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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-18 · Heft 51 (18.12.1914) · p. Seite (605)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 51 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
Seite (605) (sequence 5)
Language
German
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: - r Ao baitsche4 Kriegslied. '.' '' Bon Jos eph I a ffe' ' ' - Wein' nischt, wein' nischt, Liebe Mutter, Ich geh' verteedigen mein Land; Oich mein Soede is gestorben Mit dem scharfen Schwerd in Hand! Sog nit, as ich bin zn jung noch. Um zu gehn in Flanmv un Roich Daitschland, Daitschland iber alles, Iber Kindesliebe oich! Hei, ihr kleine Hans im Michel Kult mich nit derschrocken on. - Rat aich jedem zu a Kichel, Hebt nur nischt zu weinen on; Weinen Paßt nit sar Soldaten, Un dos wet ihr weren oich Daitschland, Daitschland iber alles, Iber alle Pflichten hoich! - Henriette, Heißgelibte, Sei gesund, ich geh in Krieg Küß' dein Liebsten ein viel Kresteu Un sar Daitschland bet Gott Sieg! Alle Belker vnn Europa Messen sich mit uns in Koich — Daitschland, Daitschland iber alles, Iber unser Liebe oich! Und es steigt der junger Kempser, . Oif sein hoiches Ferd gewandt, Nit kein Pinkel mit die Oigen, Wie sein S-eede, Schwerd in Hand! Und er flieht schoin Pfeil vun Böigen Zum gedichten Flamm' un Roich - ' Daitschland, Daitschland iber alles, Iber alle Belker hoich! Bessere Börse machen kann mancher deutsche Dichter, wärmer für Deutschland empfinden als dieser arme, russische Jude der Nein Yorker Ostseite aber kann auch der allerbeste Deutsche nicht! Wie in deutschen, in amerikanischen, in irischen Bersammlungen, so habe ich natürlich auch in jiddischen Bersammlungen gesprochen und nirgends vor dankbarerem, begeisterterem Publikum. Die Liebe der Iren zu n-ns ist entstanden ans klugem Geschäftssinn und aus gescheuter Politik das Empfinden des Inden aber kommt aus dem Herzen!. Ich werde nie den langbärtigen alten Juden vergessen, der nach einer Rede von mir auf das Podium kam, mir die Hand zu schütteln. Er hielt sie ein paar Minuten lang zwischen feinen schweren Arbeitshänden, blickte mich an, schwieg und suchte nach irgendeinem hesonders schönen, besonders anerkennenden Wort. Und schließlich sagte er: „Sie — Sie sind ü Goi mit ä jiddischen Kopp!" — Aber ich denke, er meinte nicht den Kopf, sondern das Herz - das so schlug, wie sein eigenes altes Herz. ' . * .... Endlich sei hier ein interessanter Artikel ans der „Neuen Freien Presse" -zum Abdruck gebracht: S e chs Wochen unter russischer Herrschaft. Nach Mitteilungen des Rabbiners B e n z o n K a tz aus Borszezow. Wien, 26. November. Am 31. Juli war ich mit meiner Familie zum Kurgebrauche in Dorna Watra, als nur von den Krieg,sereignisfen erfuhren. Ich entschloß mich, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, da die Stadt, in der ich als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde tätig bin, Borszezow, nur zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt ist, sondern bei meinen Angehörigen in Schodnica bei Drohobycz den Verlauf der Ereignisse abzuwarten. Am 7. September fuhren wir nach Lisko, um in der Nähe der Karpathen zu sein, falls ein weiterer Aufenthalt in Galizien uns nicht rätlich erscheinen sollte. Nach einem bei schlechtem Wetter auf ausgeweichten Wegen durchgeführten Marsch, nur die Frauen und Kinder konnten auf den mit Gepäck beladenen Wagen Platz finden und die Männer mußten daneben gehen, gelangten wir am'12. September'mach Lisko, wo wir acht Tage verblieben. Am 22. hörten ivir heftige Detonationen und erfuhren, das; alle Brücken in die Luft gesprengt wurden. Wir nunvu ratlos mvD wollten sofort nach Ungarn hinüber. Inzwischen kam Mittwoch ein Bote alls Schodnica und erzählte, daß dort von. den Russen nichts zu sehen sei und daß wir ruhig heimkehren könnten. Die Frauen bestürmten uns, dies zll tun, und während wir noch berieten, fmncu Flüchtlinge aus Ustrzyti und erzählten, daß die Kosaken dort eingedrungen seien, geraubt und geplündert hätten und daß man damit rechnen müsse, sie am anderen Tage auch in Lisko zn sehen. So sind nur am Donnerstag, den 24. September, irr der Richtung nach Schodnica gefahren, da uns In kein anderer Ausweg übrig geblieben ist. Eine russische Patrouille hielt uns an, raubte uns die Uhren und des Bargeld, ließ uns aber weiterfahren, Um 7 Uhr aberrds langten wir in Ustrzyti an urrd erhielten bereits eine Borahnung von russischer Herrschaft. Die Geschäftsläden waren vollständig ausgeplündert und die Bevölkerung in großer Sorge. Am nächsten Morgen brachen wir zeitlich auf und kamen spät nachts nach Ehhrow. Die ganze Strecke war in eine Wüste nmgewan-delt, alle Dörfer menschenleer, die Häuser zerstört. Auch in Ehyrow dieselben Zustände. Bekannte fogtcu uns, wir mögen um des Himmels willen ja nicht hier bleiben, denn es würde uns alles geraubt und wir wären unseres Lebens nicht sicher. Die Russen hätten unter den ansässigen Juden eine förmliche Jagd veranstaltet und acht Männer mit je fünfundzwanzig, vier Knaben mit je zehn Rutenhieben ansgepeitscht. Während wir noch ratlos umherstanden, kamen einige rrcfsifche Soldaten, die sich als Juden aus Beffarabien entpuppten und bereit erklärten, unser Gepäck zu hüten. Sie nächtigten bei uns, und als in der Nacht Kosaken und andere in deren Dienst stehende Leute mit leeren Säcken kamen, mit noch vorhandene Habe wegzuschleppen, nahinen diese Soldaten für uns Partei und verbürgten sich dafür, daß wir nichts besitzen. Sonntag, den 27., setzten wir die traurige Reise fort und kamen durch das Städtchen Felsztyn. Dort hatten die Russen besonders arg gehaust. Alle Geschäftslüden waren zerstört und ausgeplündert, und das, ivas sie nicht wegschleppen konnten, haben sie den Bauern geschenkt. Sonntag abend trafen sie in Sambor ein. Alle Geschäfte waren gesperrt, auf den Straßen ließ sich kein Mensch blicken. Unser Gastwirt erzählte uns, daß auch hier viel geraubt wurde und daß die Russen am Tage ihrer Ankunft namentlich die Frauen in große Angst versetzten, fortwährend nach Mädchen verlangten, bis der Kommandant Plakate ankleben ließ, in denen er Ausschreitungen gegen die ortsansässige Bevölkerung mit Todesstrafe bedrohte. Aber auch jetzt noch fühlte sich niemand sicher, und es herrschte große Hungersnot, da die Russen alle Lebensmittel weggeführt hatten. Montag, den 28., fuhren nur nach Drohobycz, wo wir spät abends ankamen. Fast alle Wohnungen waren gesperrt, ebenso die Geschäfte, da sich die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung geflüchtet hatte. Am nächsten Tage kamen wir endlich an Miseren Bestimmungsort. Dort war wirklich alles ruhig, weil sieh die Russen noch nicht bis hierher gewagt hatten. Hier kamen wir auch mit Flüchtlingen aus Drohobycz und Borystaw zusammen. Einige Tage ging alles ganz gut, und wir begannen, uns von den erlebten Strapazen zu. erholen, als am Sonntag plötzbich von Drohobycz ein Abgesandter des dortigen Kommandanten erschien, um das Gemeindeamt „zu übernehmen". Er setzte den Gemeindevorsteher ab und ernannte einen Bauern zn seinem Vertreter, beauftragte ihn, die Verordnungen des russischen Gouverneurs, die in zahlreichen Exemplaren mitgebracht worden waren, zu verlautbaren. Unter anderem wurde dabei der Rubel amtlich mit 3 Kronen 33 Heller bewertet. Bon nun an hatten wir keinen Tag mehr Ruhe. Einmal kamen fünf Kosaken, die nach allen Leiten aus den Gewehren Schüsse abgaben und zu plündern begannen. In ihrem Gefolge befand sich allerlei Gesindel/ das mit Revolvern und Säbeln bewaffnet war. Die Gemeinderäte begaben sich zu dem russischen Delegierten, der gerade mit der U ebernah me der Gemeindekasse beschäftigt war, und baten ihn itnix Schutz. Er erklärte, daß die Russen streng religiös sind und deshalb Klagen über Kosaken am Sonntag nicht entgegennehmen können. Inzwischen erfuhren loir, daß unsere Truppen im Anzug seien, und wir schickten ihnen sofort einen Boten entgegen, um sie von den Stellungen des Feindes zu, unterrichten. Am 12. Oktober früh kam denn auch ein Offizier.mit etwa sechzig Mann. Sie wurden begeistert

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