Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 begründet ist, ihren Frauen eine sozial höhere Stellung zu schassen, schwere körperliche Arbeit nach Möglichkeit von ihnen fernzuhalten und ihnen so Muße und Kraft zu geben, eine tiefere Bildung tu sich aufzunehmen; auf diese Weise trugen sie, da die Kultur des Hauses und die Erziehung der Kinder, beides die wichtigsten Lebensangelegenheiten der Juden überhaupt, besonders in den.Händen der Frau lag, zur Lebenserhöhung der ganzen Familie bei. Die höhere Bildung der Kinder wurde zu einer Frage von allerhöchster Bedeutung; denn durch die Emanzipation wurden auf einmal bei den Israeliten, die Generationen lang von der Hand in den Mund hatten leben müssen, ohne die geringste Aussicht auf einen Aufstieg in irgendwelcher Richtung, Zukunftsmöglichkeiten eröffnet, die geeignet waren, ein Uebermaß von Glücksempfindeu in einem Volke auszulösen, das seit den Urzeiten seiner Geschichte in der Aufwärtsentwicklung zur Vollendung, seine Aufgabe in iber Welt erblickte. Mit einem unersättlichen Heißhunger stürzten sich die befreiten Juden auf alle Bildungsmöglichkeiten, zu einer Zeit, als durch die Neudelebung besonders der Naturwissenschaften und der Philosophie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Fülle des geistigen Erlebens sich in das Unendliche zu steigern schien. Es war naturgemäß sehr schwer, sich über diese Fülle hinaus zu erheben und Stellung dazu zu gewinnen, galt es doch zunächst, die Aufnahmefähigkeit an sich ins Ungewöhnliche zu steigern und ganz instinktiv Platz zu schaffen für all das Neue, an dem die Teilnahme gesetzlich gestattet wurde. Es entstand jene Zeit, in der die Juden nur den Wunsch hegten, der anderen Menschheit gleich zu sein, weil sich die Möglichkeit einer Gleichstellung nach langen Zeitkäufen zum erstenmal bot, in der sie als ein Hemmnis all das von sich zu weisen schienen, was als Forderung und Pflicht an die einzelnen in ihrer Eigenschaft als Juden herantrat. Jene Zeit, in der man es ängstlich vermied, sich auf seine besonderen Fähigkeiten und Aufgaben als Jude zu besinnen in der oft unbewußten Furcht, wieder znrückgestoßen zu werden in die Ghettomauern, die die freie Entwicklung so lange beschränkt hatten. Dazu kam für die Juden in Detltschland der ungewöhnlich starke Aufschwung ihres Wirtsvolkes, der sich durch die WandhtJtg zum Industriestaat in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog, und an dessen glücklicher Entwicklung gerade die zur rechten Zeit befreiten Juden tätigen Anteil nehmen konnten, besonders vermöge ihrer starken Begabung gerade für dieses Gebiet und ihrer neubelobten und unverbrauchten Kräfte. Durch diese Verbindung glücklicher Umstände gelang es den Juden, in Detltschland in verhältnismäßig kurzer Zeit sich erstaunliche Bildung, Achtling und Ansehen bei einem Volke zu erwerben, das in bezug auf Temperament und Lebensformen zu ihnen einen starken Gegensatz bildet, mit dem es sich jedoch, was seine sittliche Lebensanschauung a n b e t r i s f t, so innig verbunden fühlt wie mit keinem zweiten Volke der Welt. Wenn in dieser Zeit der letzten hundert Jahre die deutschen Juden ihre Tätigkeit darauf beschränkten, erfolgreich mitzuarbeiten am Aufstieg des deutschen Volkes unter Verzicht auf den Ausball all der Fähigkeiten, die ihnen durch ihre Zugehörigkeit zuni Judentum ztl eigen waren, so lvar dies begründet in der Tatsache, daß diese letzten hundert Jahre eine Zeit der Entwicklung darstellen, aus der heratis sich erst Reife und Erfüllungsmöglichkeiten bilden ntußten. Hellte aber scheint die Zeit genügend vorbereitet für ein schaffendes Wirken, und wenn diese „kulturschöpferische Kraft", lvie sie Martin Buber so treffend bezeichnet, nicht bald zum Durchbruch gelangt, liegt die Gefahr einer Zersplitterung und Verflachung nahe, die, durch die Vielseitigkeit der Lebensströmnngen unserer Zeit bedingt, zur vollständigen Auslösung aller irrsprünglichen jüdischen Kräfte führen milß. Die Zerstreutheit des Daseins droht den modernen Menschen zu überwältigen, wenn es ihm nicht gelingt, Herr über all die zahlreichen Einflüsse zu werden, indem er sic zwingt, ihm zu selbständigem schöpferischen Schaffe» zu dienen. So sehr es Ausgabe der vorhergehenden Generation lvar, die kalint entstandenen Fäden 'weitcrzuspinnen und zu entwirren, so sehr ist es die Aufgabe unserer Zeit, die gesponnenen Fädeil zu einem Neugebilde zu verknüpfen, das die Grundlage zu neuen Lebensmöglichkeiten für die kommenden Geschlechter bietet. Für uns gilt es nun, eine Antwort zu finden auf die Frage: Haben die Juden und besonders die jüdischen Frauen unserer Zeit eine besondere Aufgabe zu erfüllen, haben sie kraft ihrer Zugehörigkeit zum Stamme Israel besondere Möglichkeiten, in das Leben unserer Zeit gestaltend einzugreifeil und neue Werte zu schaffen? Noch um die Wende dieses Jahrhunderts wäre es weiten Kreisen seltsam erschienen, daß man sich auf seine Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft besinnen könnte, daß das religiöse Leben überhaupt je wieder einen wichtigen Faktor in der Kultur einnehmen würde; denn gerade zu Zeiten, die einen Höhepunkt naturwissenschaftlicher Entdeckungen und technischer Leistungen bedeuten, glaubt die Menschheit sich endgültig befreit von ihrem Verhältnis zu dem Gotteswesen, und mit der steigeildeil Erkenntnis der Zusammenhänge in der Natur lvächst der Glaube an die eigene Kraft und an die Fähigkeit, Herr aller Welträtsel zu werden; erst mit der allmählichen Vertrautheit gegenüber den neuentdeckten Wahrheiten und der gleichzeitigen Erkenntnis ihrer Begrenztheit wird wieder die Ehrfurcht ausgelöst, die die Grundlage alles religiösen Empfindens bedeutet. Daher machen sich in unserer Zeit wieder überall deutlich neue religiöse Strömungen bemerkbar, nicht zum wenigsten unter den Israeliten, für die das Verhältnis zur Religion ausschlaggebend für chr Fortleben überhaupt ist. Noch scheint es bisher nur ein Tasten nach neuen Religionsformen, die in Einklang zu den neuen Lebensumständen sich bilden wollen, und gerade von der Entlvickllmg dieses neureligiösen Lebens hängt die Lebensfrage des Judentuins der Gegenwart ab. Wohin drängen nun diese neureligiösen Strömungen im Judentum? Das Judentum ist von jeher eine Bekenntnisreligion gewesen, und zwar eine Bekenntnisreligion der Lebensbejahung, d. h. eine Religion, die sich ilicht kundgetan hat durch unproduktives Erleiden, sondern durch die zielbeivußte Tat. Die Tat, in den Dienst der Gottesidee gestellt, lvar zu allen Zeiten die Lebensäußerung des Judentums, am stärksten und unverkennbarsten wohl zur Zeit des Chassidisnlus, bevor er in verflachende Uebertreibungen verfiel; die sittlichen Forderungen in die Tat umzusetzen, war zu allen Zeiten die Ausgabe des Judentums überhaupt, und der Ausspruch Jesu, der in allen seinen Lebensäußerungen Jude im besten Sinne des Wortes war und sein wollte: „Ich bin gekommen, das Gesetz zu erfüllen," gibt wie kaum ein anderes die Ausdrucksmöglichkeiten des Tatjudentums wieder. Diese Ansdrucksmöglichkeit des Tatjudentums muß auch inunserer Zeit zu netlein Leben sich erweitern können, wenn überhaupt eine Fortdauer des Judentums gezeitigt werden kann; die Mitarbeit der deutschen Juden muß zu einer Führerschaft ans den Gebieten führen, wo jüdische Veranlagung und jahrhundertelange Pflege bestimmter Eigenschafteu neues schöpferisches Eingreifen erwarten lassen: auf den Gebieten der Sittlichkeit, der Erziehung und der W ohlfahrtspflcge. Auf diesen drei Gebieteil wurde von jeher bei den Juden die Betätigung von Mann und Frau in gleich hohem Maße als erforderlich angesehen, wenn auch jedes Geschlecht seiner Eigenheit entsprechend auf verschiedene Weise zur Förderung der Lösling der Aufgaben beitrug, lind auf diesen drei Gebieten verlangen gerade unsere Zeitverhält-