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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · p. Seite (606)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
Seite (606) (sequence 6)
Language
German
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806 -— önipsang-eu. Tie ^nbcn hatten gerade die Vorbereitungen für das Lanbhüttcnfesk getroffen und beeilten sich, die Festbrote den Soldaten zu geben. Es herrschte graste Aren de, und die Feiertage nmrden in sehr günstiger Stimmung eingeleitet. Am 15. Oktober kamen größere Truppenabkeilungen durch llnseren Ort nnd zogen in der Dichtung auf Bvryskaw. Am Nliktwoch, den 21. Oktober, traf plötzlich wieder eine russische Abteilung, etwa so Mann stark, ein, und am darauffolgenden Tage umreit ein ganzer Armeestab da, 10 000 Mann Kavallerie, Artillerie, drei Generale, viele Offiziere. Oie machten sich's überall bequem, belegten die zur Verfügung stehenden Zimmer, raubten Geflügel nnd veranstalteten ein Festgelage, während die Mannschaft sich selbst überlassen blieb und sich anss Plündern verlegte. Abends entstand ein Feuer, das die Ooldateu gelegt hatten, und das wir mit Mühe und Not eiudümmen tonnten, während die Russen uns dabei untätig zuschallten nnd uns noch verhöhnten. Am Freitag, den 20., zogen die Russen wieder weiter, dann aber kam eine Nachhut, die alles das, was noch übriggeblieben war, raubte und lvegführte. Auch die Bauern aus der Umgebung wurden vollständig allsgeplündert. Rein Heu, keine Rartoffel, kein Otück Vieh ist übriggeblieben. Bezahlt haben sie natürlich gar nichts, nnd als man von einem Offizier verlangte, er möge doch dafür sorgen, dast der Bevölkerung das Notwendigste zum Leben bleibe, sagte er: „Nehmet zwei Gemeinde- Polizisten, geht mit ihnen von einem Bauern zum anderen, bis ihr irgendwo ein Otück Vieh antrefft, und nehmt es dem weg." Am 25. Oktober kamen 05 russische Ooldateu mit Munitionswagcn und brachten zahlreiche Munition ans Trohobycz. Es wurde ein ganzes Munitionslager in Ochodnica errichtet und von dort mittels Anto- »nobilen zum Ochlachtseld geführt. Tie Mnnitionskolonne blieb bis 1. November. Während dieser Zeit wurde bei Tag nnd bei Nacht gerallbt und geplündert. Frauen und Mädchen mußten sich vor den russischen Ooldateu, über die niemand die Aussicht führte, verstecken. Eine groste Panik entstand, als sich zwei Mädchen mittags auf die Otraste wagten nni> ihnen sofort die Ooldateu nachliesen. Tie Tage llnd Nächte vergingen in fortwährender Todesangst, und jedermann mußte für seine Person alle Augenblicke das Aergste befürchten. Wer sich auf der Otraste zeigte, nnirde voll den Ooldateu fürchterlich geprügelt. Eine Frau wurde von ihnen unter rohen Ocherzreden derart misthandelt, dast sie schwer verletzt wurde. Tabei war gar nichts mehr zum Essen vorhanden, kein Mehl, kein Zucker, keine Erdäpfel. Man wagte sich schon nicht mehr auf die Gasse. Man hörte ununterbrochen heftigen Kanonendonner, nnd zwar so genall, daß wir schon alle unterscheiden konnten, welche Ochüsse vor: unserer Artillerie, welche von der russischen abgegeben wurden. Tie Ochlacht kam immer näher. Am Freitag, den 00. Oktober, verstummten plötzlich alle Kanonenschüsse, Onmstag war alles still, Oonntag früh fuhr ein Automobil dllrch, dessen Insasse mit dem Revolver iu der Hand nach dem nächsten Weg llach Boryslaw fragte. Tann kamen iu rasendem Telnpo noch einige Automobile, russische Troschken lind Trainwagen ilnd schließlich in fluchtartigem Rückzüge Artillerie nlld Kavallerie. Es war aber kaum der dritte Teil von den bisher dnrchgezogenen russischen Truppen, und da atmeten wir auf, denn wir sahen, dast die Russell schwer geschlagen worden seien. Am 1. November, uadjp mittags, erhielten wir durch einen Boten von einem Glallbensgenossen aus Rlldnik einen Brief, in deln er uns mitteilte, dast unsere Truppen dort sind lind zll erfahren wünschen, une es bei uns zngeht. Wir gaben dein Boten ein Och reiben mit, das in hebräischer Op rache abgesastt war und eine genalle Tarstellung der Oachlage enthielt. Montag früh tarn eine rllssische Patrouille, nnd es begann wieder die Ochiesterci. Wir hörten aber auch ans der Umgebung heftiges Gewehrfeuer. Tie Russen sagten, wahrscheinlich werde ein österreichischer Aeroplau voll den Russell beschossen. Zn Wirklichkeit aber war es die Vorhut unserer Truppen, lmd noch am selben Tage kamen die Husaren all. Tie Russen versteckten sich. Nur drei Mann hatten gebeten, man lnöge sie unseren Truppen als Gefangene ausliesern. Tie Husaren machten aber selbst zahlreiche Gefangene llnd zogen sie aus ihren Verstecken hervor. Oie nahmen das russische Munitionslager und führten es fort. Als unsere Patrouille sich entfernt hatte, kamen plötzlich wieder Kosaken, wie sie inrmer nach Abzllg der reglilären Trlippen zum Ochrecken nlld zur Pein der Bevölkerung austanchen, und erklärten, dast sie uns alle niedermachen würden, weil nur die Husaren hergelockk nild ihnen die Munition allsgeliefert beziehungsweise deren Versteck verraten hätten. Taraufhin flüchteten sich alle Zu den in eine auf einer Anhöhe gelegene Fabriksanlage und trachkekell voll dort alis weiter zu konunen. Meiner Frall nild mir gelailg es, am 0. November nach Okole zll entkonlmen. Zum Glück trafen wir bald unsere Truppen und waren mm in Oicherheit. lieber Munkacz nild Budapest silld wir nun nach Wien gekoinniell. Das unveränderliche lkngland. Heine über die Engländer. Von M. Abel. n den Schriften Heinrich Heines finden sich Urteile \ über die Politik Englands,die die uralten Gepflogenheiten der britischen Diplomatie nicht übel beleuchten. Es ist nicht ohne Reiz, heute zu lesen, wie sich vor 75 Jahren die entwicklnngsarme englische Politik int Urteil eines scharf beobachtenden Schriftstellers spiegelt. Heines Abneigung gegen die Engländer, dieses ..erwählte Volk der Prosa", ist bekannt. England ist ihm das „schnöde Land, wo sich die Menschen wie Maschinen gebärden, wie Maschinen, deren inwendige Triebfeder der E g o i s in u s". - - „Es wird mir flau zumute, wenn ich bedenke, dast Shakespeare am Ende doch ein Engländer ist nnd dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorn erschaffen." Wiederholt weist er ans die Aehnlichkeit zwischen den alten Römern nnd den Engländern seiner Zeit hin. Er wirft ihnen die gleiche „poesielose Härte, Habsucht irnd brutale Energie" vor. Immer wieder lveist er ans die „merkantilischen Interessen" hin, die alles Denken der Engländer erfüllen, und um die sie ihre Kriege führen. „Es gibt in der ganzen Schöpfung lein so hartherziges Geschöpf wie einen K r ä m e r, dessen Handel ins Stocken geraten, denr seine Kunden abtrünnig werden nnd dessen Warenlager keinen Absatz mehr findet." Von jeher hätten sich die Engländer „nit r i in Solde gemeiner K r ä in e r i n t e r e s s e n geschlagen, wie zu unserer Zeit (und zu unserer auch), nur daß es sich im 19. Jahrhundert mehr um Kaffee und Zucker, hingegen im 14. und 15. mehr um Schafswolle handelte" . . . Immer zögen die Engländer aus den ausländischen Zuständen Vorteile für Englands Wohl und Handel: „Es ist merkwürdig, wie sie alle, vom Premierminister bis zum gemeinsten Flickschneider, bei jedem Tagesereignis gleich herausfinden, was England dabei zu gewinnen oder zu verlieren hat..." Die heimliche Minierarbeit im Ausland — wie heute in Japan — kennzeichnet Heine (1840): „Die Engländer sind viel besser als die Franzosen über alle vrientalischen Zustände unterrichtet. Mehr als je wimmelt es in der Levante von britischen Agenten, die über jeden Beduinen, ja über jedes Kamel, das durch die Wüste zieht, Erkundigungen einziehen ... Aber nicht blvst im Orient, auch im Okzident hat England seine zuverlässigsten Agenten, die mit ihrer geheimen Mission auch die Korrespondenz für Londoner Blätter verbinden. Bei der Schweigsamkeit der Briten erfährt das Publikum selten das Gewebe jener geheimen Berichterstatter. Nur der jedesmalige Minister der äußeren Angelegenheiten kennt sie und überliefert diese Kenntnis seinem Nachfolger." An Gnizvt, der 1840 als Gesandter Frankreichs ans London (infolge von Zwistigkeiten zwischen Frankreich und England wegen Aegypten) abberufen worden, richtet Heine folgende Worte, die man ins Stammbuch des ehrlichen nnd vornehmen Fürsten L i ch n o w s k y schreiben möchte: „Beruhige dich, du lehrst als ehrlicher Mann zurück. D i e t r e u l o s e n „Kavaliere" haben dich hinters Licht geführt nnd z u m N a r r c n g e h a b t - aber dir bleiben deine stolzesten Selbstgefühle: das Bewußtsein, daß du immer noch du selbst

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