Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229179--70993-3284211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 StMoerordnetemwrlteher Jufti?rat tzeiibrrg in Lrrslau. u Beginn des neuen Jahres tritt Justizrat Heilberg in Breslau an die Spitze der dortigen Stadtverordnetenversammlung. Er ist der Ersatzmann für Herrn Geheimen Justizrat Dr. Freund, der 44 Jahre lang der Versammlung als Mitglied angehvrt und sie 28 Jahre hindurch als Vorsteher geleitet hat. Dr. Freund, dessen Bild zu erlangen mir leider nicht möglich war, hat seine Wiederwahl nicht mehr gewünscht. Das hohe Alter von 83 Jahren und der Schmerz um den Verlust der treuen Lebensgefährtin vermochte eine derartige Last nicht mehr zu ertragen. Die Versammlung hat das Wirken ihres Vorstehers anläßlich der 25jährigen Wiederkehr seiner Wahl durch eine Stiftung ehrend anerkannt, welche seinen Namen trägt. Die Stadtgemeinde Breslau, deren Geschichte mit seinem Namen aufs engste verknüpft ist. verliert in ihm einen Ehrenbürger, dessen Bürgertugenden allen voranleuchten werden. Dr. Freund gehört — wie sein Nachfolger — dem Judentum an. Es ist ein treffliches Zeugnis für den liberalen Geist und Sinn der Breslauer Bürgerschaft. daß sie, nachdem sie fast 30 Jahre lang ihre Leitung einem jüdischen Mitglied anvertraut hatte, nach Erledigung des Amtes wieder einen jüdischen Führer auserkor, ein nicht minder treffliches Zeugnis auch für die Führer, die trotz ihrer warmen und stets offen betonten Angehörigkeit zum Judentum nie einseitig jüdische Interessen hervorkehrten, sondern das Wohl der Stadt in ausgezeichneter Weise zu fördern suchten. Der neue Breslauer Stadtverordnetenvorsteher, dessen Bild wir bringen, ist am 14. Januar 1858 in Breslau geboren. Im Jahre 1868 siedelte die Familie nach Hirschberg über, wo der Knabe das Gymnasium besuchte und das Abiturientenexamen machte. Seine Studienzeit verbrachte er in Breslau, Leipzig und Berlin. Seit den: November 1883 wirkt er als Rechtsanwalt in Breslau am Oberlandesgericht und besitzt eine sehr ausgedehnte Praxis. Seit dem Jahre 1889 gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an. Heilberg ist einer der Führer des Liberalismus in Breslau, Vorsitzender der deutschsreisinnigen Partei. Er gebietet über eine erstaunliche unermüdliche Arbeitskraft und ist ein leuchtendes Beispiel für treue, selbstlose Pflichterfüllung. Möge es dem vortrefflichen Manne gegönnt sein, in diesen schweren Zeiten seiner Stadt ersprießliche Dienste zu leisten! L. G. Die ftukgsbrn der jüdischen jfrsu unter den modernen Lkiwerhsltnjllen. Von SiddyWronjky, Berlin-Schöneberg. 3n den letzten hundert Jahren haben sich im Leben der Juden in Deutschland so starke Wandlungen vollzogen, daß man immer von neuem, sobald es sich darum handelt, eine Lebensfrage zu beleuchten und ihrer Bedeutung Umfang und Platz anzuweisen, Fühlung suchen muß mit all den großen Ereignissen uv^ Strömungen, die der neuesten Geschichte der Juden einerseits und der eigentümlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens in Deutschland andererseits Inhalt und Richtung gegeben haben. Unübersehbar ist die Zahl der Fäden, welche die verschiedensten Verknüpfungen erzeugt und neue Lebensbedingungen und -Möglichkeiten geschaffen haben, und nicht alle sind in ihrem Verlauf und ihrer Wirkung unserem Auge heute bereits sichtbar. Entscheidend für die Wesensbildung der modernen deutschen Juden ist jedenfalls in der Hauptsache die Emanzipation im Jahre 1812 mit der Fülle ihrer Folgeerscheinungen und die wirtschaftliche Umbildung Deutschlands zu einem der bedeutendsten undwohlhabendsten Handelsstaaten der Gegenwart gewesen. Es war vorauszusehen, daß die Emanzipation der jahrhundertlang unter den qualvollsten Bedingungen hinter den Ghettomanern gebundenen Juden zunächst einen regellosen Sturm auf die Kulturgüter loslösen mußte, die dem Heißhunger eines nach geistiger Richtung ungewöhnlich begabten Volkes vorenthalten worden waren, und an denen es tätig während langer Jahrhunderte nicht teilnehmen konnte. Gleichzeitig aber sah sich auch der einzelne deutsche Jude in die Lage versetzt, durch die gesteigerten Erwerbsmöglichkeiten in einer großen Anzahl von Berufen, zu denen ihin jetzt der Zutritt gestattet wurde, seine geistigen und körperlichen Kräfte nicht mehr bis zur Ueberspannung dem erbitterten Kampf ums Dasein widmen zu müssen, sondern er gewann neben seiner Berufstätigkeit Zeit, um über das Talmudstudium hinaus, das bisher in der Diaspora die einzige geistige Erholung geboten hatte, teilzunehmen an den Fragen wissenschaftlicher, künstlerischer, sozialer und politischer Natur, die das deutsche Volk im letzten Jahrhundert in so starkem Maße bewegt haben. Bei der starken Betonung des Familienlebens im jüdischen Volkstum nahmen naturgemäß Frauen und Kinder an dem neuen geistigen Leben teil, vielleicht noch in stärkerem Maße als der Familienvater selbst, da es in der Natur des Juden, ähnlich wie in der des modernen Amerikaners in erster Reihe Iustizrat Heilberg in Breslau.