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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gewisse antisemitische Hetzblätter haben ihre verwerflichen Angriffe gegen die Juden fortgesetzt, und wir sahen uns genötigt, solchen Treibereien auf das entschiedenste entgegenzutreten. Trotz der großen Berücksichtigung, die ich den Kriegsereignissen und Kriegsbetrachtungen widmen mußte, hielt ich es aber für meine Pflicht, auch in diesen Kriegsmonaten historische, belehrende und erbauliche Artikel zu veröffentlichen: nicht bloß solche, welche bereits im Satz standen, sondern auch gar manche andere, die seit längerer Zeit der Redaktion Vorlagen, oder solche, die neu eingeliefert wurden; die Erinnerung an bedeutende Menschen zugleich mit der Vorführung ihrer Bilder wurde weiter betrieben, sowohl derjenigen, die irgendein Jubiläum feierten, als derer, die uns durch den Tod entrissen wurden. Auch das Feuilleton wurde in alter Weise fortgeführt und gewann nur eine Bereicherung dadurch, daß mehr als sonst Gedichte ausgenommen wurden, hauptsächlich Poesien, die durch den Krieg entstanden waren oder sich auf die kriegerischen Ereignisse bezogen. Nur das Literarische mußte einigermaßen zurücktreten, teils weil in dieser bewegten Epoche wenig Interesse dafür vorhanden war, teils weil wirklich sehr wenig neue Bücher erschienen. In den letzten Wochen hat sich dies ein wenig geändert; wenn auch die Menge der Publikationen, die gerade gegen Ende des Jahres unendlich anzuschwellen pflegten, das frühere Uebermaß keineswegs erreicht hat, so fängt der Büchermarkt doch jetzt an, sich einigermaßen wieder zu beleben. Ganz am Anfang des Krieges schien es, als wenn die Mitarbeiter durch die furchtbare Aufregung, die sich aller Gemüter bemächtigt hatte, unserem Blatte fehlen würden. Aber dieser Zustand dauerte kaum ein paar Wochen. Schon im zweiten Monat des Krieges und seitdem noch in erhöhtem Maße, laufen die Beiträge unserer alten Getreuen und neuer Freunde so massenhaft ein, daß ich durchaus nicht imstande bin, die Beiträge, die der Ausnahme wert sind, so schnell drucken zu laßen, wie es ihre Verfasser wünschen. Ich muß daher die Bitte um Nachsicht, die ich am Anfang jedes Jahrgangs ausgesprochen habe, auch heute wiederholen. Wir treten in den neuen Jahrgang mit Mut und Vertrauen ein. Ich bin mir bewußt, auch in diesen schweren Monaten meine Pflicht getan zu haben, und freue mich von Herzen, dem Herrn Verleger und den Mitarbeitern für ihre treffliche Unterstützung Dank sagen zu dürfen. Bisher hat unser herrliches deutsches Vaterland die Prüfungen, die ihm auferlegt wurden, glänzend bestanden. Die Juden allerorten haben sich als treue Söhne des Vaterlandes gezeigt; sie kämpfen Schulter an Schulter mit ihren Genossen für Vaterland, Ehre und Freiheit. Wir wollen nicht ermüden, in diesem Streite, wir wollen uns bewußt bleiben, daß wir Deutsche und Juden sind, daß für uns Deutschtum und Judentum keinen Gegensatz bildet, und wollen uns stets unserer Aufgabe erinnern, für das Fortschreiten unserer Kultur und unseres Vaterlandes und für die allgemeine Anerkennung unseres Glaubens und die volle Und ganze Gleichstellung unserer Glaubensgenossen einzutreten. Wir hegen die Hoffnung, daß, wenn uns endlich der sehnlich erwünschte Frieden beschieden ist, die schönen und großen Worte, die vor dem Kriege gesprochen worden sind, zur Erfüllung reifen. Wir wollen durch den Krieg keinen besonderen Gewinn erzielen; wir erstreben nichts Ungebührliches, aber wir verlangen, daß, wie wir in unserem Sinne, und in unserem Herzen Deutschland angehören, wir in Deutschland als Gleiche unter Gleichen ausgenommen, als Ebenbürtige betrachtet und behandelt werden. Sir Woche. Berlin, den 29. Dezember 1914. enn diese Zeilen in die Hand unserer Leser gelangen, hat ein neues bürgerliches Jahr begonnen. Ein Jahresanfang ist ein so wichtiger Einschnitt, daß auch wir seiner zu gedenken haben. Feiern wir auch ein anderes religiöses Neujahr, so haben wir in unserem Geschäfts- und Berufsleben mit den bürgerlichen Zeitabschnitten zu rechnen. Das „Prosit Neujahr", das überall erschallt, ertönt auch für uns. Möge uns allen das Jahr 1915 ein gesegnetes sein. Sieg und Frieden, das ersehnen wir aus gepreßtem Herzen. Aus gepreßtem und doch freudig bewegtem, Wir trauern über all das Elend, das in den letzten fünf Monaten ganz Europa bereitet worden ist, über die Ströme Blutes, die vergossen sind, über das rlnsägliche Unglück, unter dem Dausende und aber Tausende seufzen, über die Hunderttausende, die Schaden genommen haben an Leib und Seele. Aber freudig und stolz blicken wir auf die ungeheueren Heldentaten, die aller Orten geübt worden sind, und an denen wir unseren vollgemessenen Anteil haben. Niemals haben wir uns so voll und ganz als Deutsche gefühlt, wir segnen unser geliebtes Vaterland und wünschen ihnr und uns Heil und Glück, ersehnen für unser Land und uns dauernden Frieden und die verdiente Machtstellung in der Welt. Wir erstreben keine Weltherrschaft, wir wollen jeder anderen großen Nation ihre Berechtigung und Machtstellung gönnen, aber wir wollen unserer Bedeutung gemäß behandelt sein und in friedlichem Wetteifer mit anderen unsere Kraft entwickeln und fortschreiten zum Heile der Menschheit. Auch die Weihnachtsfeiertage hatten keine Unterbrechung der Kämpfe gebracht, keine Ruhepause für unsere herrlichen Truppen. Es ist überall gestritten worden, und die Dinge scheinen an allen Orten günstig für uns zu stehen. Daß im Norden Frankreichs von den Engländern zur Bestattung von 3000 Toten ein kurzer Waffenstillstand erbeten worden, ist ein günstiges Zeichen. Ein Vorstoß der englischen Flotte bei Cuxhaven ist gescheitert. An verschiedenen Orten sind kleine Erfolge errungen worden. Freilich ein entscheidender Sieg ist von nirgends her zu melden; nrögen die ersten Wochen des neuen Jahres uns einen solchen gewähren. Die französische Kammer hat getagt. Daß sie die geforderten Kriegskredite einmütig bewilligte und den Kampf in nationaler Begeisterung fortzusetzen sich entschlossen zeigte, war ihr Recht und ihre Pflicht. Aber es war nicht wohlgetan, daß sie die alten Lügenmärchen von unserer Schuld und unserer Barbarei anhörte und beklatschte, und uns als Friedensstörer vor der Welt brandmarkte und die Geschichte als Richterin gegen uns anrief. Wir wollen den heldeninütigen Gegnern die Ehre gewähren für ihre Tapferkeit, wie sie sie verdienen, aber wir wollen nicht dulden, daß uns Verbrechen angedichtet werden, die wir nicht begangen haben, und wir freuen uns der männlichen Antwort, die unser Reichskanzler auf diese kleinlichen Anzapfungen und großsprecherischen Anklagen erteilt hat. Mit Würde und Ruhe, mit Hoffnung sehen wir dem Richterspruch der Geschichte entgegen. * Dem in Zürich erscheinenden „Jsr. Wochenblatt" entnehmen wir folgende Notiz: Tie Kriegsihauptstadt Frankreichs, Bordeaux, ist diejenige französische Stadt, die eine längere jüdische Geschichte hat. Die erste Niederlassung von Inden soll schon sofort nach der Zerstörung des zweiten Tempels stattgesunden haben. Im Mittelalter wurde ihre Niederlassung mehr geduldet als erlaubt. Dennoch hat es immer in Bordeaux eine jüdische Gemeinde

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