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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 nisse Nenschöpfungen, zu denen die jüdische Frau in hohem Maße durch erliste Arbeit beitragen muß. „Ob tvir in der Vielseitigkeit unserer Kulturbestrebungen ilnsern Gott nicht verlieren, seinen Begrifs gar vereiteln und nivellieren?" zweifelt Cohen in seiner jüngst erschienenen Schrift?) ES liegt allerdings in der Ruhelosigkeit unserer modernen Lebensformen, durch das unaufhörliche Hasten des Geistes von einem Gegenstand zum anderen eine große Gefahr für die vertiefte Beschäftigung mit der Kultur unseres Persönlichen Lebens, für die Erkenntnis des unentbehrlichen Wertes sittlicher Lebensbegriffe und ihrer Beziehung auf unseren Lebenskreis, Und doch kann mit Berücksichtigung der modernen Zeitverhältnisse nur durch eine solche Vertiefung der sittlichen Lebensbegriffe und durch ihre Umwandlung in ein Leben der Erfüllung des sittlichen -Gesetzes eine aufsteigende Linie in der Entwicklung sich vollziehen. Diese Vertiefung des sittlichen Lebens >vird aber allein nur -dann vor sich gehen, wenn die Juden wie in früheren Zeiten sich entschließen könnten, Sittlichkeit zu leben, d. h. unter Verzicht auf äußere Lebcnsvorteile und Ehrenbezeugungen, ihr Leben so zu gestalten, wie es den sittlichen Forderungen entspricht. Eine Durchbildung der Reinheit der Begriffe kann nur erfolgen, wenn das Leben des einzelnen ein Beispiel für solchen Begriff zu bilden vermag! denn für die Juden, die sich im Verzichtleisten auf die kleinsten Behaglichkeiten des Lebens Jahrhunderte hindurch eine erstaunliche Uebung angeeignet haben, deren Gesetzgebung der äußeren Lebenshaltung im Hinblick aus die Bildung des Charakters strengste Zurückhaltung auferlegte, deren Lebensglück und Genuß nur in engster Verbindung mit der Erfüllung der sittlichen Pflichten zu denken war, kann die Lösung einer solchen Aufgabe nur die Wiederholung oft geübter Tat unter neuen Verhältnissen bedeuten; es gilt nur, nach einer vorübergehenden Epoche übertriebenen Wohllebens ihre Lebensführung wieder einzuschränken und sie begrenzen zu lassen durch die von ihnen anerkannten sittlichen Gesetze. Wenn die Juden im Lause der letzten Jahrzehnte alles abgcstreist haben, was sie an rituellen Vorschriften einzuengen schien, und was ihren Vorfahren lange Zeit einen festen Halt zu geben vermocht hatte, so haben sie dazu nur dann ein Recht gehabt, wenn sie den Beweis zu bringen vermögen, daß sie aus freiem Antriebe heraus ihr Leben nach den strengsten Sittenforderungen zu regeln vermögen und sich selbst mit äußerster Konsequenz an die alten ethischen Forderungen halten wollen, die von ihren Vorfahren besonders in den Zeiten des Prophetismus in heißem inneren Kampf errungen und für die Sittenlehre aller Zeiten vorbildlich wurden, die ihrem Inhalte nach noch heute maßgebend sind, und für die in unserer Zeit nur neue Verknüpfungen geschaffen werden müssen. Die alte prophetische Forderung „Recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut zu wandeln vor Gott" schließt an Umfang all das in sich, was auch heute noch gültig ist, nur muß sie mit neuem Inhalte erfüllt werden. - In welchem eigentümlichen Verhältnis steht nun die jüdische Frau zu diesen Forderungen der Sittlichkeit? Für sie ist die Entwicklung des letzten Jahrhunderts von besonderer Wichtigkeit gewesen. Durch die geschichtlichen Vorgänge im Leben des jüdischen Volkes hat für sie die gleiche Entwicklung eingesetzt, wie sie durch das Werden der modernen Frauenbewegung sich vollzogen hat und in doppelter Weise ihr Leben beeinflußte. Während für die jüdischen Frauen der vorigen Generation das Leben eine schwere Kette unausgesetzter mühseliger Arbeitsleistungen innerhalb des Hauses unter den schwierigsten Bedingungen war, erstreckt sich die Ausübung J) Professor Tr. Herrmann Cohen, „Die religiöse Bewegung der Gegenwart". Leipzig, Gustav Fock, 1914. ihres sittlichen Empfindens auf die Pflege der Feiertagweihen, die ganz in ihrer Hand ruhten, auf die genaue Jnnehaltung der rituellen Gesetze, für deren Ausführung sie verantlvortlich war und auf die Erhaltung und Erstarkung des Familienlebens. Bedürfnisse für ihre eigene Person kannten sie nicht, und so entstand die Gattung jener hingebenden, unausgesetzt tätigen, selbstlosen Frauennaturen der Ghettozeit, wie sie kürzlich aus den veröffentlichten Memoiren der „Glückele von Hameln" wieder vor uns erstanden ist. Durch den vorgeschricbenen Pflichtenkreis war das Leben dieser Frauen ausgefüllt, es war ihnen aber gleichzeitig auch genau ihr Weg so fest umgrenzt, daß eine Abweichung von den Forderungen der Sittlichkeit nicht möglich war. Der Beruf jeder einzigen jüdischen Frau war der der Hausfrau und Mutter, und es konnte nur von der Veranlagung und den Verhältnissen abhängen, in welcher Weise die einzelne Frau eigenes Erleben damit zu verbinden und in ideelle Werte für Mann und Kinder umzusetzen vermochte. Mit der Emanzipation der Juden wurde dann auch für die jüdische Frau die Möglichkeit geschaffen, teilzunehmen an dem geistigen und gesellschaftlichen Leben der Allgemeinheit, und da der jüdische Ehemann stolz darauf war, die schnell erworbenen materiellen Güter in erster Linie für die geistige Ausbildung von Frau und Kindern verwenden zu können, so wandte sich das Interesse der jüdischen Frauen und Mädchen in starkem Maße den schöngeistigen Gebieten zu, die gleichzeitig den Gesprächsstoff der meisten geselligen Zusammenkünfte abgaben. Bald wiesen jedoch die neuen Wirtschaft-. lichen Verhältnisse ihrem Geistesleben einen anderen Inhalt; die Notwendigkeit eines außerhäuslichen Berufs für die Mädchen weitester Kreise, die geringeren Aussichten, in der Ehe Gelegenheit zur Ausübung ihrer Kräfte zu finden und die immer stärker werdende Erkenntnis von der Unwürdigkeit der Konvenienzehe andererseits verlangten eine neue Stellungnahme auch zu den sittlichen Problemen. Unter den neuen Verhältnissen wurde die Ausübung eines sittlich reinen Liebeslebens ungleich schwieriger für die jüdische Frau; während sie in früheren Zeiten kaum auf die Betätigung ihres Wesens! innerhalb einer Ehegemeinschaft verzichten mußte, ist es heute; eine große Anzahl gerade der wertvollsten Mädchen, die durch eine sorgfältige moderne Erziehung, die in jüdischen Kreisen einen überaus großen Prozentsatz erfaßt, ihren Geist und Charakter so gefestigt haben, daß sie, von dem Unwert einer Konvenienzehe, die ihrem Leben weder Inhalt noch Erfüllung zu geben vermag, überzeugt, lieber einer Eheschließung entsagen, als sie mit der Aufgabe ihrer sittlichen Persönlichkeit erkaufen. Diejenigen aber, die, getrieben von den wirtschaftlichen Verhältnissen, sich zu einer solchen Ehe bereitfinden, bleiben unbefriedigt von dem, was sie ihnen gewähren kann, häufig nicht imstande, den Versuchungen zu widerstehen, die an sie in dem rastlosen, oberflächlichen, gesellschaftlichen Treiben herantreten; über dem Anspruch an Lebensgenuß schwindet die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Befolgung sittlicher Gesetze vollkommen aus ihrem Gesichtskreis. Ueber der Ausübung ihrer Weibchenanlagen vernachlässigen diese Frauen vollkommen die Ausbildung der weiblichen Anlagen, die sie dazu berechtigen, den Begriff der Sitte in neuen, reichen Formen unseren Zeitverhältnissen entsprechend aufleben zu lassen, die höchste Kulturaufgabe, die einer Menschengattung überhaupt zugedacht werden kann, und die notwendig für die Existenz eines Volkes ist. Wenn die jüdische Frau sich entschließen kann, und laut ihrer Geschichte und Veranlagung hat gerade sie die erste Verpflichtung dazu, ihr Leben mit äußerster Konsequenz in der Durchführung nach bindenden sittlichen Formen einzurichten, die Vornehmheit ihrer Aufgaben und ihrer Lebensweise darin zu erblicken, wahr zu sein, wenn das gesellschaftliche Leben um sie her nur Lügen gebiert,

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