenig seine Liebe znm jüdischen Stamm, für den er noch eine große Zukunft erwartete, seine Treue zum deutschen Baterlande beeinträchtigte, ebenso wenig hat seine Wirksamkeit im Dienste der Reform seiner auf Wissen und Glauben begründeten jüdischen Gesinnung den geringsten Abbruch getan. Ich kann heute nur wiederholen, was ich anläßlich seines dreißigjährigen Amtsjnbiläums geschrieben habe: Moritz Levin, der seit drei Dezennien als Prediger an der vielfach verkannten und nicht selten falsch beurteilten Reforingemeinde ivirkte, ivar stets bestrebt, die Fahne des historischen Judentums und seiner alten Lehre seinen Getreuen Vvranzutragen und ihnen unablässig ans Herz zu legen: das Band der Zusammengehörigkeit mit der großen jüdischen Gesamtheit darf nicht durchschnitten werden; wir haben vielmehr die heilige Pflicht, es immer von neuem zu befestigen, und dürfen nichts unternehmen, was den geschichtlichen Boden, auf dem unsere Gemeinde von Anfang an gestanden hat, erschüttern könnte. Diese echtjüdische Gesinnung dokumentiert sich in allen seinen Lebenswerken, zeigt sich als Ergebnis ernsten Nachdenkens in seinen gedruckt vorliegenden Predigten, Lehrbüchern und schöngeistigen Schriften, iure nicht zuletzt in seinen liturgischen Arbeiten, die seinem Namen zur Ehre und allen denen, die seiner Führung folgten, zum Segen und Heile gereichen. Er hat, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, als Prediger der Resormgemeinde die scheinbare Kluft, welche diese Gemeinde von der Gesamtjudenheit trennt, überbrückt und den Weg zu einer gegenseitigen Verständigung und Versöhnung angebahnt. Darum fand er Freunde und Verehrer in allen Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft und ist die Trauer um sein Hinscheiden eine allgemeine. Er lebte und starb als ein Priester der Wahrheit und des Friedens und wird seiner Gemeinde und seinen näheren Bekannten unvergeßlich bleiben. Seine schmerzgebcugten Hinterbliebenen aber, wie alle diejenigen, die durch jahrzehntelange, innige Freundschaft anss engste mit ihm verbunden waren, werden seiner über das Grab hinaus mit den Worten Jbn Gabirols gedenken: „In meinem Herzen ist dein Ort, Fest steht dein Zelt für immer dort. Dich such' ich da, dich find' ich da. Bist mir wie meine Seele nah'." Albert Katz. Die Woche. Berlin, den 22. Dezember 1914. n dieser Woche, da das bürgerliche Jahr sich zu Ende \ neigt und das trübe Wetter sowie die immer kürzer werdenden Tage die Seele bedrücken unb das Gemüt beschweren, haben wir eine herzerfrenende Nachricht erhalten. Schon am 17. wurde durch Extrablätter folgende Nachricht verbreitet: Amtlich. Großes H a u p t q u a r t i e r , den 17. Dezember, vormittags. Bei Nieuport setzten die Franzosen ihre Angriffe ohne jeden Erfolg fort. Auch bei Zillebeeke und- La Bassee wurden Angriss-e versucht, aber unter sehr starken Verlusten für den Feind abgewiesen. Tie Absicht der Franzosen, bei Soissons eine Brücke über die Aisne zu schlagen, wurde durch unsere Artillerie vereitelt. Oestlich Reims wurde ein französisches Erdwerk zerstört.! Von der oft- und westprenßischeu Grenze ist nichts Neues Zit j »neiden.! Die von den Nüssen angekündigte Offensive gegen Schlesien und! Posen ist völlig zu sanuneu gebrochen, die feindlichen Armeen sind! in ganz Polen nach hartnäckigen, erbitterten Frontalkämpfen zum I Rückzüge gezwungen worden. Der Feind wird überall verfolgt. Bei den gestrigen und vorgestrigen Kämpfen -in Nordpolen brachte die Tapferkeit westpreußischer -und -hessischer Regiment-er die Entscheidung; die Früchte dieser Entscheidung lassen sich zurzeit noch nicht übersehen. Oberste Heeresleitung. (W. T. B.) Ein frohe Erregung bemächtigte sich aller, die Stadt war festlich beflaggt. Seitdem ist manche Bestätigung jener Nachrichten eingetrofsen: auch die Oesterreicher haben in Westgalizien bedeutende Fortschritte gemacht; die Verfolgung der russischen Truppen durch die Heerscharen der Verbündeten dauert an. Genaueres über die Früchte dieses großen Sieges, bestimmte Angaben über die Größe der Beute und die Zahl -der Gefangenen sind bisher nicht gemacht worden. Die Bedeutung; dieser ruhmreichen Waffentat wird, wie natürlich, von den; Russen geleugnet, aber sie wird halbwegs durch die westlichen! Gegner zugestanden,, die diesmal fest an das Gelingen des; russischen Vorstoßes glaubten und durch das Scheitern dieser : neuen Versuche bitter enttäuscht sind. Auch ihre Vorstöße,; die sie in Erwartung des erfolgreichen Vormarsches an oder, I wie sie wähnten, über unsere Grenzen versuchten, sind mißj lungen; statt einer gewaltigen Offensive, die sie prahlerisch verkündeten, ist es nur zu unbedeutenden Angriffen gekommen, i deren Erfolg sie allein, gewiß falsch oder mindestens über- - treibend, sich zuschreiben. So stehen die Sachen trotz eines, wie es scheint sehr starken,! ziemlich unerwarteten Mißerfolges der Oesterreicher in Ser-! bien gut. Auch das ist erfreulich, weil es Angst und Schrecken! verbreitete, daß einige deutsche Schiffe einen Angriff gegen! zwei befestigte Städte an der englischen Küste unternahmen, i Wir können daher mit frohen Gefühlen dem Ende des! Jahres entgegensehen und dürfen, wenn auch Friedenshoffj nungen noch durchaus verfrüht sind, ein weiteres siegreiches! Fortschreiten unserer Heere -erwarten. * | Der „Neilen Freien Presse" entnehmen wir folgendes:! Patriotische Kundgebung der in Wien anwesenden 1 Rabbiner Galiziens. Die in Wien anlv-esenden Rabbiner traten am 12. November l. I. zu einer gemeinsamen Konferenz über religiöse und Standesfragen znsamnren. Vor Eingang indie Tagesordnung vereinigten sich die Anwesenden zu einem feierlichen Gebet für das Wohl und Heil des Kaisers sowie für das siegreiche Gelingen unserer jetzt im Felde kämpfenden Waffen, woraus der Beschluß gefaßt wurde, nachstehendes Telegramm an die Kabinettskanzlei abgehen zu lassen: „An Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät Franz Josef I., Schönbrnnn. Die heute zwecks Beratung über religiöse und Standesinkeressen versammelten, gegenwärtig in Wien weilenden Rabbiner Galiziens, welche es stets als ihre heiligste Aufgabe betrachtet haben, den Geist des Patriotismus, der unverbrüchlichen Treue und Anhänglichkeit zur Allerhöchsten Dynastie und zum teuren Vaterland in den ihrer geistlichen Obhut anvertrauten Gemeinden zu fördern, und die bei jeder Gelegenheit die heißesten Gebete zu Gott dem Allmächtigen für das Wohl und Heil Eurer Majestät und Allerhöchstdessen erhabenes und erlauchtes Haus -emporsteigen lassen, vereinen sich auch heute in inbrünstigem, aus der tiefsten Tiefe des Herzens kommendem Gebet zu Gott dem Herrn, daß er schütze, schirme und segne Eure Majestät, daß er kröne mit Ruhm, Sieg und Herrlichkeit Allerhöchstdessen glorreiche, für eine heilige Sache kämpfende Waffen znm Glück des teuren Vaterlandes, zum Heil der gesamten gesitteten Menschheit. Amen. Das Präsidium." Darauf langte nachstehende Antwort im Wege des Bürgermeisteramtes Wien an: „Pr.-Z. 15 371 ex 1914. Wien, am 27. November 1914. An das geehrte Präsidium der Rabbiner Galiziens. Se. Exzellenz der Herr k. k. Statthalter