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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · p. Seite (609)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
Seite (609) (sequence 9)
Language
German
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kennen zu leimen HelegmherthaK, r ichtig zu vetstchyrr und' zu beurteilen wußte. Als er vor .beinahe siebzig Jahren: seine Erzählung „Die Frau Professorin" schrieb, gehörte Elsaß- Lothringen noch zu Frankreich, undnur wenige der damals Lebenden haben dessen Wiedererwerbung zu erleben erwartet. Aber über Frankreich hat er nicht feindselig geurteilt. Sein ganzer Zorn kehrte sich gegen England und besonders gegen die in Deutschland herumreisenden Engländer, und mehr noch gegen die „Bedientenhastigkeit gegen die Ausländer", die an den Höfen (der Kleinstaaten) herrscht. „Wir Eingeborene, wir Deutsche, müssen Adlige oder ausnahmsweise Bürgerliche von einer Auszeichnung des Talents sein, um bei Hofe Eingang zu finden; jeder englische Stiefelputzer ist aber hoffähig, weil er eine weiße Halsbinde trägt und Englisch spricht. Man muß froh sein, wenn nicht dem Fremden zuliebe alles den ganzen Abend Englisch quatscht. Diese Travellers (Reisende) haben recht, wenn sie ganz Deutschland wie einen einzigen Lohnbedienten ansehen; beginnen ja die Höfe mit der Schändung der Nationalehre", läßt er die Hauptperson seiner Erzählung sagen. Aber das Bürgertum jener Zeit hatte nichts von Bürgerstolz; in der kleinen Residenz, in der die Handlung der Erzählung spielt, lebten die meisten vom Vermieten von Zimmern und sonst von den reichen Engländern. Als diese in Mißmut darüber, daß ein bürgerlicher Professor es wagte, sich mit "einem Engländer zu duellieren, die Stadt verließen, war" der Professor „in den Augen vieler ein Aergernis". Was aber den jungen Engländer veranlaßte, den Professor zu beleidigen, ist die von diesem in einer Hofgesellschaft geführte Verteidigung eines Werkes seines Freundes, des Kollaborators. In diesem Buche, das freilich nie geschrieben wurde, wird nämlich (von Auerbach) das englische Volk „das gottloseste der Erde" genannt, „Sonntagschristen, die allsabbatlich ihrem Lordgott langbeinige Reverenzen macheil,, während sie in dev Woche lieblos gegen die eige- . - neu niederen Stände und egoistisch gegen alle Welt sind". Freilich gab es schon zu der Zeit, in der die Handlung dieser Erzählung vorgeht, sowohl unter den Deutschen als unter den Engländern lobenswerte Ausnahmen, und es klingt fast prophetisch, wenn der Verfasser einen jungen deutschen adligen Oberleutnant für den tapferen Professor Partei nehmen läßt gegen die Engländer, die auch jetzt noch die anderen Völker wie ihre Diener betrachten und behandeln möchten. Wie viele solcher Professoren und Leutnants kämpfen nicht jetzt, nicht mit Worten, sondern mit den Waffen, gegen englische Heuchelei! Sikgkrird Laqueur. iegfriod Laqueur wurde geboren am 21. Dezember 1844 in Festenberg in Schlesien. Seine Eltern betrieben ein reges Manufakturwarengeschäft und erfreuten sich großer Beliebtheit und unbedingten Vertrauens in der Stadt selbst und der weiten Umgegend- Die Muster, eine einfache, tüchtige Ge- Siegfried Laqueur geboren 2Dezember schDsMu,SiemMn^chWM:Heßchaste nur-ZüvHMn uM Kim der Mte/ M' - ünrM'ßerMbötz'ntich -?g Utes vGedächtnisgchabthaben, welches sich z. B. darin zeigte, daß beim Kassemachell am Sonnabendabend die Kasse gewau stimmte, obwohl Frau .Laqueur des Feiertages wegen nicht einen, einzigen Posten vom Morgen bis zum Abend notiert hatte. - Der Vater hatte voll Jugend auf einen bedeutenden Lerntrieb gezeigt, der ja in jener Zeit nur in der Richtung der jüdischen Lehre sich betätigen, konnte. Er erreichte es wenigstens bei seinem Vater, auf die Jeschiwa in Preßburg, die damals Zeinen hervorragenden Ruf genoß, geschickt zu werden. Charakteristisch war es, sowohl für die Zeit wie für den fortgeschrittenen Geist des Großvaters Rabbi Laqueur, daß er seinem Sohn -einen Band Schillerscher Gedichte als geistige Reisezehrung mitgab; dieser gehörte auf der hohen Schule natürlich auf den Inder und wurde, damit auch die Kameraden ihn mitlesen konnten, an einem verborgenen Ort vergraben ilnd nur an einem geheimen Oertchen gelesen. David Laqueur, der Großvater, Rabbiner, in Städtl in Oberschlesien, war ein bedeutender Schachspieler, dessen Ruf als solcher zum Herzog von Württemberg, der in Earlsruhe (Oberschlesien) ein Schloß bewohnte, gedrungen war. Dieser forderte den kleinen Rabbi häufig zu einer Schachpartie auf, indem er ihn in seinem Wagen abholeli ließ und wieder hinausschickte; er hatte ihni ein Schränkchen übergeben, zil welchem -Laqueur allein den Schlüssel hatte, damit die eigens von einer jüdischen Magd für ihn gemolkene Milch llicht in Berührilng käme mit Dingen, die gegen die jüdischen Speisegesetze verstießen. Ein anderes Geschichtchen, das der Enkel gern erzählte, ist folgendes: Die Gemeinde in Groß-Glogan hatte .den Rabbiner ans Städtl gern erwerben wollen lind ihm ein viel höheres Gehalt, als er dort hatte, versprochen. David Laqueur lehnte ab mit der Begründung: „Er. könne es seiner armen kleinen Gemeinde nicht antun, die sicher für den Gehalt eines Talers Pro Woche nicht so leicht einen anderen Rabbi bekommen könnte." Es war der unzureichenden Mittel halber dem Sohne nicht vergönnt, sich weiter dem Studium zil widmen, und so wurde er Teilnehmer 'in dem Geschäft, das seine Braut Johanna, geborene Noah, mit größter Selbstaufopserung und Mühewaltung führte. Dem Fleiß und der strengen Redlichkeit des Paares gelang es bald, bei der Anspruchslosigkeit der damaligen Zeit zu einem gewissen sicheren Wohlstand zu kommen, der es ihnen ermöglichte, den ältesten Sohn Louis studieren zu lassen; dieser erlangte, noch sehr jung, bei der Gründung der Universität Straßbnrg im -Jahre '1872- 'einen Lehrstuhl für Augenheilkunde, bekam nach wenigen Jahren, die ordentliche Professur daselbst und erwarb sich einen bedeutenden Ruf als Praktiker und Wissenschaftler. 7 v Der Vater: der leider viel zu früh für die Seinen schon IHM) starb, hatte in seiner zweiten Heimat.-Festen borg die höchsten Ehren eines Bürgers erlangt'; er. war::Ratsmann, genoß als Lotterieeinnehmer das größte Vertrauen bei der Bevölkerung, war für jung, und alt, für die christlichen'Mitbürger-wie--für

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