Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- Seite (611) (sequence 11)
- Language
- German
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511 - außen und nach innen mußte demonstriert werden, daß man den Glaubensabfall verurteile. Nach innen wegen der Jugend, die cs ohnehin mit der Religion nicht so genau, nimmt und durch böse Beispiele leicht wankend gemacht wird, nach außen aber deshalb, damit die Christen ihren Gleichmut nicht mißdeuten und so ausfassen sollten, als ob es den Juden gar nicht naheginge, wenn jemand ihre Religion erniedrige. Samuel Spitz also verkaufte seine vier Oechslein und schickte deren Kaufpreis als rückständigen Pachtzins mit seinem Bauernknecht zu Littauer. Und schickte mit ihm auch ein rußgeschwärztes Glas, aus dessen Grunde ein verbrannter Baumwolldocht trauerte. Ter Knecht hatte keinerlei Botschaft gebracht, aber Littauer verstand, was die Sendung zu bedeuten habe. Sein Geld könne er nicht annehmen, aber seines Toten habe er nicht vergessen. Nicht allein Kaddisch habe er für dessen Seelenheil gesagt, sondern Samstag abends -- da es Freitag schon zu spät dazu gewesen - nach altem jüdischen Brauche ein Seelenlicht für ihn angezündet. Littauer fühlte sich von dem Zartgefühl dieses schlichten Menschen tief gerührt und nahm Geld und Glas mit einem traurigen Lächeln in Empfang. Er mußte es dulden, das; Samuel Spitz großmütiger sein durfte als er selbst. Er war ein kluger Mann, kannte sein Volk und wußte, daß jedes Bemühen vergeblich wäre, daß die alte Freundschaft anfgehört habe. Dem Christen können sie alles verzeihen, mict) die Verfolgungen, aber den Verrat und die Untreue des Abtrünnigen verzeihen sie nicht. Diesen seelischen Zug der jüdischen Rasse wußte er sich nicht psychologisch zu erklären. Er wußte bloß, daß er noch vor wenigen Wochen ebenso empfunden und den Abtrünnigen als erbärmlichen Verräter betrachtet habe. Er wagte es also nicht, die alten Glaubensgenossen der Ungerechtigkeit zu zeihen, hoffte aber die Leute zu überzeugen, daß sie keinen Grund hätten, ihm böse zu sein. Natürlich beurteilte er die Lage nicht richtig. Ta von ihm selbst die Rede war, konnte er jene Bitterkeit, welche sein Abfall in den jüdischen Herzen hervorrief, nicht in ihrer ganzen Tiefe ermessen. Den unversöhnlichsten Zorn nährte David Gutlohn gegen ihn. Die Gemeinde hatte ihn zum Vorstand gewühlt, und er mußte zeigen, daß er dieser Auszeichnung würdig sei. Das aber vermochte er am besten durch seinen religiösen Eifer. Als Vorstand hätte es ihm in erster Reihe gebührt, sich durch Anstand und Wohltätigkeit auszuzeichnen, und man erwartete auch, daß sein Leben diesbezüglich mustergültig sei. Indes besaß Gutlohn ein großes Administrationstalrnt und gab von dem seinigen zunächst das ab, was er leicht abgeben konnte: den großen Glaubenseifer. Seine erste Amtshandlung bestand darin, daß er die verrückte Gitl, die Zelt-Fradele, den Eisig Schorr und den Selig Hecht zu sich beschied und ihnen mit dem Cherem') drohte, falls sie sich noch einmal unterstehen sollten, von dem Meschümed Geld zu leihen. Die Chewra-) würde ihnen schon welches geben. Die Aermsten taten ein heiliges Gelöbnis, es nicht mehr zu tun. Gott behüte sie vor dem Cherem. Sein Zweites war, daß er den MarschclikZ der JeschiweJ kommen ließ und ihm sagte, daß er die Familie Littauer in seinem heurigen Purimspiele'') karikieren solle. Das Purimspiel ist im Leben der kleinen Judengemeinde ein großes Ereignis, wie der Purim an und für sich ihr liebstes Fest ist. Es ist der einzige Tag im Jahre, an welchem sich der Dorfjude austoben kann. Er darf sich sogar betrinken, ohne ') Exkommunikation. -) Verein. 3) Bersschreiber. 4) Talmudschule unter Leitung des Rabbiners. Faschingsspiel. , deswegen verurteilt zu werden. Sein Leben ist sonst nicht sehr! vergnügt. Die Sorgen drücken schwerer aus ihn als das Bünj del Ware auf seinem Rücken,, das er von Dorf zu Dorf schleppt, i Es ist sehr schwierig, daraus das tägliche Brot und den sabbai- , liehen Kuchen hcrauszuholen. Denn zu Hause warten viele auss | Brot. Die armen Juden kennen noch das Eiukindersystem! nicht. Kinder sind ein Gottcssegen^ je mehr man davon hat, j desto besser. Und der arme Jude keucht tlnter seiner Last, ißt! an Wochentagen keinen warmen Bissen, kehrt jeden Groschen! zehnmal um, bevor er ihn ausgibt, weil Awrumele Schuhe braucht, Herjchele einen Rock und Sijele ein Hemd, und weil ■ man für Wolsele int Cheder") bezahlen muß. Im Sommer; plagt ihn die Hitze und im Winter die Külte, doch er trabt trotzdem unermüdlich die Landstraße entlang von Dorf zu; Dorf. Bein; Wirtshaus angelangt, blickt er verlangend hinein, der hervordringende Schnapsgeruch führt ihn in Versuchung. Ein Tropfen würde ihn erfrischen, ihm neue Kraft verleihen. Nur ein kleines Gläschen voll. Aber er geht doch nicht hinein. Er bleibt stehen und läßt betrübt den bekannten Ruf ertönen: „Was ist zu verknusen?" Daun geht er weiter, kraftlos,! taumelnd, betrunken - vor Durst. I Aber wenn Purim kommt, werden auch seine Instinkte frei, i An Purim darf sich auch der Arme einen guten Tag machen, j Er kann essen und trinken, soviel ihm beliebt, und sich dabei j heiser singen. Auch der tollste Uebermut wird ihm verziehen, i’ An diesem Tage setzt die asketische Zurückhaltung der Juden der hervorbrechenden Lust keinerlei Schranken. Ter Arme darf sich mit dein Reichen einen Spaß erlauben, der Unwissende darf : den Gelehrten verspotten. Die jungen Leute legen Masken- : tleider an, und die Alten trinken und singen. Aber die Krone des Ganzen, die giöce de resistance, der alles erwartungsvoll cntgegensieht, die schon Wochen vorher Gegenstand allgemeiner Neugierde ist, das ist: das Purimspiel. Es ist ein wahrer Kunstgenuß. Der Verfasser ist ein Jeschiwe-Bocher, und auch die Akteure sind Bachurim. Ter Marschelik hat viel Sinn für Aktualitäten; aus solchen schöpft er seinen Stoff fürs Faschingsspiel, das, je spaßhafter es ist, desto besser gefällt. Traurige Dinge passen nicht zur Purimstimmung. Das herrschende Eleinent im Purimspiele ist die Satire. Wer da zur Zielscheibe des Spottes gemacht wird, der hat daran ein volles Jahr zu tragen. Bei aller Spaßhaftigteit also kann das Purimspiel zu einer gefährlichen Waffe geschärft werden. Gutlohn wußte, daß man mittels des Purimspiels tiefe Wlinden schlagen kann. Deshalb hatte er den Jeschiwa-Pveten, Zvdek Hungerleider, dazu ermuntert, diesmal die Littauerschen aufs Korn zu nehmen. Zvdek hatte zwar feilt heuriges Meisterwerk schon fertiggeschrieben, auch die Rollen mit den dazugehörigen Kostümen waren bereits verteilt, indes konnte er dem Wunsche des Vorstandes nicht zuwiderhandeln. Er versprach daher, ein neues Stück zu schreiben, Gutlohn dagegen verpflichtete sich, ihm als Gegendienst jede Woche einen Kosttag zu geben - - wenn er ihn nicht anderswo bekommen sollte. Ferner werde er ihnen für die Theatervorstellung das große Wirtshauszimmer verschaffen. Sie dürsten zwanzig Kreuzer als Eintrittsgebühr verlangen, auch er werde bezahlen, trotzdem ihm, als Vorstand, ein Ehrenplatz gratis zukäme. Schließlich versprach er noch, daß er zur Vorstellung auch die christlichen Notabilitäten cinladen werde. Von diesen tonne man auch Ueberzahlungen erwarten. Der Biarschelik hatte viel Talent und löste seine Aufgabe auf glänzende Art. Auch verstand Hungerleider das Reklamemachcn ebensogut wie die modernen Dramenschriftstcller. Ueberall wurde von der Abendvorstellung gesprochen. Aufgeregt bereiteten die Frauen die Nuß- und Mvhnkindl* 7) und ") Schule. 7) Puriuigel'ück.