Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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letzten Endes die von der gesamten Kulturwelt stillschweigend auf sich genommene und in ihrer Durchführung als Ehrensache betrachtete Verpflichtung, für die Bedürfnisse Palästinas noch immer ein Scherflein übrigzuhaben. So ziemlich alles, was wir an öffentlichen Institutionen im Heiligen Lande antreffen, stellt sich als Liebeswerk dar. Die Schulen und Bibliotheken, die Waisenhäuser und Lehrlingsanstalten, die Spitäler lind Altersheime sind auf dein Wege der Wohltätigkeit gegründet oder werden durch Unterstützung erhalten. Selbst die vorhandenen Industrien vermögen nur selten der religiösphilanthropischen Patina ganz zu entraten. Die Fremdenindustrie bringt viel Geld ins Land und bildet eine ausgiebige Einnahmequelle für die dortige Bevölkerung. Aber der Fremde, der die Stätten besucht, kommt doch mehr als Pilger denn als Tourist. Und die Gegenstände, die er sich zum Andenken zulegt, ersteht er aus Pietätsgefühl, weniger ihres gewerblichen oder kunstgewerblichen Charakters wegen. Was das Land selbst hervorbringt, ist überaus geringfügig und reicht nicht entfernt zur Deckung des eigenen Bedarfs aus. In Jaffa wiesen in der Zeit von 1904 bis 1908 die Einfuhr und Ausfuhr jährlich folgende Summen auf: Jahr Einfuhr Ausfuhr 1904 .... 11833 000 Fr. 7 382 000 Fr. 1905 .... 11600 000 „ 12 500 000 „ 1906 .... 16 500 000 „ 12 500 000 „ 1907 .... 20 225 000 „ 12108 500 „ 1908 .... 14 569 572 „ 12 521807 „ Jaffa ist der bei weitein wichtigste Hafenplatz Palästinas. Seine Bedeutung wird erst recht Kar, wenn man sich vor Augen hält, daß er sämtliche Kolonien Judäas umfaßt und die eigentliche Verbindungslinie zwischen Jerusalem und der Außenwelt bildet. Nun ist unter solchen Voraussetzungen eine Ein- bzw. Ausfuhr von jährlich 12 bis 15 Millionen Frank gewiß nichts weniger als überwältigend. Aber die Sache stellt sich in Wirklichkeit noch insofern schlimmer dar, als die Ausfuhr fast durchweg hinter der Einfuhr zurückbleibt, so daß mit einem dauernden Rückstand in den Einnahmen gegenüber den Ausgaben gerechnet werden nach. Zum Teil rührt es davon her, daß selbst diejenigen Industrien, die für den Inlands- Verbrauch arbeiten, in äußerst starkem Maße auf den Bezug ihrer Rohstoffe vom Ausland angewiesen sind. Dabei handelt es sich nicht etwa um Luxusartikel oder sonst entbehrliche Dinge. Unter den im Jahre 1908 über Jaffa nach Palästina eingeführten Waren befanden sich folgende Artikel mit einem Betrag von mehr als einer Million Frank. Es wurden eingeführt: Webstoffe ..im Werte von 1 683 564 Fr. Petroleum und Teer . . „ ,. „ 1456 299 „ Zucker. 1430 773 „ Reis. 1 322 705 „ Verschiedene Holzsorten . „ „ „ 1 108574 „ zusammen im Werte von 7 001 915 Fr. Das sind überaus wichtige Bedarfsgegenstände. Da nun im ganzen für 14 569 572 Frank importiert worden ist, betrug also ihre Anschaffung nahezu 50 Prozent der Gesamteinfuhr. Man sieht, in welcher Abhängigkeit sich Palästina vom Ausland befindet! Es ist eine Abhängigkeit, die sich nicht auf die Zufuhr von Nahrungsmitteln beschränkt, sondern sich gleichzeitig auf die Beschaffung von Kapitalien erstreckt, die den Erwerb der Nahrungsmittel erst möglich machen. Allein gerade dieser Geldzufluß versiegte zum großen Teil in letzter Zeit. Ich rede nicht von jenen Reicheil, die arm, von jenen Armen, die noch ärmer geworden sind, lind die dadurch sich zur Einstellung ihrer früher gewährten Unterstützungen gezwungen sahen. Aber selbst unter denen, die ihren Obolus auch jetzt zu zahlen wohl in der Lage wären, gibt es nicht wenige, die in einem Anfall von Kleinmut und Verzagtheit seine Weiterentrichtung verweigern, ohne dabei zu bedenken, daß in diesen Tagen allgemeiner Unruhe und Unsicherheit ein solches Verhalten die Bevölkerung im Heiligen Lande doppelt schwer treffen muß. Es kommt hinzu, daß man zurzeit, selbst wenn man wollte, Geld nach Palästina nicht einmal überweisen könnte. Ich habe mich diesbezüglich bei hiesigen Banken, auch solchen, die im Orient dauernde Verbindungen unterhalten, wiederholt erkundigt und dabei stets zur Antwort bekommen, daß so etwas im Augenblick ganz unausführbar sei. Die Banken Palästinas, hieß es, hätten ihren Betrieb eingestellt, wodurch sich die Aufrechterhaltung eines geschäftlichen Verkehrs mit ihnen von selbst unmöglich mache. Das schlimmste ist natürlich, daß unter den erwähnten Umständen auch die Nahrungsmittelzufuhr aufhören oder doch zum mindesten starken Abbruch erleiden mußte. Zumal ja die meisten Staaten, mit denen in normalen Zeiten das Heilige Land in Geschäftsverbindung zu stehen pflegte, schon früher, infolge des allgemein herrschenden Kriegszustandes, für die wichtigsten Bedarfsgegenstände ein Ausfuhrverbot erlassen und jetzt, nach Ausbruch der Feindseligkeiten mit der Türkei, überhaupt jede Handelsbeziehung zu Palästina abgebrochen haben. Was da ist, ist da: neues dürste kaum, jedenfalls nur wenig und sehr schwer ins Land kommen. Allein damit war dem Wucher Tür und Tor geöffnet. Denn daß die Behörden entschreiten, zur Regelung des Lebensmittelmarktes zweckdienliche Maßnahmen ergreifen und einer Ausbeutung und Uebervorteilung der ärmern Volksschichten durch Einführung von Höchstpreisen Vorbeugen könnten, tute dies in solchen Fällen hier zu geschehen pflegt — auf diesen Gedanken scheint man iin Reiche des Halbmondes bislang nicht überall verfallen zu sein. Und als ob das Maß des Leids noch nicht voll genug gewesen wäre, kam auch bald die Heeresmobilmachung hinzu. > Schon gleich nach Ausbruch des Krieges begann in der Türkei ein eifriges Rüsten, das mit wachsender Stärke und Intensität bis zum heutigen Tage fortgesetzt wird. Als Grenzland Aegpptens bekam Palästina diese Maßnahmen besonders hart z u s p ü r e n. So wurden beispielsweise in Jerusalem, wo sonst kaum mehr als 300 Soldaten sich befinden, in letzter Zeit mindestens 25 000 Mann zum Heeresdienst herangehvlK Der SandschakJerusalems dürfte 200 000 bis 250 000 Einwohner umfassen. Zieht man die Hälfte davon, als dem weiblichen Geschlecht angehörend, sowie die gar nicht geringe Zahl der Ausländer ab, dann ergibt sich, daß vielleicht 25 bis 30 Prozent aller dort lebenden Osmanen zum Militär gerufen worden sind. In einem mir kürzlich vorgelegten Schreiben aus Jerusalem wird geschildert, in welcher Weise man hierbei zu Werke ging. „Bei der Mobilmachung", heißt es darin, „wird mit äußerster Strenge Verfahren, und selbst 45 jährige bleiben nicht verschont. Unter den Einbertifenen befanden sich Leute, die schon Großväter sind. Die Stadt wimmelt von Soldaten, und da die Militärverwaltung nicht in der Lage ist, solch starke Truppenmassen zu beköstigen, requiriert sie alles, was sie nur auftreiben kann. Die Konsumgeschäfte sind verpflichtet worden, Lebensmittel in großen Mengen zu liefern: bei zwei Mehlhändlern, von denen einer sogar ein Ausländer ist, wurden 100 Sack Mehl mit Beschlag belegt. Aller Einspruch des Ausländers half nichts. Ueberhaupt wird seitens der Regierung zwischen Osmanen und Angehörigen anderer Staaten, die sich sonst großer Schonung zu erfreuen pflegten, jetzt wenig Unterschied gemacht; sie geht rücksichtslos vor, wo sie glaubt, für ihre Sache Nutzen z» ziehen. Natürlich ist jetzt alles fürchterlich teuer, und man muß noch froh sein, daß man etwas bekommt. Die Lage ist schrecklich, das Elend groß und wenn nicht ein