Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- Seite (610) (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Glaubensgenossen.in allen schwidrigen Lagen ein Berater, auf dessen Meinung sie stets das höchste-Gewicht legten, Siegfried war der dritte Sohn, dem sich zu der alteren Schwester noch ein Bruder und noch eine Schwester zugesellten — int ganzen \ also ein sechsfacher Kindersegen, j Nur bis zu seinem zwölften Jahre lebte Siegfried im Eltern- | Hause; dann kam er, wie schon früher seine beiden älteren \ Brüder, zu einem Pastor Strauß nach Bernstadt, der ihn für j die Tertia des Gymnasiums vorbereitete — ein Zeichen der s fortschrittlich aufgeklärten Denkungsart in damaliger Zeit, obs wohl es sonst im Elternhause streng nach jüdischem Ritus zu-; ging. Das Gegengewicht zu der christlichen Umgebung hielt \ der sehr fromme Onkel, Rabbiner Tockuß in Bernstadt, zu! welchem der Knabe während dieser Zeit in Pension gegeben l war. Tort wurde unser Siegfried ganz von selbst in eine! streng orthodoxe Richtung gedrängt, so daß er selbst der ' strengsten einer gewesen sein soll; er hat aber durch eigenes i Nachdenken diese Seite seines Wesens bald nachher abgelegt. Nachdem nun das Realgymnasitun zum „Heiligen Geist" zti ' Breslau absolviert war, bestimmte sich der Jüngling selbst zum I Kaufmannsstande. 1 Er trat in das elterliche Geschäft in Festenberg ein und galt dort für eine vorzügliche Kraft. Aber cs litt ihn nicht lange in der kleinen Stadt. Er wandte sich nach Glogau, woselbst er ’ einige Jahre tätig war. Schon hier bei dem achtzehnjährigen i Jüngling zeigte cs sich, daß seine Seele dem erwählten Berufe nur zur Hälfte angehörte; schon hier suchte er d i e Kreise auf, ivelche ihm geistige Nahrung boten. Die Professoren Munk und Arnheim nebeit anderen Familien öffneten dem begabten und hochstrebenden jungen Manne gern ihr Haus, und noch im späteren Leben hat er mit großer Liebe und Anhänglichkeit von jenen Menschen und Zeiten gesprochen. Der kaufmännische Beruf blieb ihm immer nur Mittel zum Zweck: leben und andere leben zu lassen. Tie andere Hälfte seiner Seele wtirde von der Liebe 31t schöngeistigen literarischen Bestrebungen ausgefüllt. Ein glänzender Redner in literarischen, sozialen und politischen Vereinen,' war er nie um Worte verlegen, seine Gedanken in weiteren Kreisen zur Geltung zu bringen. Im Jahre 1870 verheiratete er sich mit Anna Levy, Tochter des Orientalisten Professor M. A. Levy 31t Breslau. Drei Söhne, nachdem eine Tochter nur kurze Zeit die Eltern beglücken durfte, entstammten der Ehe. Mancherlei Wechselfälle in seinem Berufe vermochten nicht, Laqueur mutlos zu machen; er raffte sich immer wieder empor, was ihm durch seinen eigenen idealen Sinn und den seiner llmgebung erleichtert wurde. Seit 20 Jahren genießt er als Generalagent das Vertrauen einer der größten Versicherungsgesellschaften und konnte sich, weil unabhängiger von materiellen Sorgen, allmählich ungestörter und mit gutem Erfolge . den Vorträgen, Referaten usw. in den Logen und jüdischen! Literaturvereinen wie auch in hingebendster Weise den WohlfahrtseinrichtunLen der Gemeinde widmen. Als Expräsident der Lessing-Loge in Breslau weithin bekannt, wurde er in vielen Städten unseres Vaterlandes zu Vorträgen cingeladen, die ihm stets reichen Beifall und häufig prächtige Ehrungen eintrugcn. Den vorstehenden Mitteilungen, die mir von einem Mit- - glied der Familie zugegangen sind, füge ich folgendes hinzu: Ich lernte Laqueur im Jahre 1870 kennen, nachdem er sich mit seiner uns durch langjährige Freundschaft eng verbundenen Braut verlobt hatte. Er war ein gern gesehener East meines väterlichen Hauses und ist mir durch 44 Jahre hindurch ein treuer Freund geblieben. Solange ich Junggeselle war, habe ich nach dem Tode meines Vaters fast alljährlich Pfingsten bei ihm und den Seinen geweilt. Er versäumte bei seinen sehr häufigen Reisen nach Berlin selten, mich! aufzusuchen,.Sein Bildungseiser, sein reges Interesse für alles j Jüdische, seine herzliche, liebe, au allein, was mich betraf, tcil-; nehmende Gesinnung haben uns eng verknüpft. Er hat inir; in guten und bösen Tagen seine Treue bewahrt und bewährt.! Er gehört zu den in Deutschland nicht eben zahlreichen Ge-; schäftsleuten, die ihr ideales Streben als notwendige Lebens-! bedingung aufsassen. Er ist einer der seltenen Menschen, der j trotz des ungeheuren Bekanntenkreises, den er besitzt, Männern und Frauen, deneit letzteren er stets gern seine Huldigung dar-! brachte, jedem einzelnen erscheint, als gehöre er nur ihm. Er! ist von dem wärmsten Streben erfüllt, anderen zu Helsen und i zu nützen. i Es war mir stets eine Lust, ihm, dem Heiteren und Gesprächigen, der im ernsten Wort und im heiteren Wortgefecht ■ sich stets wohl fühlt, in größeren Kreisen zu begegnen, und eine j Erquickung, ihn in seinem oder in meinem Hause in vertraulichem Geplauder zu höre». Trotz der vielen Ehren, die ihnt iit Vereinen und Logen zu- I teil wurden, trotz der Liebe, die sich bei mannigfachen Festen,! die er feiern konnte, bekundeten, und die auch — ungeachtet j der ernsten Zeit, die wir jetzt dtirchleben — an seinem Ehrenj tage sich gewiß zeigen wird, hat er sich die Bescheidenheit, ein! schönes Erbteil des Elternhauses, erhalten und die Einfachheit! gewahrt. Möge ihin, dem wackeren, unerntüdlich tätigen, in weitesten! Kreisen über seine Vaterstadt und heimatliche Provinz hinans! bekannten und geschätzten Manne, ein schöner Lebensabend i beschieden sein; möge ihnt, der viele Freuden genossen hak, aber j auch durch den Prüfstein mancher Leiden stets geläutert heri vorgegangen ist, die Wonne eines gesicherten und ' frohen j Alters gegönnt sein. Wer so wie er durch eigene Kraft sich innere Sicherheit und äußeres Behagen verschafft hat, wer! atis der Vergangenheit Vertrauen und Beharren geschöpft, j wer in frohem, unerschütterlichem Optimismus auch Schweres j mutig ertragen hat, wer wie er in der Religion, die ihm nicht j Formel und Gebrauch, sonderu tiefes Herzensbedürfnis ist, j stets neue Stärkung und Erhebung findet, wer wie er getragen! ist von der Liebe der Seinen, von der herzlichen Anhänglichkeit j der Freunde nah und fern, von der Dankbarkeit der Zahllosen, denen er Wohltaten erwiesen, und für die er Gutes gewirkt hat — der besitzt die Bürgschaft für eine sonnige Zukunft. ' L. G. Der neue Lhnlt. Roman von Peter Ujvari. Uebersetzt von Rosa Trencjeni. (Fortsetzung.) VIII. etzt waren sie erst wirklich zwischen zwei Welten ge- \ raten. Tie eine hatte sie hinausgestoßen, die andere hatte sie noch nicht ausgenommen. Ter Unfall der Thora hatte die Juden in Letöce dermaßen erschüttert, und sie glaubten so fest daran, daß dieser große Trauerfall als Warnung Gottes zu betrachten sei, daß sie einem Zusammentreffen mit Littauer ängstlich austvichen. Das tat Santuel Spitz sehr weh, und es fanden sich auch andere, die den gutmütigen, freigebigen Mann ivegen seiner Isoliertheit bedauerten. Doch gegen den Willen der Gemeinde konnten sie sich nicht auflehnen, und auch außerdem waren sie gezwungen, einzugestehen, daß mannigfache Interessen des Judentums -das Aufhören jeglicher geselligen und Gefühlsgemeinschast mit dem Abtrünnigen verlangten. Nach