Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- Seite (607) (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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507 bist . . . Nur bcn Gcsirndtschaftsposlc» zu London möchten wir dir nicht mehr anvertrauen; dazu gehört ein Geierblick, der "die Ränke des perfiden Alb io ns zeitig genug aus zu spionieren weiß, oder ein ganz unwissenschaftlicher derber Bursche ..." Den englischen Egoismus im Gegensatz zum deutschen Wesen zeichnet Heine an anderer Stelle: „Sind aber die Engländer in der Politik wirklich so ausgezeichnete Köpfe? Worin besteht ihre Superioritüt auf diesem Felde? Ich glaube, sie besteht darin, daß sie erzprosaische Geschöpfe sind, daß sie die Dinge in ihrem nüchternsten Lichte sehen, daß keine politischen Illusionen sie irreleiten, daß keine glühende Schwärmerei sie blendet, daß sie die Bedingnisse der Zeit und des Ortes genau berechnen und in diesem Kalkül weder durch das Pochen ihres Herzens noch durch den Flügelschlag großmütiger Gedanken gestört werden..." Die gleichen Motive, die heute den Krieg des neiderfüllten Inselvolkes gegen das verhaßte Deutschland entfachten,beleuchtet Heine in einer Besprechung der englischen Politik gegen Frankreich um 1840: „Im Herzen der Engländer juckt und eitert wie ein böses Geschwür eine g e h e i m e E i s e r s u ch t, sobald in Frankreich ein behaglicher W ohlstand emporblüht, sobald die französische In - d u st r i e durch den Frieden gedeiht u n d die französische M g r i n e sich b e d e u t e n d aus - bildet . . ." Diese Angst, als Seemacht den Vorrang zu verlieren, bestand schon, als die deutsche Flotte noch gar nicht vorhanden war. Sv erzählt Heine von einem Engländer, einem Mitglied des Parlaments, den er im Phrenäenbad Barvges im Sommer 1846 kennen lernt und mit dein er sich widerwillig über Deutschland unterhalten muß: „Es will mich bedünken, als liebe er uns weniger enthusiastisch, seitdem ich in unseren Gesprächen die Aeußerung fallen ließ, daß die Deutschen jetzt ein großes Gelüste empfänden nach dem Besitz einer Marine. Dem edlen Briten mißfiel sehr diese Mitteilung, und er meinte: wir Deutsche täten besser, wenn wir den Allsbau des Kölner Domes (der damals noch unvollendet war), des großen Glaubenswerks unserer Väter, mit unzersplitterten Kräften betrieben. - Jedesmal, wenn ich mit Engländern über meine Heimat rede, bemerke ich mit tiefster Beschämung, daß der Haß, den sie gegen die Franzosen hegen, für dieses Volk weit ehrenvoller ist als d i e i m P e r t i n e n t e Liebe, die sie uns Deutschen angedeihen lassen, und die wir immer irgendeiner Lacune unserer weltlichen Macht oder unserer Intelligenz verdanken: s i e lieben uns wegen unserer maritimen U n - nracht, lvvbei keine Handelskonkurrenz zll besorgensteht, sie lieben uns wegen unserer politischen Naivität, die sie im Falle eines Krieges mit Frankreich in älter Weise aliszubeuten hoffen ..." — Anschließend sei noch ein prophetisches Urteil des Dichters über Rußland notiert (veranlaßt durch die blutige Unterdrückung des Polenaufstandes). Besorgt warnt er das „deutsche Rotkäppchen" vor dem „russischen Wolf" und ermahnt das Vaterland, Rußland als gefährlichsten künftigen Gegner frühzeitig hassen zu lernen: „Wir verdanken den Polen jenen Russenhaß, den sie bei uns gesät und der, still fortwuchernd im deutschen Gemüte, unsmächtigvereinigen w i r d, w e n n die große Stunde schlägt, wo wir uns zu verteidigen haben werden gegen jenen furchtbaren Riesen, der jetzt noch schläft und im Schlafe wächst, die Füße weitausstreckend in die duftigen Blumengärten des Morgenlandes, mit dem Haupte anstoßend an den Nordpol, träumend ein neues Weltreich . . . Deutschland wird einst mit diesem Riesen den K a m p f b e st e h e n in ü s s e u, u n d f ü r d i e s e n F a l l i st e s g u t, daß wir die Russen schon früh hassen lernen, daß dieser Haß in uns gesteigert werde, daß auch alle andreren Völker daran teilnehmen..." Nutzeichnunsen eines berühmten ruMlchen Chirurgen über die ruMlchen Amoerlitäten, die deutschen Barbaren und die Juden. enn es wahr ist, daß nicht so sehr die äußerliche Wahrheit als vielmehr die Entfaltung der inneren Wahrheit vor sich selbst die hauptsächlichste Ausgabe der Autobiographie eines denkenden Menschen bildet, dann haben wir allen Grund, von den „Lebensfragen" des berühmten russischen Chirurgen Nikolai Jwanowitsch Pirogossi) vollauf befriedigt zu sein. Zeigt er sich doch aus das ängstlichste und peinlichste bestrebt, sich durch die Zergliederung seiner Handlungen einen genauen Einblick in deren Triebfedern und Zwecke zu verschaffen, wie sie zuweilen ihm selbst verborgen, tief versteckt im geheimsten Innern seiner Seele ruhen mochten. Er übertreibt nicht im mindesten, wenn er sich einen Fakir der Selbstbeobachtung nennt. Und er ist dies durchaus nicht erst im Alter geworden, sondern er hat diese überaus schwierige Kunst schon als junger Mann gepflegt und verstanden. Er hat es niemals über das Herz bringen können, in den Tag hinein zu leben und einer herrschenden Strömung blindlings zu folgen. Eine besonders in unserer Zeit, in der wirkliche und wahrhaftige Barbaren sich auf die alleinseligmachenden Hüter der Humani-; tät und Zivilisation hinausspielen, nicht genug zu würdigende! Frucht der Selbsterkenntnis ist die schon frühzeitig bei ihm hervortretende unüberwindliche Abneigung gegen jede nationale Selbstberäucherung und Selbstbespiegelung. Er ist gegen den Vorwurf des literarischen Götzendienstes, welchen B e l i n s k i den Russen ins Angesicht schleudert, gefeit. Die satirische Bemerkung des russischen Lessing, daß die Russen sich Kindern gleich vor den zahlreichen Göttern ihres volkreichen Olymps ehrfurchtsvoll verneigen, ohne in den Matrikeln nachzusehen, ob die Gegenstände ihrer Vergötterung wirklich himmlischer Herkunft sind, hat aus ihn keine Anwendung, denn er reißt unnachsichtlich von der Götterburg herunter, was auf ihr nicht heimatberechtigt ist, und schwingt schonungslos die Zuchtrute über alles, was in seinem Vaterlande zu geißeln ist. Indem er der Wahrheit und nur der Wahrheit dient, kritisiert er ohne falsche Scham das Vorwalten des tragikomischen Elementes, das er auf der Universität zu Moskau vorfand, die erniedrigenden Possen, welche in den der ernsten Wissenschaft gewidmeten Räumen von Lehrern und Schülern aufgeführt wurden, die unverantwortliche Unfähigkeit des weitaus größten Teiles der Professoren, den Hörern eine zureichende Bekanntschaft mit ihrem Wissensgebiete zu vermitteln, und die der Anschauung völlig entbehrende Lehrmethode, die es mit sich brachte, daß er die Universität der alten Zarenstadt mit dem ihm das Recht über Leben und Tod verleihenden ärztlichen Diplom verließ, ohne auch nur.rin einziges Mal einen Typhuskranken gesehen, ein einziges Mal ein Seziermesser in Händen gehabt zu haben; er verschweigt nicht, daß man während seiner Studienzeit in den Ministerien der Volksaufklärung und des Innern die Frage ernstlich erwog, ob man nicht bei den anatomischen Vorlesungen ohne Leichen auskommen und die Muskellehre unter Zuhilfenahme von Tüchern vortragen könne, und daß J) Lebensfragen. Tagebuch eines alten Arztes. Aus dem Russischen übertragen von August -Fischer. Stuttgart, I. G. Cotta Nachf., 1809.