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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 gegeben. Die verschiedenen Ausweisungen der Juden aus Frankreich während des Mittelalters treffen nicht die jüdische Gemeinde in Bordeaux, da die Provinz Guienne damals ein englischer Besitz war. Die Haltung der englischen Könige war sehr verschieden. Unter Edward I. hatte sie zu leiden, aber noch schlimmer unter Edward II., der die Juden aus England ausgewiesen hatte. Edward IV. garantierte ihnen aber gewisse Privilegien. Als dann die Provinz unter französische Herrschaft geriet, behielten die Juden in Bordeaux ihre Privilegien, ungeachtet der judenseindlichen Gesetzgebung, die damals in Frankreich herrschte. — Die Ausweisung der Juden aus Spanien und Portugal rief eine bedeutende Vermehrung der jüdischen Bevölkerung der Stadt hervor. Den ersten Flüchtlingen waren in den nachfolgenden Jahrhunderten die „Marannen" gefolgt, die, wie ihre Brüder in Amsterdam, Hamburg und London öffentlich als Juden lebten, sie blieben aber nominell Christen. Das Element der „Marannen" ward zu einem der wichtigsten der Bevölkerung und stellte einen großen Prozentsatz intellektueller Führer. Der berühmte Michel de Montaigne war dxr Sohn einer „Maranin" von Bordeaur. Der größte Teil der Muränen lebte ganz nach jüdischer Sitte, was manchmal zu Feindseligkeiten seitens des Pöbels führte. Aber sie wurden immer von den Behörden beschützt, die ihre Tüchtigkeit zu schätzen wußten. Rach der vollständigen Emanzipation der Juden in Frankreich ließen sich zahlreiche Familien auch in den anderen Städten nieder, hauptsächlich in Paris. Jetzt zähltdie Gemeinde von Bordeaur -irka 3000 jüdische Mitglieder. ■Jff- Das „Berliner Tageblatt" bringt folgenden interessanten Artikel: Der Krieg am S i n a i u ud in S h r i e u. Ter Wüstenweg zum Suezkanal. . Orangen als Viehfutter. - Das angebliche Bombardement von Jaffa. _ Jaffa, 30. November, dem Ausbruch des Krieges zwischen der Türkei und den Euteutemächten hat eine starke militärische Tätigkeit eingesetzt. Schon im August, gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten in Europa, hat auch die Türkei mobil gemacht. An allen größeren Plätzen des Landes wurden Truppen zusanmwngezogeu und eiuererziert, die dann teils an die russische Grenze, teils an die ägyptische Grenze gesandt wurden. Die ersten Zusammmstöße zlvischeu den türkischen Streitkräften und den ägyptischen Grenztruppen sind bereits erfolgt. Sie haben aber, lvie bereits telegraphisch mitgeteilt, ein ganz sonderbares Ergebnis gehabt. Als nämlich die zum großen Teile aus sudanesischen (schwarzen) Kaluelreitern bestehenden ägyptischen Truppen, die in den: Gebiet zwischen der türkisch-ägyptischen Grenze und der Oase El-Arisch Vorpostendienste verrichteten, die mit der Halbmondsfahne heraurückenden türkischen Truppen gewahrten und hörten, daß sie gegen die Fahne des Jsll-ms kämpfen sollten, erklärten sie, daß sie gegen diese Fahne nicht kämpfen würden, und liefen ohne lveiteres zu den türkischen Truppen über. Sie wurden von der Grenze in die größeren Städte Syriens und Palästinas gebracht, lvo ihr Erscheinen bei der Bevölkerung überall große Begeisterung erweckte. Das Gebiet von der türkisch-ägyptischen Grenze bis zum Suezkanal ist bekanntlich ein reines Wüstengebiet, in dem mit Ausnahme der kleinen Oase El-Arisch keinerlei menschliche Niederlassungen vorhandel: sind. Im Altertum führte zlvar durch dieses Gebiet die viel begangene Straße von Aegypten über Palästina und Syrien nach Mesopotamien. Noch hellte erinnern die Reste ehemaliger Knltlrrstütten und zahlreicher Brunnen daran, daß diese Gegend einst regen Verkehr hatte, heute aber sind diese Brunnen zum allergrößten Teile verfallen und nlüssen jetzt erst wieder inftaub gesetzt werden, um größeren -Heeresmassen den nötigen Wasserbedarf zu liefern. Der leichte Sand in diesem Wüstengebiet rnacht es sowohl für Fußtruppm, wie auch für Pferde sehr schwer passierbar. Fußtruppen kömlcn täglich nur ganz kleine Strecken zurücklegen. Nllr das Kamel, insbesondere das zum Reiten abgerichtete ägyptische Reitkamel, ist für diese Gegend geeignet. Solche Reitkamete sind deshalb auch die Reittiere der türkischen mld deutschen Offiziere. Alle Küstenplütze an der asiatischen Türkei sind seit Ausbrllch des Krieges auf die wenigen Schiffe der neutralen Schisfahrtslinien (italienische oder amerikanische Linien) angewiesen. In Jaffa läuft oft jetzt während einer ganzen Woche nicht ein einziges Schiff an. Allerdings schrillt es, daß die türkische Postverwaltung sich viel Mühe gibt, llm die Postl'esörderung, die nach Aufhebuilg der fremden Postämter ihr allein obliegt, nach Möglichkeit zll beschleunigen. Alll empfindlichsten lnacht sich der Mangel an Schiffen und die Verschließung ganzer Märkte darin fühlbar, daß gewisse Früchte nicht exportiert werden können. So geht es zun: Beispiel mit den wegen ihres Wohlgeschmacks bekannten Orangen, von denen sonst gegen zwei Millionen Kisten von Jaffa aus exportiert würden, i In diesen: Jahre ist dieser Export linmöglich, und die Orangen müssen! als Viehfutter verwelldet werden oder sie verfaulen an den Bäumen, i Die Untertanen der feindlichen Mächte sind in ihrer Bewegungsfreiheit j und in ihren: Eigentum nicht angetastet worde::. Besonders entgegenj kommend hat sich die Regierung gegenüber den seit langer Zeit im Lande j wohnenden fremden Juden erwiesen. Sie hat beschlossen, ihnen die Auf-! nähme in den otlomanischen Staatsverband zll erleichtern als Anerkennung j für die kolonisatorische Tätigkeit, welche die Jllden in Stadt und Land seit mehreren Jahrzehnten geleistet haben. Am Anfang des Krieges hatte die Bevölkerung große Besorgnis vor einem Bombardement, und viele Familien verließen Jaffa, un: sich in: Innern des Landes in Sicherheit zu bringen. Inzwischen hat sich aber i die Bevölkerung beruhigt, und viele von den Geflüchteten sind wieder nach i Jaffa znrückgekehrt. Die in auswärtigen Zeitungen verbreitet gewesene j Nachricht, daß Jaffa seit Ausbruch des Krieges bereits bombardiert lvor- 1 den sei, ist glatt erfundeil. Seit Kriegsbeginn hat sich noch kein feindliches Kriegsschiff vor Jaffa gezeigt. O D i e K o ch k i st e e i u c Erfiudnn g der Jude n. In der „Frankfurter Zeitung" lesen wir: Die Kochkiste, die unsere wackerer: Truppen im Felde hier und da mit guten: Erfolg improvisiere!:, scheint eine durch die stre::ge Sabbatheiligung hervorgerusene Erfindung der Juden zu sein. Der berühmte Satirendichter Jnvenal, der unter Trajau :md Hadrian schrieb, erwähnte nämlich zweimal „den Korb mit Heu" als bezeichnendes Gerät der Juden in Ron:. Ter Hausrat der jüdischen Bettler, die sich in den: Hai:: der Kämmen oder Musen vor den: Capelüschen Tor in der Nahe der Appischen Straße angesiedelt haben, ist der Korb mit Heu (3, 14: Judaeis, quorum cophinus faemimque supellex). Die arme Jüdin, die der vornehu:en römischen Dame ihre Träume auslegt, hat ihren Korb verlassen, un: sich in der Stadt etwas z:l verdienen (6. 543: cophino faenoque rolicto). Alan hat diese Stellen, obwohl ein alter Scholast die richtige Erklärung bot, lange mißverstanden, bis der klassische Philologe und Bibelforscher Hermann Rönsch (in „Jahns Jahrbüchern", Band 123,1881, und 131,1885) nachwies, daß dieser mit Heu gefüllte Korb znn: Warmhalte»: des Wassers und des Fleisches diente, dessen matt mit Sabbat bedurfte, ohne doch an dem heiligel: Tage selbst etwas dafür tun zu dürfen. Die Erfahrung lehrt, daß eine solche Einrichtung die Speisen nicht nur warm hält, sondern auch gar macht: der altjüdische Henkorb ist also im Grunde ganz dasselbe lvie die moderne Kochkiste. Die Anklage »m heiligen Lande. Bon Tr. A l p h v n s I. S u ß n i tz k:. Unsere Aufmerksamkeit wird durch die Ereignisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen in einer Weise absorbiert, daß wir kaum noch Sinn und Verständnis für andere Dinge haben. Geschehnisse, die zu jeder Zeit sonst uns tage-, vielleicht wochenlang in Spannung halten würden, gehen jetzt fast spurlos an uns vorüber. Das ist durchaus begreiflich. Denn die Werte, um die bei dem Weltkrieg gerungen wird, sind für unser ganzes Wirtschafts- und Kulturleben von so ungeheurer Bedeutung, daß alles andere ihnen gegenüber tatsächlich völlig verblaßt. Wenn ich es nun nichtsdestoweniger unternehme, über die gegenwärtige Lage in Palästina zu sprechen, io geschieht dies nicht in der Erwägung, daß es dem Lande gilt, welches wir alle, ohne Unterschied, lieben und dem stets unser größtes Interesse gehört, sondern es geschieht vornehmlich ans dem Grunde, weil es sich hierbei um eine Darstellung von Zuständen handelt, die gleichfalls als der traurige Ertrag des unheimlich wütenden Weltbrandes anzusehen sind. Palästina ist in äußerst starkem Maße von der Außenwelt abhängig. Das Land, das einst die Kraft besaß, für die Menschheit höchste metaphysische Werte zu schaffen, scheint nicht mehr die Fähigkeit zu haben, aus sich heraus seinem physischen Bedarf genügen zu können. Darauf gründet sich ja

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