Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 52 Allgemeine Berlin, 25. Dezember 1914 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32h Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor.Dr. Ludwig Geiger Verlag: I^uclolk IKosse, SerUn» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition smd an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tltlflfllt* Lev in. Aon Albert Katz. — Die Woche. —- LßNtjüzL. Julius Liebcm. Von h. (1. — Zwei russisch-jüdische Romane. Besprochen von Ludwig Geiger. — 1814 bis 1914. Von Direktor Tr. Lazarus, Kassel. — Dr. Wendts „Erinnerungen eines Schulmannes". Von S. Rothschild, Worms a. Rh. — Ter Stein im Heiligtums. Von Rabbiner Dr. S. Fr iedm a n n, Lublinitz. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujvrrri. Uebersetzt von Rosa Trencsöni. — Lesesrüchte — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Gleiwitz, Hohensalza, Posen, Hamburg, Nürnberg, Wiesbaden, Zürich, Stockhvlln. — Bon Nah und Fern. | Moritz Leoin. | ir erstreben keine Weltherrschaft — so lauteten die letzten Worte, die Moritz Levin an seine zur Feier des Chanukasestes versammelte Gemeinde richtete, als er, von einem plötzlichen Tode ereilt, zum Entsetzen der zahlreichen Zuhörerschaft entseelt zusammenbrach. Das war der erschütternde Inhalt der Trauerbotschaft, die am ersten Tage des Lichtfestes in der zwölften Munde an mich und viele andere Freunde und Verehrer des Dahingeschiedenen gelangte. Ich wollte meinen Ohren nicht tränen und eilte, von der schwachen Hoffnung, ich hätte mich vielleicht verhört, getragen, in den Tempel der Reformgemeinde. Allein — JV12 “p3n einer Todesnachricht sei stets Glauben beizumessen, das von seinen näheren Bekannten in banger Sorge längst Gefürchtete war zum traurigen Ereignis geworden: der Freund war entschwunden, fort, die Seele entfloh, als er redete; ich suchte ihn und fand ihn nicht, ich ries ihn, und er antwortete nicht (Hohelied 5, 6). Die Stätte seiner erfolgreichen Wirksamkeit: die Kanzel, auf der er sich so heimisch, so glücklich und in höhere Regionen versetzt fühlte, von der herab er länger als dreißig Jahre seiner in inniger Liebe und herzlicher Verehrung ihm anhängenden Gemeinde die ewigen Wahrheiten der Gotteslehre, die höchsten und heiligsten Ideale der gebildeten Menschheit kündete, hatte sich für ihn zu jener Pforte des Herrn gestaltet, durch welche, nach des Psalmisten Wort, die Frommen und Gerechten in das Reich der Ewigkeit eintreten. Wehmütig verließ ich die heilige Stätte, wo ein priesterliches Leben einen priesterlichen Abschluß gesunden hat, und unwillkürlich kamen mir die Worte des blinden Propheten in den Sinn: Es sterbe meine Seele den Tod des Frommen, und mein Ende sei dem seinen gleich (Numeri 23,,10). Moritz Levin, der den hebräischen Namen Moses führt, starb wie dieser, wenn ich mich eines Wortes unserer alten Lehrer bedienen darf, durch einen Kuß der göttlichen Gnade: in einem flüchtigen Moment, ohne Todesqual, auf der Höhe seiner Lebensarbeit und — an der Grenze der Schafsensmöglichkeit, die kein Sterblicher, selbst mit noch so starker Willenskraft, ohne dem Tode in die Augen zu schauen, überschreiten darf. Aber auch nach einer anderen Richtung teilte er das Schicksal jenes großen Weltmeisters, zu dessen treuesten, ehrlichsten und hingebungsvollsten Jüngern er zählte und in dessen die gesittete Menschheit beherrschendem Geist er wirkte. Wie Moses das Land seiner Sehnsucht nur von der Ferne sehen, aber nicht betreten durfte, so ist auch ihm die Erfüllung seiner heißesten Wünsche, deren Verwirklichung und künftige Gestaltung er wohl im Geiste geschaut, versagt geblieben. Er liebte mit allen Fasern seiner Seele seine edle Gattin und sein einziges Kind; sein Auge strahlte vor beseligender Wonne und Freude, so oft er von seinem Sohne sprach, dessen Fleiß, Begabung und echtjüdisches Empfinden er rühmte und dessen geistige Erziehung und Entwickelung zu überwachen und zu leiten das sehnsüchtigste Verlangen seines Lebens war. Moritz Levin sollte dieses schöne Land der Zukunft nur von der Ferne schauen. Der Prediger Moritz Levin, dessen Wort fast ein halbes Jahrhundert der Wahrheit und Gerechtigkeit, dem Frieden und der Gesittung galt, war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß das von (hm über alles geliebte Deutschland in dem gegenwärtigen, ihm aufgezwungenen Krieg, wie einst die Makkabäer, für die höchsten Güter der Menschheit kämpft und darum siegen wird und siegen muß, und sein inniger Wunsch, den er seinen Freunden gegenüber wiederholt zum Ausdruck brachte, war: diesen Sieg, den Triumph der Wahrheit und des Rechts miterleben und mitfeiern zu dürfen. Allein es sollte nicht sein. „Wir wollen einen Weltfrieden, wir erstreben keine Weltherrschaft", lautete sein letztes Wort in seiner letzten Predigt zur Feier des Makkabäerfestes — und Moritz Levin ward in das Reich, wo ewiger Friede herrscht, abberufen. — „Man hat dem jüdischen Stamm" —schrieb Levin in seiner Gedichtsammlung Jberia, Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, Bd. ll — „zum Vorwurf gemacht, er sei überall und nirgends zu Hause, mit einem Worte, er sei vaterlandslos. Nun, ein Volk, dem schon an der Wiege das Lied gesungen wurde: du sollst ein Segen werden für alle Völkerfamilien der Erde, ein solches Volk mußte allerdings frühzeitig den Blick auf die Gesamtheit richten, aber es gab sich zugleich als ein weises und verständiges Volk zu erkennen, daß es Ideale nicht bloß im Geiste bewahrte, sondern sie auf dem festen Boden des werktätigen Lebens zu verwirklichen strebte; es erkannte, daß man im Nächsten die Gesamtheit liebt, daß man der Menschheit am sichersten dient, wenn man dem Menschen dient, daß man der Welt am ehesten zum Segen gereicht, wenn man seinem Lande, dem man durch die Geburt angehört, alle Kräfte weiht." In diesen Worten spiegelt sich die edle Gesinnung wider, von der Moritz Levin bis zum letzten Augenblick seines Erdenwallens beherrscht war. Sein ganzes Leben stand im Dienste eines Idealismus, der ein ebensogut deutscher