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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Wunder geschieht, steht allen Ernstes eine Hungersnot zu befürchten." Nun hatten viele der Einberufenen nie zuvor eine Waffe berührt, weil sie uicl)t dienstpflichtig waren. Ausnahmslos sogar trifft dies aus alle Juden und Christen zu, welche schon ein Alter von 32 Jahren erreicht haben. Denn ursprünglich waren die Nichtmohcanmedaner in der Türkei überhaupt militärsrei. Erst nach Einführung der Verfassung wurde durch Gesetz bestimmt, daß künftighin auch die nichtmohammedanische Bevölkerung zum Heeresdienst heranzuziehen sei. Als Altersgrenze wurde damals daS vollendete 26. Lebensjahr festgelegt, so daß die neuen Bestimmungen auf alle diejenigen, die zur Zeit der Annahme des Gesetzes dieses Alter bereits erreicht oder überschritten hatten, keine Anwendung mehr finden konnten. Aber durch Jrade des Sultans war jetzt in Form eines provisorischen Gesetzes verfügt worden, daß der angeordneten Mobilmachung sämtliche Osmanen unter 45 Jahren, also auch jene, die nie gedient haben und laut Gesetz bisher militärfrei waren, Folge zu leisten hätten. Freilich tauchte damit zugleich die Frage auf, was mit der Schar der wenig oder gar nicht Tauglichen anzufangen wäre. Als Mittel, dem Nebel zu steuern, sollte daher die Möglichkeit des Loskaufs dienen, dessen Taxe man aus demselben Grunde auch auf die verhältnismäßig niedrige Summe von 30 türkischen Pfund sestsetzte. wenn schon in Wirklichkeit der Betrag, durch Hinzurechnung gewisser Nebengebühren, auf 43 Pfund (gleich 827,75 Mark) zu stehen kam. In der Tat verstanden sich auch sehr viele dazu, ihren Loskauf vom Militärdienst zu erwirken. Jedoch konnte dies häufig nur unter den denkbar schwierigsten Bedingungen geschehen, so daß manch einer sich auf diese Weise seines Letzten beraubte oder gar in drückende Schulden stürzte. Gewiß ist nicht überall die Not gleich groß in Palästina. An einzelnen Orten verstand man es sogar recht gut, sich für die kommenden Ereignisse zu rüsten und mit Erfolg mancherlei Vorbeugungsmaßregeln zu treffen. Sv wählte beispielsweise das in Tel Awiw bestehende „Komitee für städtische Angelegenheiten" (Wa'ad Ha'ir) eine besondere Kommission, der die Aufgabe zuteil wurde, Lebensmittel in großen Mengen aufzukausen und zum Selbstkostenpreis an die Konsumenten weiter abzugeben, um auf diese Weise allen wucherischen Umtrieben von vornherein einen Riegel vorzuschieben. In Jaffa wurde außerdem ein „Allgemeines Komitee zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage" ins Leben gerufen, das, in mehrere Untergruppen mit Sonderausgaben zerfallend, sich als wichtigstes Ziel setzte, an die Armen Speisen und Getränke zu billigem Preise, teilweise sogar ganz kostenlos zu verabreichen, oder ihnen auch kleine Beträge in bar als Darlehen zur Verfügung zu stellen. Einen dankenswerten Schritt unternahm ferner die Jaffaer Handwerkerzentrale, die für ihre Mitglieder in weitgehendem Maße das Kreditwesen zur Durchführung brachte und damit zum guten Teil für die Aufrechterhaltung zahlreicher Betriebe sorgte. Auch in den jüdischen Kolonien ist aus dem Wege der Selbsthilfe ziemlich vieles geschehen, so daß die dortige Bevölkerung, für die nächste Zukunft wenigstens, mit dem Nötigsten ausgerüstet zu sein scheint. Sehr praktisch fand ich hierbei das Vorgehen der Landarbeiter in einigen Kolonien, die hinsichtlich der Verteilung der Arbeitsgelegenheiten wie der Verpflegung sich zu einer Art Kommune zufammengeschlossen haben, wodurch es ihnen in der Tat gelungen ist, die traurigsten Erscheinungen der Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen wirtschaftlichen Not abzuwenden. Im übrigen dürfte es auch um die wichtigeren christlichen Niederlassungen nicht gar zu schlirnm bestellt sein, die im allgemeinen gut organisiert sind und wohl in diesen schweren Zeiten ebenfalls nicht ganz ungerüstet dastehen werden. Ueber alle Maßen jammervoll ist hingegen die Lage der städtischen Bevölkerung, namentlich der jüdischen, die, wie in Jerusalem, Hebron, Safed, Tiberiath zum überwiegenden Teile als kleine Handwerker oder von Unterstützungen, die aus dem Auslande kommen, ihr Dasein fristet. Arm, ohne Besitz und ohne Vermögen, auch unter normalen Verhältnissen nur von der Hand zum Mund lebend, ist sie den schwierigen Bedingungen, die der Krieg geschaffen hat, in keiner Weise gewachsen. Die Zustände sind geradezu entsetzlich und müssen, fürchte ich, unweigerlich zu einer Katastrophe führen, wenn nicht binnen kurzem zu einschneidenden Gegenmaßnahmen gegriffen wird. Nun ist allerdings etwas bereits geschehen: Von Amerika wurden 40000 Dollar nach Palästina übersandt. Auf Veranlassung Henry Morgenthaus. des Botschafters der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, übernahm sein bei ihm gerade zu Besuch weilender Schwiegersohn, Herr Wertheim, die Ueberführung des Geldes auf dem damals in: Mittelmeer kreuzenden amerikanischen Kriegsschiff North Carolina. Herr Wertheim kümmerte sich um die Angelegenheit auch während seiner Anwesenheit in Palästina und leitete die Verhandlungen über den zu wählenden Modus bei Gewährung der Unterstützungen. Es erwies sich, daß man gleich mit den verschiedensten Bedürfnissen beginnen müsse. Danach wurde bestimmt, einen Teil des Geldes zum Ankauf von Lebensmitteln zu verwenden, die dann zum Selbstkostenpreis weiter abgegeben werden sollten, einen Teil ferner zur Anschaffung von Lebensmitteln und Speisen für wohltätige Anstalten, wo sie den gänzlich Mittellosen zugute kämen, und einen Teil schließlich zur Unterhaltung eines Darlehnsfonds für private Arbeitgeber oder gemeinnützige Körperschaften, um auf diese Weise die Beschäftigung jüdischer Arbeiter zu ermöglichen. Vieles ist ohne Zweifel damit erreicht worden. Denn zum mindesten war es gelungen, die e r st e Sorgenwellc zu brechen, den ersten Verzweiflungssturm zu beschwöreu. Allein was will das für die Tauer bedeuten? Was wollen auf die Dauer die hundertundsechzigtausend Mark besagen angesichts solch unermeßlicher Not, solch unerschöpflichen Elends? . . . Ich möchte den eigentlichen Wert der aus Amerika erfolgten Beistandsleistung weit mehr in der Ar t des Vorgehens als im Vorgehen selbst erblicken. Mit dem eingeschlagenen Verfahren traf man den Kern des Uebels; und wenn auch dessen gänzliche Beseitigung nicht erfolgen konnte, so ist doch für einen wesentlichen Teil desselben Abhilfe geschaffen worden. Ter Wirtschaftsmarkt Palästinas wird (wie ja überhaupt im Orient) ausschließlich vom Metallgeld beherrscht. Noten kennt man dort zrilande nicht, und der Verkehr in Scheine:: ist reuie Vertrauenssache. Die infolge des Kriegszustandes eingetrekene Stockung in der Edelmetallzufuhr halte nun nicht bloß das fast völlige Verschwinden des Hartgeldes von: Markte, sondern zugleich auch noch eine außerordentlich starke Entwertung des Kreditverkehrs zur Folge. Gerade den: aber half Amerika dadurch, daß es bares Geld ins Land schaffte, ab; und weit über den Wert des Betrages hinaus vermochte es das Wirtschaftsleben von neuem in Schwung zu bringen. In diesem Sinne müßte also auchweiter hin verfahren werden — nur diesmal durchgreifend, umfassend, entscheidend. Blau hätte denrgemäß mit allen Mitteln danach zu trachten, genügend Gold und Silber nach Palästina zu schaffen, um die Geldkrost des Landes zu hebe:: und damit das Rückgrat des dortigen Wirtschaftslebens in hinlänglichem Maße zu stärken. Zu diesem Zwecke wäre es nicht einmal nötig, daß Gold- und Silbermünzen als einziges Lösungsmittel dienten; es müßte nur mit der ausschließlichen, bisher ganz ungewohnten Benutzung der Papieranweisung aufgeräumt werden. Danach

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