Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- Seite (604) (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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..— 504 >-- -■■■■■' ' behauptet, der Zar hatte Palen lviederhergestellt, die Iudenmeheleien abgeschafft und die Juden -seines Reiches von der Sklaverei befreit. Aber diesen.Behauptungen widersprechen in schärfster Weise die Tatsachen. Die russische Regierung führt auch seht, genau wie vor dem Kriege, ihre traditionelle Politik der Unterdrückung und Verfolgung durch. Tie Stellung der Juden wurde nicht ein bißchen erleichtert. Alte Ausnahmegesetze gegen die Juden bleiben in voller Kraft. Mit besonders gehässiger Kleinlichkeit wird die Erlaubnis zum vorläufigen Aufenthalt außerhalb des festgesetzten jüdischen Aufenthaltsgebietes auch solchen Juden verweigert, die gezwungen sind, ihren Landstrich zu verlassen, weil dieser von feindlichen Truppen besetzt ist. Auch nicht die geringste Erleichterung wird den Juden zuteil, die sich im aktiven Heeresdienst befinden und ihr Leben für das „Vaterland" hingeben. Ihre Gesuche um ungehinderte Aufnahme ihrer Kinder in die Lehranstalten, um die vorläufige Erlaubnis für die Familien, ihren Aufenthalt außerhalb der den Inden angewiesenen Gebiete zu nehmen, wodurch allein sie dem Hnngertode entgehen können, werden brutal abgewiesen mit der herzlosen Begründung: „Es fehlt all gesetzlichem Anlaß!" Dieselbe Zeitung bringt nachstehenden, sehr bemerkenswerten Aufsatz: Wo stehen die Juden? Von I a u n s H e i il z E w e r s. Relv;hvrk ist die größte jüdische Stadt der Welt lvie es die arößte irische Stadt und eine der größten deutschen und italienischen Städte ist. Weit über eine Million Juden wohnen in Nerv Alert, ganze Straßenzüge weisen nur jüdische Namen auf - und zwar durchaus nicht nur im Ghetto der Ostseite, sondern gerade in den allerersten Geschäftszentren. Das Telephonbuch bringt die charakteristischen jüdischen Namen gleich zu vielen Hunderten hintereinander; von den Weltgeldmagnaten der Wallstreet bis zu den kleinsten Althäudlern der Bowery findet man Juden in allen Berufen. Nur und das scheint mir sehr merkwürdig - gerade da sehr wenig, wo sie in Europa besonders herrschen: beim Theater und bei der Presse. So jüdisch ist heute schon New Port — und wird es mit jedem Tage mehr , daß eiirem inuner wieder mit etwas sauersüßer Miene der Scherz aufgetischt wird: Unsere Stadt hieß Nieuw Amsterdam in der holländischen Zeit, daun New?)ork unter der englischen Herrschaft. Es ist höchste Zeit, daß wir sie Neu-Jerusalem nennen! Eine politische Macht freilich, lvie die Iren, besitzt das jüdische Elemeilt durchaus nicht, noch weniger lvie die Deutschen. Das deutsche Element ist ja überall im Laude sehr stark, während die Juden zum weitaus größeren Teile nur in New sl)orf sind: da freilich spielt - vor den Wahlen! das „Jewish Bote" dieselbe große Rolle lvie das „German Bote". Die Juden sind, lvie die Deutschen, gespalten in alle möglichen Parteien und Parteichen, die sich untereinander befehden: der politische Tagesinstinkt der Irländer fehlt ihnen vollkommen. Und so waren sie wieder lvie die Deutschen im großen und ganzeil bisher nur sehr geschütztes und sehr brauchbares Stimmvieh für Tannnauh und dessen irische Führer. Und da hat - lvie bei den Deutschen der Krieg eine seltsame, rasche Wandlung hervorgerufeu, er hat eine Einigkeit gebracht! Dilrch ihn ist das zur wichtigsten Tagessrage geworden, was jedem jüdischen Herzen tief eingewurzelt ist: der Haß gegen den russischen Henker! Nicht die Liebe zu Deutschland läßt den Juden lvie den Iren für unseren Sieg beten, nein, der Haß gegen Rußland, der Haß gegen England! Freilich, die Bande zwischen Deutschen und Juden sind noch viel engere! Ist doch „Jiddisch", die Sprache des ganzen russischen, und damit des New Uorker Judentums, diese Sprache, die gerade in dieser Stadt schon ihre bedeutenden Dichter hat, wie David Pinski, Moritz Roseuthal, Ossip Dhnwlv, nichts anderes als das Mittelhochdeiltsch Walthers von der Vogelweide mit ein paar aramäischen und hebräischen Fremdlvörtern. Das Ohr gewöhnt sich außerordentlich leicht an diese Sprache: mir zum Beispiel fällt sie viel, viel leichter als etwa das Niederdeutsch Fritz Reuters. Und umgekehrt versteht jeder Jude sehr leicht Hochdeutsch, kann also deutsche Bücher und Zeitungen lesen. Die Sprache aber ist die Grundlage jeder Kultur: so ist der Jude des gesamten Ostens ein Träger der deutschen Kultur, lvie die Iren, nachdem ihnen der Brite ihre eigene Sprache geraubt hatte, Träger englischer und llicht mehr. keltischer Kultier wln-den. Sheridan Wilde, Shaw sind englische Dichter und nicht gälische, sowie Maeterlinck und Berhaeren französische Dichter sind.und nicht flämische. Dem Juden der Ostseite sind Schiller, Goethe,. Heine die großen Dichter, Shakespeare freilich auch, den wir Deutschen ja wie einen, eigenen betrachten. Wenn die jiddischen Theater „Klassikerabende" geben, so bringen sie Faust, Schiller und Lessing; und Shakespeare spielen sie in der deutschen Tradition iiiib nicht in der englischen. So steht, in fremdem Lande, der Jude dem Deutschen viel naher als deni Aantee. Beide fühlen, daß sie Fremdlinge sind, trotz aller schönen Phrasen der Verfassung, gerne willkommen geheißen, gerne geduldet, aber dennoch iilemals Vollbürger. Und so schließen sie sich enger aneinander an, lernen einander besser kennen, lvobei das Mittelglied natürlich der deutsche Jude ist. Und da dieser Krieg ja im letzten Grund ein Krieg gegen den gemeinsamen Feind, gegen Rußland, ist, so wird das Bündnis zwischen Deutschen und Jaden enger und stärker von Tag zu Tag. Der Ire tritt in seiner Presse gegen England auf imb scharf genug. Der Jude aber fämpft in seinen Blättern nicht nur gegen Rußland, sondern, auch für Deutschland. Alle jüdischen Zeitungen und Zeitschriften des Laubes sind (mit einer kleinen Ausnahme) ebenso viele Vorkämpfer der deutschen Sache, ganz einerlei, ob sie -mm orthodox, liberal, sozialistisch oder gar anarchistisch sind. Und dabei bedeuten die großen jüdischen Blätter wirklich eine 'Macht! „Die Wahrheit", j „Der Tag", „Der Vorwärts", „Das jüdische Tageblatt", alles Tagesj zeitungen, haben jede eine Auflage von. mehreren Himderttausend, die Wochenschrift „Die Zukunft" hat wenigstens sechzigtauscnd Abonnenten. Das Ehnrakteristische an allen Blättern Amerikas sind die gewaltigen „Headline»", die Ueberschrifteu; aus ihnen läßt sich sofort die ganze Tendenz der Zeitung erkennen. Hier einige Proben solcher „Headline»" jiddischer Blätter: Deutsche geben Franzosen wieder ihre tägliche "Portion! General Renn.—in—-Kampf kriegt Mapolle! (Erbärmliche Niederlage.) Fonje kriegen Klopp! (Fonje — verächtlicher Ausdruck für Moskowiter.) Gewalt! Ater schlogt ä Fonje! Mit außerordentlicher Freude und Genugtuung hat die jiddische Presse die Nachricht aus Deutschland ausgenommen, daß die antisemitischen Blätter, wie die „Staatsbürgerzeitung", ihren Kamps gegen das Judentum einstellen, mit nicht geringerem Jubel die Nachricht von der guten Behandlung und Freilassung der russisch-jüdischen Gefangenen. (Man sollte ähnlich amlh mit den Irländern handeln!) Dagegen hat die Proklamation des Zaren: „Au meine lieben Juden" nur einen wilden Hohn hervorgerufen. Die Juden, die auf diesen Köder anbifsen, sind an den Fingern aufzuzühten, lvie der anglophile Rabbi Wise, der Millionär Oskar Strauß und ein Paar andere! Das geschlossene Judentum hattenur ein grimmiges Lachen über dieses russische Gaukelspiel und steht nach wie vor Schulter an Schulter mit den Deutschen, ja es betrachtet diesen Krieg völlig als seine eigene Sache! Die Ernennung jüdischer Offiziere, die Verleihung Eiserner Kreuze an tapfere jüdische Krieger wird als persönliche Ehrung betrachtet. Tie jüdischen Massen empfinden stark, daß sie ihre heutige! Kultur dem Deutschtum verdanken, und sie tragen diesem Deutschtum j einen großen Dank ab durch ihre jetzige Haltung, die das deutsche : Judentum stets den Trägern deutscher Kunst und Kultur gegenüber! zeigte — wie vielen deutschen Künstlern und Gelehrten half nicht! jüdische Großmut! Nur ist es heute das ganze Deutschtum, dem das! jüdische Volk zur Seite tritt, mit seiner ganzen Kraft und all seinen! Wünschen, mit seinem Gebet lvie mit seinem Geldbeutel! j Ich möchte ein kleines jiddisches Gedicht hierher setzen, das mir so j recht das Empfinden der jüdischen Seele dieser Tage auszusprechen scheint. Ich entnehme es der illustrierten Zeitschrift „Der Kiebitzer", die, wie alle jüdischen Blätter New Uorks, in jiddischer Sprache in hebräischen Zettern erscheint. Es ist nicht von einem der bekannteren jiddischen Schriftsteller und ist gewiß kein großes Kunstwerk. Es ist von irgendeinem Geschäftsmann, aber gerade darum in seiner stillen Naivität.so bezeichnend für das Empfinden der ganzen Ostseite. Ich habe nichts daran geändert; es ist, wie es ist, von .jedem deutschen Leser zu verstehen.