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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · p. Seite (608)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
Seite (608) (sequence 8)
Language
German
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508 ' in Kasan unter Abhaltung feierlicher Tvtenmeffenanatomische Atnseen auf den Friedhöfen bestattet wurden; er brandmarkt die heillosen Zustände im großen Militärkrankenhause zu Petersburg, an dessen Spitze ein Mann stand, von dem sich schwerlich jemals auf dem Wege historischer Forschung Nachweisen lassen wird, „woher man eigentlich bei uns solch ein vorsintflutliches, — nem, nicht vorsintflutliches, sondern überhaupt unmögliches Wesen ausgegraben"; er nimmt endlich keium Anstand, die entsetzlichen Verhältnisse an der medizinisch-chirurgischen Akademie in Petersburg bloßzulegen und unter anderem folgende haarsträubende Enthüllung zu machen: „Die Lappen für Umschläge und Kompressen brachten die Heilgehilfen ohne Gewissensbisse von den Wunden des einen Kranken auf die des andern. Die von der Krankenhausapotheke gelieferten Arzneien waren eher allein anderen als Arzneien ähnlich.- Statt des Chinins wurde zum Beispiel ganz gewöhnliche Ochsengalle ausgegeben und statt Fischlebertran irgendein fremdländisches Oel. Brot und überhaupt alle den Kranken gereichten Lebensmittel waren unter aller Kritik. Gestohlen wurde am hellen lichten Tage, itnb die Inspektoren und Kommissäre verloren täglich beim Kartenspiel Hunderte von Rubeln aneinander ... In der letzten Zeit war es sogar so weit gekommen, daß die Hospitalleitung gebrauchte und von den Wunden abgenommene Scharpie, Binden, Kompressen und dergleichen zu verkaufen begonnen hatte und für diese Handelsoperationen die übelriechenden, von den Wunden abgenommenen Lappen in besonderen Kanunern aufspeichern ließ, die neben den Krankensälen gelegen waren. Oberarzt des Krankenhauses war der Staatsrat Lossijewski, der von seinen Kollegen Bucephalus genannt wilrde. Das bekannte französische Sprichwort „grnycke töte, grande. bete" steht zwar mit den Lehren der Physiologie nicht in Einklang, aber es gibt keine Regel ohne Ausnahme, auch keine physiologische. Was Lossijewskis Kopf betraf, so behielt die Physiologie wirklich nicht recht." Wohl hatte Pirogofs vom Hause und von der Moskauer Universität das Vorurteil überkommen, daß die Deutschen im Vergleiche 311 den Franzosen Schuljungen seien. Die Erfahrung lehrte ihn jedoch bald, wie unrecht seine Landsleute tun, in Frankreichs Hauptstadt die Hauptstadt Europas zu sehen und die französische Sprache als Aushängeschild der Bildung und des guten Tones zu gebrauchen. Je länger er an der Universität in Dorpat wirkte, je mehr er mit den Deutschen und dem Geiste der deutschen Literatur und Wissenschaft vertraut wurde, desto mehr ließ er, den „vielen schönen, hervorragenden und für manche andere Nationen mustergültigen Eigenschaften des deutschen Volkes" Gerechtigkeit widerfahren. Männlich und allgemein menschlich klingt sein wohl nicht ganz einwandfreies Bekenntnis: „Ich bin im Grunde meiner Seele Rllfse geblieben und habe mir sowohl die guten als auch die schlechten Eigenschaften meiner Nationalität bewahrt, aber den Deutschen und dem Geist der deutschen Kultur bin ich auf immer durch die Bande der Achtung und Dankbarkeit verbunden geblieben, ohne jegliche befangene Parteinahme für das, was in dem Deutschen für den Russen uub vielleicht auch überhaupt für den Slawen wirklich unerträglich ist. Tie feindselige Art, mit der der Deutsche den Russen und Rußland zu betrachten pflegt und seine Parteilichkeit für alles Eigene, Deutsche, ist mir nicht angenehmer geworden; aber ich habe gelernt, dieses mit größerem Gleichmut aufzufassen und das, was an dieser Anschauung gerecht ist, wenn ich sie auch in ihrer Gesamtheit, nicht zu rechtfertigen vermag, doch ohne Aerger und ohne jegliche Erbitterung ruhig zur.Kenntnis zu nehmen. Können wir doch in der Tat eine Nation und dabei noch eine begabte und hochkultivierte Nation nicht um deswegen anklagen, weil sie den eigenen Besitz dem fremden vorzuziehen.sucht und wirklich vorzieht." Als Kurators des Odesiaer .Lehrbezirks hatte Pirögoff Gelegenheit, die Talmnd-Thora-Schule in Odessa zu besuchen: Es erfüllte ihn mit Bewunderung, daß sie sich im Lause von neun Monaten aus einem „Cheder" in eine regelrechte Schule verwandelt hatte. Diese Tatsache empfiehlt er denjenigen zur eindringlichen Würdigung, welche es als eine unerhörte Frechheir betrachten, daß man zwischen ihren moralischen Eigenschaften und denen des semitischen „abgelebten Geschlechtes" einen Vergleich zu ziehen wagt. Von dem Mute der Wahrheit beseelt, gibt er seinen Landsleuten zu bedenken: „Bei der Verwandlung dieser Schule darf ich mir nicht das geringste Verdienst zuschreiben, denn was ich tat, beschränkte sich auf einige Veränderungen im Programm des Unterrichts, für die ich die Genehmigung der Regierung auswirkte. Ich habe daher das volle Recht, unparteiisch das zu loben, was zu verschweigen unrecht gewesen wäre. Nur eines rechne ich mir als Verdienst an, als Wohltat, die ich den armen jüdischen Kindern erwiesen: nämlich, daß ich zu der Anstellung des preußischen Untertanen Herrn Dr. Goldenblum an dieser Schule beigetragen habe. Und ihm gehört nächst den aufgeklärten Vorstehern der Schule von Rechts wegen alle Ehre und alles Verdienst ihrer Umwandlimg. Man kann nicht genug die erleuchtete Barmherzigkeit und den Eifer würdigen, mit dem die gesamte Gemeinde sich dieses Werkes auf wahrhaft herzliche Weise angenommen. . . Staunenswürdige Fortschritte der Schüler, eine gänzliche Veränderung ihrer Lebensweise, sogar ihres Gesichtsausdruckes, in dem sich Gesundheit und Freudigkeit aüsspricht ' - alles das zuwege gebracht in neun Monaten!" Der überraschend schnellen Wiedergeburt der Schule stellt er die Tatsache gegenüber, daß die christlichen Elementarschulen im Laufe dieser neun Monate, keinen Schritt vorwärts getan haben. Und er erblickt den Grund hierfür in folgendem: „Auf mündliche Tradition gestützt, behauptet Maimonides, daß das Wort „Sohn" im Alten Testament mit dem Worte „Schüler" gleichbedeutend sei und daß der Name der jüdischen Elementarschule, „Talmud-Thora", „Studium des Gesetzes" bedeute. In dern Bewußtsein des alttestamentlichen Menschen fließen also die Begriffe Schrift und Gesetz, Sohn und Schüler, Unterricht und Erziehung in eins zusammen, und diese Identität bildet in meinen Augen den erhabensten Zug im Charakter des Juden . . . Mit all ihrer Anhänglichkeit an das Alte, mit all ihrem starren Konservatismus können die Juden als Muster dienen, wie man Ueberzeugungen haben soll. Mit ihrer unüberwindlichen Hartnäckigkeit ist es ihnen, wo es sich um Ueberzeugungen handelt, gelungen, die ungeheuren Abstände auszuheben, welche bei uns den Gedanken vom Wort, das Wort von der Tat trennen . . . Wenn es mir mm gelänge, vermittels dieser leicht hingeworfenen Gedanken, wenn auch nur einen christlichen Wohltäter zu überzeugen, daß alles, was die jüdische Gemeinde für die hiesige Talmud- Thora getan, der Nachahmung wert ist, . . . mein Zweck wäre vollständig erreicht worden." Und er schließt seinen Bericht über die Schule mit dem Appell: „Speiset, bekleidet die armen Elementarschüler, sendet eure Frauen zur Beaufsichtigung der Verteilung und Qualität der Speisen, sorget für die richtige Wahl und den Unterhalt des Lehrers, und auch ihr werdet euren Goldenblum finden, auch eure Elementarschule wird sich neu gestalten wie die jüdische Talmnd-Thora." J. B. Münz. Lerthold Auerbach gegen die Lngländer. Bon M a r c u s L a n £> n 11. er berühmte Verfasser der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" war nicht bloß einer der vorzüglichsten dentschen Erzähler, der das Volk, zu dein er gehörte nnd das er so treu und liebevoll schilderte, und nicht bloß, wie es Pflicht jedes Schilderers ist, gut kannte, sondern auch andere Völker, die er

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