Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 gerecht zu fein, trotzdem der eigene äußere Vorteil ihr gerechtes Handeln zu verbieten scheint, Treue zu üben, wenn auch die Umwelt sie als unzeitgemäß kennzeichnet und vor allem mit jener stillen Demut ihr Wesen zu durchtränken, die dem Weibe Würde und Kraft verleiht; wenn sie sich entschließen kann, ihr äußeres Selbst zu verleugnen im Dienste der Gesamtheit, dann vermöchte sie sich und die Zeit auf die Höhe zu erheben, die nach der Jdealschilderung des Psalmisten Mann und Kinder zu ihr aufblicken lassen, weil sich in ihr das verkörpert, was für die Menschheit der Inbegriff höchster Sittlichkeit ist. Auf diese Weise würde es ihr gelingen, diesen Inbegriff höchster Sittlichkeit in die Tat umzusetzen, wird sie sich das Bewußtsein erwerben können, nicht bedeutungslos ihrer Zeit gelebt zu haben, sondern in der Verbindung der Begriffe von höchster Frauenwürde einerseits und reinsten Judentums andererseits ein neues Ideal der Sittlichkeit zu gestalten, in dem sie ihre Fähigkeiten als Frau und als Jüdin voll zur Reise zu bringen vermag. (Fortsetzung folgt.) Ser neue Christ. Roman von Peter Ujvari. Uebersetzt von Rosa Trencsöni. (Fortsetzung.) uch Gutlohn hatte dieses Empfinden. Er lief zit Hinz •vV und Kunz, zum Richter, zum Pfarrer, auch zunr Rebbe Reb Herschele: sie möchten doch die Gefahr von ihm abwenden, denn das ginge doch nicht, daß jenes Kreuz just vor seinem Hause stände. Aber sein Bemühen war nutzlos, selbst der Wunderrabbi konnte ihm nicht helfen. Das Kreuz wurde aufgestellt, unter großen Feierlichkeiten eingeweiht, worüber Gutlohn beinahe ernstlich erkrankte. An diesem Tage hatte sich Littauers innere Erregung beruhigt. Vergnügt lächelnd ging er umher, und die Sorgen tim den Kirchenbau drückten ihn nicht so schwer. Denn Sorgen hatte er eben genug. Das Material und die Arbeitskräfte waren teurer geworden, und in der Hauptstadt waren die Maurer in den Ausstand getreten. Wenn die Unruhen sich bis in die Provinz verbreiteten, dann würde -aus dem erhofften großen Nutzen ein sehr geringer werden. Aber in seinem Triumpfgefühle vergaß er der Sorgen. Auch die Rache berauscht, wie der Wein, aber auch dieser Rausch dauert nicht ewig. Auch bei Littauer hatte sich dieser Rausch bis zum Abend verflüchtigt, und als er zu Bette ging, bestürmten ihn wieder die Sorgen. Die ganze Nacht wälzte er sich unruhig herum, konnte keinen Schlaf finden und erhob sich, ungeduldig geworden, noch vor Morgenanbruch von seiner Lagerstätte. Sein Kopf brannte, seine Pulse flogen. Er öffnete das Fenster, um sich an der Winterlust abzukühlen. Am Himmel glitzerten die Sterne. Die Erde schien mit Salz bestvout zu sein. Und auf den knisternden Schollen kamen kleine Menschlein dahergetrippelt. Das Städtchen war noch im Schlaf versunken, nur diese Kleinen kamen denn Sonnenaufgang zuvor. „Das sind Seligs, Mojsches und Herschels Buben," murmelte Littauer. „Die armen Kinder müssen in den Eheder gehen." Er beugte sich zum Fenster hinaus, und als sie ganz nahe waren, sprach er sie mit sanfter Stimme an: „Friert euch nicht, Bürschleiu?" Wie von einer bösen Macht an die Scholle gebannt, standen die Knaben plötzlich still. Mit weitgeöffneten, funkelnden Augen sahen sie Littauer an. Dann faßte der größte von ihnen die beiden kleineren an der Hand, wandte sich mit einem Ruck geradeaus zu Littauer hin und warf ihm mit seinem dünnen Stimmchen das Wort ins Gesicht: „Humen!" Dann ergriff er, seine Gefährten mit sich reißend, in raschem Laufe die Flucht. Littauer wankte ins Zimmer. X. Mit frohem Sprießen lächelte der Frühling auf das Hügelland längs des Latvrcaflusscs. Der Frühling öffnet auch die Herzen. Die winterliche Hoffnungslosigkeit schmilzt dahin und aus den sorgenvollen Seelen sprießt lachenden Auges das Vertrauen hervor. Aus der untätigen Schlaffheit erwachen die Menschen zu neuer Arbeitslust. Arbeiten! Arbeiten! Auch die Natur hat ihre große Arbeit angefangen und es gilt mit ihr zu wetteifern. Munteres Leben bewegte sich auf dem braunen Hügelgelände. Die Menschen fütterten den Erdboden nach dem winterlichen Fasten. Sie verkürzten ihn nicht um das, was er ihnen zwanzigfach zurückgeben sollte. Littauers Feld war das hungrigste. Von der Herbstsaat war kein Körnchen geblieben. Was der Reif übrig gelassen hatte, vernichtete der Frost. Ohne langes Besinnen ließ der Besitzer den ganzen Grund nochmals aufackern und neu besäen. Er selbst leitete nur den Anfang der Arbeit, das andere überließ er seinen Wirtschastsbeamten. Er hatte wirklich keine Zeit, das Wachsen des Grases zu beobachten. Der Domherr bestürmte ihn zu wiederholten Malen, endlich ernstlich an den Bau der Kirche zu schreiten. Der Bischof sei ein alter, kränklicher Mann, der es sich in den Kopf gesetzt habe, die Basilika in eigener Person einzuweihen. Er besitze so viel Geld, wie drei andere Bischöfe zusammen, und mit Geld kann man alles ausrichten. Bis zum Herbst soll die Basilika unter Dach sein. Littauer sagte, das sei eine Unmöglichkeit, dazu sei er im Sinne des Vertrages keineswegs verpflichtet. Der Bischof war ein weiser Mann; er erhöhte die vertragsmäßig stipulierte Summe mit zwanzigtausend Gulden und Littauer sträubte sich nicht länger. Anfang März wurden mit zweihundert Arbeitern die Erdarbeiter, begonnen. Es war die reine Hexerei, wie rasch die Sache vorwärts ging. Aber je größere Fortschritte man machte, desto mehr schwand Littauers Freude hin. Der Boden war locker und sandig. Sein Ingenieur sagte ihm im Vertrauen, daß hier ein Betonfundament, und zwar ein starkes, nötig sei. Die Baukommission des Domkapitels sagte dasselbe. Es wurde auch sestgestellt, die Betonschicht müsse 75 Zentimeter dick sein. Littauer faßte den Beschluß, eine 55 Zentimeter dicke Schicht machen zu lassen. Aber der Form halber und um seine vevtragSmäßigen Rechte zu wahren, protestierte er gegen das Betonfundament und teilte dies auch schriftlich der Baukommission mit. Diese aber verharrte bei ihrem Willen, wie es eben nicht anders zu erwarten war. Littauer erteilte also den Befehl, das Betonfundament zu legen, aber nur 55 Zentimeter hoch. Der Bauingenieur verstand sein Fach und klärte Littauer darüber auf, daß dies unmöglich sei. „Und warum ist es unmöglich?" „Weil es die schwere Kuppel nicht erträgt." „Diesem Uebel könnte man abhelsen. Nicht?" „O ja. Wenn wir ein anderes Gerippe bestellen. Das Eisengerippe, welches im Plane steht, hat zu dicke, zu schwere Balken."