Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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c - würde es schon geringen, rvenn.sich bei der Bevölkerung die Ueberzeugung Bahn bricht, daß die Banken über einen ausreichenden Geldvorrat verfügen und diese zudem dazu angehalten werden, ihre Zahlungen zu einem Teil in bar zu leisten und die ihnen präsentierten Schecks teilweise in Gold ansznwechseln. Um den eben skizzierten Plan zur Durchführung zu bringen, bedürfte cs freilich einer großzügigen Aktion, an der sich alle in Betracht kommenden Kreise zu beteiligen hätten. Die Bankinstitute, die im Orient interessiert sind, und die verschiedenen Organisationen, denen das Heilige Land am Herzen liegt, müßten sich znsammentun und gemeinsam die Ermöglichung eines Goldtransports im Umfang des geschilderten Bedürfnisses in die Wege zu leiten. Es bleibt natürlich die Frage, wie sich die Regierung, bei ihrem Bestreben möglichst viel Gold für eigene Zwecke zu reservieren, zu einem solchen Vorhaben verhalten würde. Meines Erachtens kann jedoch darüber nicht der geringste Zweifel herrschen, daß sie ein derartiges Vorgehen nicht allein gewähren, sondern ihm sogar ihre Unterstützung angedeihen lassen würde. Das zu tun, dürfte sie sich schon veranlaßt sehen im Hinblick auf ihre allgemeinen Beziehungen zu der Türkei, mehr aber noch in Anbetracht der ganz besonderen Rolle, die Palästina in dein jetzigen Kriege zu spielen berufen zu sein scheint. Was fehlt, ist jemand, der die Initiative ergreifen und die Cache mit Erfolg durchführen möchte. Wie von selbst richten sich meine Blicke in Gedanken auf den Hilfsverein der deutschen Juden. Er hat sich um die Entwicklung Palästinas die größten Verdienste erworben; es wäre ganz seiner würdig, sich nun auch dieser ehrenvollen Aufgabe zu unterziehen. Mtltandsarbejtrn in Kslaltms. ttiß ist bereits in den Blättern berichtet worden, das; der Jüdische Nationalfonds in der schweren wirtschaftlichen Krise seit Ausbruch des Krieges imstande war, Bedeutendes für die Verproviantierung der jüdischen Bevölkerung in Palästina Zu leisten. Mit den großen Getreidevorräten seiner Farmen wurden nicht nur die Städte Jerusalem, Jaffa, Haifa, sondern auch Kolonien wie Petach-Tiklvah, Rischon-le-Zion, En-Ganim, En-Chai usw. versorgt, während aus der Nationalfondssarm Ben-Schemen täglich große Quantitäten Milch nach Jaffa geliefert wurde;;. Es bleibt aber eine andere, ebenso große Aufgabe zu erfüllen, mit der sich eine jüngst stattgefundene Sitzung des Nationalfonds-Direktoriums eingehend befaßt hat. Sofort nach Ausbruch des Krieges drohte infolge Aufhörens der Geldzuflüsfe aus dem Auslande, der geringen Goldvorräte bei den Banken und Requirierungen für die Mobilisierung eine verheerende Arbeitslosigkeit in den Städten und Kolonien. Dank dem Eingreifen der amerikanischen Judenheit, die durch ihre Vertreter beträchtliche Barmittel nach Palästina sandte, wurde die größte Gefahr abgewendet und auch die Arbeitslosigkeit zumindest für einige Zeit gebannt. Zu seinem Teile hat auch der Nationalfonds erheblich beigetragen, indem er seine Betriebe nicht nur in vollem Umfange ausrechterhielt, sondern auch die für die Hochsaison aufgenomnrenen Arbeiter weiterbehielt und sie mit außerordentlichen Arbeiten, wie Errichtung von Arbeiterhäusern, Wegbauten usw., zu beschäftigen suchte. Es ist zu hoffen, daß die amerikanischen Juden, die sich in so weitherziger Art ihrer Brüder in Palästina annahmen, auch weiterhin an der Spitze des Hilfswerkes sein werden. Allein um die ungeheure Not, besonders aber die Arbeitslosigkeit — die größte, weil auch moralische Gefahr — vom neuen und soweit als möglich auch Vorn alten Jischub dauernd fernzuhalten, ist es unbedingt geboten, daß alle maßgebenden jüdischen Faktoren in gleicher Richtung wirken. Getreu dem alten Prinzip des Nationalfonds, nicht Philanthropie zu üben, sondern A r b e i t s g e l e g e n heit zu schaffen, hat die letzte Direktoriumssitzung des Nationalfonds auf Grund der vom Palästina- Amt vorgelegten Berichte und nach Beratung mit dem anwesenden Leiter der bautechnischen Abteilung des Palästina-Amtes beschlossen, eine besondere Aktion zur Beschaffung von Mitteln für die A u s f ü h r u n g von N o t st a n d s a r b e i t e n i n Palästina ei nzul eiten. Bekanntlich geht jetzt in den vom Kriege betroffenen Ländern das allgemeine Streben dahin, durch Notstandsarbeiten von Staat und Gemeinde der umsichgreifenden Arbeitslosigkeit zu begegnen. Ju Palästina haben die Notstandsarbeiten des Natwnalsonds noch eine ganz besondere Bedeutung. Die bereits vor den: Kriege mit Hilfe des A r b e i t e r h e i m st ä t t c n fonds für die Jemeniten errichteten Arbeiterfamilienhäuser samt dem dazugehörigen Gartenland für Gemüse usw. haben sich nach allgemeinem Zeugnis durchaus bewährt, dermaßen, daß der Nationalfonds im Begriffe war, diese Familienhäuser, und zwar kleinere um den Betrag von 1000 Frank und größere um 2000 Frank, auch für die aschkennsischen Arbeiterfamilien zu errichten. Die verschiedenen Versuche in Palästina sowohl wie die Stildien des Bauleiters des Palästina-Amtes in Europa führten zu einer Methode, die die Erbauung eines soliden, auf lange Jahre bestimmten Arbeiterfalnilienhauses für den erwähnten Betrag gewährleistet. Die Arbeiter, sowohl Jemeniten wie Aschkenasim, sind;nit Freuden bereit, Haus und Garten zu beziehen, wobei sie Garten und Baugrund von mehreren Dnnar in Erbpacht nehmen, während sie das Haus in etwa 18 bis 20 Jahren zu amortisieren haben. Was aber im jetzigen Moment von besonderer Wichtigkeit ist, das ist die erfreuliche Tatsache, daß die Arbeiter die Bauten nach der neuen Methode leicht erlernen und selbst auszuführen in der Lage sind. Auf diese Weise erlangen die Arbeiter die Möglichkeit, früher eine Familienexistenz zu begründen und überdies eine lohnende Beschäftigung. Wie aus Palästina berichtet wurde, hat trotz des Krieges die Jemeniteneinwandernng nicht aufgehört, die nach wie vor der jüdischen Kolonisation zum Segen gereichen könnte, wenn für entsprechende Unterkunft der Jemeniten gesorgt wird. Für Jemeniten und Aschkenasim ist die Beschäftigung mit Häuser- und Wegbauten die am leichtesten erlernbare und zurzeit zweckmäßigste. Es ist darum dringend geboten, daß sowohl Zivilisten wie Nichtzionisten denk Nationalfouds wie zli Beginn der Jemeniteneinwanderung die. Mittel zuführen, um die Notstandsarbeiten in möglichst großem Ni aßstabe aufzunehmcu und so der arbeitenden Bevölkernng über die schwere Zeit hinwegzuhelfen. Anmerkung: Anfragen und sonstige Zuschriften bezüglich der Ncotstandsarbeiten in Palästina sind an die Landessammelstellen des Jüdischen Nationalfonds oder das Hauptburean (Adresse: Keren Kajemeth, per Adresse I. H. Kann Den Haag (Holland), Bierkade 8a) zu richten. Maudern in lkriegs?riten. Von Tcmitätsrat Dr. 2 cherbcl in Lista i. P. 3n seinen interessanten Erinnerungen aus dem Jahre 1870 in Nummer 47 unseres Blattes erzählt Geheimrat Professor Dr. Geiger von seinem damaligen Hauswirt, einem sehr vermögenden Fabrikanten in der Rosenthäler Ctraße in Berlin, dessen stattliche Gattin und junge, schöne Töchter Scharpie zupften, und bemerkt dazu: „Auch etwas, was die heutige Generation weder kennt noch braucht." Das oberste Sanitätsamt denkt über diesen Punkt anders. Wir Aerzte an den Militärreservelazaretten sind angewiesen worden, der Scharpie wieder unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nach dem Kriege 1870/71 bestand allerdings ein starkes Vorurteil gegen die Scharpie. Man hatte damit keine guten Erfahrungen gemacht. Noch in seinem Leitfaden für Samariterschulen (die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen) warnt Professor Dr. E s m a r ch vor dem Gebrauch der Scharpie. Die Anschauungen über sie haben sich geändert. Damals hatte man vielleicht nicht genügend auf die vollständige Reinheit und Desinfizierung des Materials geachtet.