Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Klein, er gebt^ nichts auf die Gasvergiftung, es sei sicher „Ritualmord" gewesen; das dürfe aber nicht rauskommen". Der Arzt, der die Leiche untersuchte und Gasvergiftung feststellte, muffe „was Falsches bescheinigt" haben. Einwanderer Arzt müsse nochmals Nachsehen und den „Ritualmord" feststellen. Durch diese öffentliche Anschuldigling fühlte sich der Arzt Dr. F., der die Leichenschau vorgenommen hatte, beleidigt und stellte Strafantrag gegen Klein. Das Landgericht Könitz hat daher am 22. Juni 1914 den Klein wegen öffentlicher Beleidigung zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Nach den Aussagen der Zeugen im Ermittelungsverfahren sei der Wortlaut der beleidigenden Aeußerung festgestellt. Insofern die Zeugen sich in der Hauptverhandlung anders geäußert hätten, so hätten sie mit der Wahrheit absichtlich zurückgehalten, mit den Klein vor Strafe 31t schützen. Das Ritualmordgerücht sei nach genauer Ueberprüsung widerlegt. Somit sei der dein Nebenkläger gemachte Vorwurf der wissentlich falschen Todesursachenbescheinigung eine grobe Ehrenkränkung und völlig unwahr. Hiergegen legte Klein Revision ein mit der Rüge unzulässiger Verwendung der Allssagen im Ermittelungsverfahren in der Hallptverhandlung. Der Reichsanwalt hielt die Aufhebung des Urteils für geboten, da die fraglichen Allssagen zur Aufklärung von Widersprüchen nicht regelrecht verlesen worden seien. Das Reichsgericht nahm indessen an, daß Klein gar nicht einen Formverstoß rügen, sondern nur die materielle Beweiswürdigung ullzlllüssigerweise bemängeln wollte, mld verwarf daher die Revision als llnbegründet, da der völlig haltlose Borlvurf einer Berufspflichtverletzung zugilnsten angeblichen „Ritualmordes" eine schwere Beleidigung des Arztes bedeutet. £2 Magdeburg, 11. Dezember. Einen schweren Verlust hat unsere Gemeinde durch den Tod des Herrn M a x Weil erlitten. Die hiesigeli Zeitungen veröffentlichen, über ihn folgenden Nachruf der beiden Körperschafteil: „Unsere Gemeinde hat einen Überalls schmerzlichen Verlust erlitten. Am gestrigen Sabbattage ist M a r Weil zur ewigen Ruhe eingegangen. Erst schwere Krankheit hatte es verillocht, seiner emsigen Arbeit im Dienste der Gemeinde ein Ziel zu setzen. Weit über ein Jahrzehnt hatte er dem Vorstande angehört, dessen Geschäfte er mit vollster Hingebung verwaltet und zuletzt, als stellvertretender Vorsitzender, umsichtig geleitet hak. Jnsvnders dort aber, wo es galt, inmitten unserer Gemeinde und über ihre Grenzen hinaus Not 31t lindern, das Leid der Armut zu tcheucheli und Wohltun zu üben, da fehlte nicht der kluge Rat lind die immer hilfsbereite, Vvrsorgende Tat des nun Entschlafenen. Ein wahrer Menschenfreund ist mit ihm dahingegangen. Die Erinnerllng an Max Weil und an sein rlnermüdliches Wirken wird hier, in der Gemeinde seiner Vaterstadt, nicht verlöschen. Sein Andenken bleibt zum Segen. Magdeburg, den 6. Dezember 1914. V 0 r st a n d und Rep r ä s e n t a n t e n v e r s a m 11t lung der S y n a g 0 g e n gemeinde z u Rc a g d e b u r g." Eill impvsantes Trauergefotge, wie es nur selten in unserer Gemeinde zu verzeichnen ist, legte Zeugnis ab von der Wertschätzung und Liebe, die der Verstorbene in allen Schichten der Gemeinde und der Stadt sich erloorben. In Abwesenheit des Rabbiners würdigte auf dem Friedhof Herr Dr. Spanier die Eharaktereigenschaften und die segensreiche Tätigkeit des Vielbetrauerten. Tie Rede machte mif alle einen erhebenden Eindrlick. Der Akt gestaltete sich insofern noch ganz besonders feierlich, als Herr Qberknntor D a v i d s 0 h n - Berlin lder aus Freundschaft zu dem Schwiegersohn des Verklärten hierher geeilt war), hebräische und deutsche Gesänge in stimmungsvoller Weise zum Bortrag brachte. Frankfurt a. M., 11. Dezember. Im Alter von 72 Jahren ist Herr Rabbiner Tr. Rudolf Plant gestorben. Er wirkte viele Jahre an der Hauptsynagoge an der Allerheiligenstraße und war ein sehr geschätzter Kanzelredner. Ehe er hierher kam, war er als Rabbiner in Karlsbad tätig. Seit mehr als' 10 Jahren hatte er sich ins Privatleben zurückgezogen; er litt an einem Angenübel und war in der letzten Zeit nahezu erblindet. Die Beerdigung fand Freitag, den 4. d. M., nachmittags 2 Uhr vom Portal des israelitischen Friedhofs aus statt. In der Bethalle fand eine Tranerfeier statt, zu der sich auch Vertreter der evangelischen und katholischen Geistlichkeit eingesnnden hatten. Rabbiner Dr. Selig - m a n n hob hervor, daß Tr. Plaut zwei. Jahrzehnte hier als Seelsorger segensreich gewirkt habe. Im selben Augenblick, wo der Vater auf der Totenbahre liege, kämpfen zwei Söhne gegen den Feind, der eine im Osten, der andere im Westen. Dank seinem gewinnenden Wesen habe Plaut aus dem Gebiete der Wohltätigkeit überaus segensreich gewirkt. Mit sonnigem Optimismus habe er die Qualen und Leiden eines Erblindeten ertragen. Bürgermeister Dr. Luppe gedachte der Verdienste des Entschlafenen um den Gefängnisverein, ein Vertreter der Vereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen würdigte die jugendbildnerischen Fähigkeiten des Dahingeschiedenen. — 11. Dezember. „Ter Tag ging sturmbewegt und regenschwer." Düster unter düsterem Wolkenhimmel lagen die Wälder, ragte der Bismarckturm. Und durch den Duft des Nadelgeholzes, den rauschenden Weg entlang kamen die gegangen, die zum Heldensriedhof wollten. Tort in die kühle Heimaterde betteten sie am 8. d. Nt. einen Helden; betteten sie den 64jährigen Ludwig Stern. Als Kriegsfreiwilliger war auch er hinausgezogen; „die Lust, sür's Vaterland zu streiten," rief ihn wieder zu den Fahnen seines alten Regiments, des Landauer Infanterieregiments, dem er, ein geborener Bayer, 1870 als Einjähriger angehört hatte. Schon damals war er gegen Frankreich marschiert und war in Anerkennung seiner Verdienste zum Leutnant befördert worden. Und was er damals in schönem Jngendmnt vollbracht hatte, heute, als alter Laudsturmmann, wollte er es bekräftigen. Aber die Anstrengungen waren zu gewaltig, sein Körper hielt ihnen nicht mehr stand. . . Die Waffe entsank dem alten Kämpen: im Lazarett zu Landau hauchte er seine Heldenseele aus, ohne des heißgeliebten Vaterlandes ganze Siegesherrlichkeit geschaut zu haben. An der Stätte im Walde, wo die gefallenen Helden ruhen, stehen sie feierlich-ernst versammelt um das offene Grab, sie, die ihn kannten, die ihn verehrten; eine dichtgedrängte Menge, aus der auch die Standarte eines Vereins hervorragt: des Reichsverbandes der Wandergenwrbetreibenden Deutschlands, Ortsgruppe Aachen. Und in dem nassen Stnrmeswehen, das in schütternden Stößen über die Erde fährt, in den Kronen' der Kiefern dunkel rauscht, wie Totenktage, klingen nun troststark die Worte des Abschiedsgrußes, die Rabbiner T r. I a u l n s „wehmutsvoll, aber doch innerlich gehoben", dem toten, heldenhaften Freunde weiht. Wie jener jüdisch-spanische Dichter, so sagte er, der sich nach Zion sehnte, Zion noch einmal sehen wollte, bevor er starb, endlich, nach unendlichen Mühen Zion, seines Herzens Ziel erreichte, und dann zmn ewigen Schlummer hinsank — so war auch Ludwig Stern. Gewaltig loderte in ihm die Glut und die Kraft der Vaterlandsliebe. Ein Jüngling, war er als Kriegsfreiwilliger unter den Fahnen, als es gegen Frankreich ging, und als nun wieder das Vaterland bedroht, in höchster Rot war, da ließ sich Stern, obgleich er schon an der Schwelle des Greisenalters stand, weder von seiner Familie, noch von seinen Freunden abhalten. : wieder als Kämpfer einzutreten in das Heer: er mußte seines Herzens! heißes Sehnen stillen. Geist von dem heldenhaften Geiste des Acakkabüer-! geschlechtes lebte ihn ihm. Und er, der Jude, der für das Land, das er sein Vaterland nennen durfte, sein Leben hiugab, er wird uns unvergessen bleiben. Er hat dem jüdischen Namen Ehre geniacht. Er hat gezeigt, daß auch der Jude seine vaterländische Gesinnung mit dem Tode zu besiegeln freudig bereit ist. Unauslöschlicher Dank dafür dem teuren Toten! . . . E-ewehrschüsse, drei donnernde Salven, unterbrechen die Rede des Geistlichen ... es ist an einem anderen Grab. Eine tiefe Stille entsteht, manchen Mannes Auge blickt feucht . . . dann fährt der Geistliche sort. Er schildert den Menschen Stern, der viel Leid durchkämpft habe, aber doch eine Frohnatur gewesen sei, die vielen anderen ein Sonnenstrahl war. Tie letzten Abschiedsworte sind gesprochen - da richten.sich die Gewehre in die Höhe, bei den Soldaten, die seitwärts hier von diesem Grade aufgestellt sind . . . und während der Rabbiner leise die Totengebete spricht, erschüttert die Luft dreimal ein scharfer Knall — ein letzter Gruß dem Kriegsfreiivilligen Ludwig Stern, Leutnant des Landsturms, der für die Größe des deutschen Heimatlandes sein Leben ließ . . . Dumpf poltern die Schollen ans den Sargdeckel. Tie Kränze häufet: sich. . . Ergriffen verläßt die Menge die Ruhestätte dieses Helden. Nun schläft er hier, im deutschen Kiefernwald, den Todesschlnf. „als Soldat und brav", wie schon so viele . . . überall grüßen die stummen ernsten Hügel . . . Tannenreiser und Erika. . . Die Menge hat sich gänzlich zerstreut, verlassen liegt der Friedhof da. Der Sturm läßt nach. Wie ein großes dunkles Schweigen senkt es sich ans die Heldengräber, und es ist, als säße darauf, die Stirn in die Hände gestützt, der Genius der Trauer ...