Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— 7 Durch den massenhaften Verbrauch in dem jetzigen. Kriege beginnt die chemisch reine Verbandwatte (Baumwolle) knapp zu werden. Infolgedessen wird die Scharpie wieder zugelassen. Voraussetzung ist: völlig reingewaschene, nicht gar zu alte oder mürbe Leinwand, peinlich saubere Hände und Unterlagen von reinem weißen Papier oder frischen, sauberen Leinentüchern beim Zupfen. Man kann also alte Handtücher, Servietten, Bettücher, Kissenbezüge und dergleichen mehr dafür benutzen, und zwar schneidet man längliche Stücke von 20 auf 10 Zentimeter, daneben auch kleinere Vierecke von 8 bis 10 Zentimetern Der Längsauszug der ersteren wird glatt hingelegt wie eine Lage von Garn; die kurzen Ouerfäden ergeben mit dem Auszug aller kleinen Stücke das bekannte elastische Gewirr, das in kleinen Teilen zum Verbinden an Stelle der Verbandwatte genommen wird. Jede ins Lazarett eingelieferte Menge von Scharpie wird vor der Verwendung desinfiziert und sterilisiert. So kann sich die private Liebestätigkeit wie vor 44 Jahren auch in dem jetzigen Weltkriege durch Scharpiezupfen betätigen und die schwere Arbeit der Aerzte, Schwestern und Helferinnen in den Lazaretten hilfreich unterstützen. . So ernst diese Arbeit ist, es gibt glücklicher- und erfreulicherweise auch Zeiten, wo der Humor wie ein lichter Sonnenstrahl trostspendend durch die oft so düsteren Lazaretträume schreitet. Unsere braven Krieger lassen sich ihren guten Humor nicht rauben, und mit solchem unverwüstlichen Humor stellte sich mir kürzlich ein Verletzter als der Letzte aus dem berühmten Geschlechte der Stopskuchen vor, als ein Nachkomme des Rat Stopfkuchen, den Wilhelm Raabe in seinem bekannten gleichnamigen Roman verherrlicht und verewigt hat. Er war nicht wenig stolz auf die Verwandtschaft und den Namen und wußte so manches Interessante von Wilhelm Raabe und seiner Familie zu erzählen. Da stieg der Geist Wilhelm Raabes, des unvergeßlichen, gemütvollen Humoristen, wieder vor uns auf, und unwillkürlich fragten wir uns: Was würde er wohl zu dem jetzigen Weltenkampf gesagt, wie würde er die Fragen, die jetzt unser aller Herzen bewegen, dichterisch zu beantworten und zu lösen gesucht haben? Denn Wilhelm Raabe war ein glühender Patriot, wenn auch seine Vaterlandsliebe und seine Anschauungen über Deutschlands Stellung und Aufgabe in der Welt sich anders äußerten, als manche unserer Professoren es heutzutage für politisch klug und weise halten. Richard M. Meyer, der allzuftüh Heimgegangene, sagt darüber: „Raabes Vaterlandsliebe hing mit seiner Lebensphilosophie zusammen. Es ist nicht die unbedingte, blinde Hingabe eines Kleist; es ist die stark moralistisch gefärbte Vorliebe, wie sie gleichzeitig Lagarde vertritt. Was jene Edlen, Guten, Hingebenden unter den Menschen, das sind für Raabe die Deutschen unter den Völkern. Als die Stillen, als die Demütigen liebt er sie." Die Gegenwart ist nicht die rechte Zeit für solche Anschauungen. Mit Stille, Güte, Hingebung allein kann man seine Stellung in der Welt nicht behaupten. Nur wer „echten Stolz im Busen trägt" kann sich der erbitterten feindlichen Angriffe erwehren und ihrer Herr werden. Wie einst die Makkabäer aus dem Kampf gegen die Syrier, so werden die Deutschen und ihre Verbündeten aus dem jetzigen schweren Kriege gegen ihre übermächtigen Feinde siegreich hervorgehen, wenn sie in unerschütterlichem Vertrauen auf ihre gerechte Sache und aus Gottes Beistand mutig durchhalten bis aufs äußerste. Das läßt sich mit Demut der Seele und Güte des Herzens gegenüber Gott und der befreundeten Welt sehr wohl vereinen. Diese Anschauungen brachten Rechtsanwalt Dr. Wolfs und Rabbiner Dr. Gelles aus einer Chanukafeier des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur zum Ausdruck, die zugleich zu einem Vaterländischen Abend ausgestaltet wurde. Frau Auguste Schiderowski und Frau Else Gold schmidt trugen ernste und humoristische Dichtungen vor, die im jetzigen Kriege entstanden sind und aus diesen Krieg Bezug hatten; mehrere Schülerinnen ergänzten die Ausführungen des Rabbiners durch den Vortrag Morris Rosenfeldscher Dichtungen, und in Chanukaliedern und patriotischen Gesängen fand die erhebende Feier einen schönen, würdevollen Ausklang. Sie zeigte, daß die deutschen Juden die treue Erinnerung an das Heldengeschlecht der Makkabäer und ihren heroischen Kampf gegen Antiochus Epiphanes verbinden mit inniger Liebe und him gebungsvoller Aufopferung für Kaiser und Reich und stillem Hoffen auf endlichen Sieg, ehrenvollen Frieden und Erfüllung aller der Wünsche, welche die deutschen Juden nicht nur als Deutsche, sondern auch als Juden in ihren Herzen tragen. Lur krijhettrn Geschichte der luden in Lnglsnd. ilhelm der Eroberer erlaubte Juden aus Rouen die Ansiedelung zu London, vermutlich um Handel und Kapitalismus zu fördern. Sein Sohn und Nachfolger, Wil- Helm ll., stellte Ritterwesen, Lehnrecht und Krvnmacht über die klerikalen Neigungen seiner Zeit. Die mönchischen Geschichtschreiber haßten ihn deshalb. Und gern verbreiteten sie die üble Nachrede, der König habe zu Rouen — wenn etwas Wahres daran ist, müßte es etwa 1098 sein — getaufte Juden zum Judentume zurückzutreten gezwungen, und ein anderes Mal zu London im Scherz geschworen, er werde Jude werden, wenn die . Juden in einer Disputation über den Glauben mit christlichen Geistlichen obsiegten. In diesem Streite schrieben' sich dann aber beide Teile den Sieg zu. Letztere Nachricht ist schwerlich einfach erfunden. Jedenfalls belegt sie, daß man Londoner Juden kurz vor 1100 zutraute, einen Wortkamps mit dem mächtigen Klerus zu wagen. In diese geistige Atmosphäre gehört die früheste englische Streitschrift gegen Juden, die zwischen 1093 und 1109 verfaßt und mehrfach gedruckt worden ist. Sie empfängt nunmehr neues Licht durch I. Arm. Robinsons fleißige Sammlung, betitelt „Gilbert Crispin, abbot of Westminster“ (Cambridge 1911). Dieser Abt Giselbert, von normannischem Adel und in der damals vornehmsten Theologenschule zu Le Bec unter Anselm, „dem Vater der Scholastik", gebildet, widmete Anselm eine Verteidigung des Christentums gegen die jüdischen Einwände und kleidete sie in die Form einer Disputation mit einem ihm — dem Abte! — eng befreundeten Juden, der etwa 1060—80 zu Mainz gelehrten Unterricht empfangen hatte und auch Neues Testament samt christlicher Literatur wohl kannte. Daß die Disputation so wie wir sie lesen, je gehalten worden sei, ist freilich nicht anzunehmen. Dennoch scheint mir die Gestalt des Juden „unbekannten Geburtsortes" zu lebendig, um von dem allerdings auch dichterisch begabten Mönche nur erfunden zu sein. Dieser Theologe hatte seine Lebensanschauung vor dem Zeitalter der Kreuzzüge gebildet. Kein schmähendes Wort gegen Juden entfährt ihm. Durchaus würdig führt er die teilweise recht gewichtigen Beweisgründe des Gegners vor. — Ter Leser dieser Zeitschrift würde von dem Inhalt der mittelalterlichen Streitschrift schwerlich mehr zu erfahren wünschen, als Robinson — und vor ihm Jacobs „Jews of Angerin England“ p. 8 — daraus auszieht. Gern aber wird er vermerken, daß der frühest bekannte Verteidiger des Judentums auf britischem Boden in Deutschland gebildet war. - F. L i e b e r in a n n.