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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-01 · Heft 1 (1.1.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 1 Berlin, I. Januar 1915 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A banne ment s«Pre^s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Nuäolk Masse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums», Berlin 8W, Ierusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. fTtlftttlt* Sum neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. — Die 1|4I4J44I4« Woche. — Die Notlage im Heiligen Lande. Von Dr. AlphonS I. Susznitzki. — Notstandsarbeiten in Palästina. — Plauderei in Kriegszeiten. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. — Zur frühesten Geschichte der Inden in England. Von F. Liebermann. — Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Herlberg in Breslau. Von L. G. — Die Ausgaben der jüdischen Frau unter den modernen Zeitverhättnissen. Von Siddy Wronskh, Verlin-Schöneberg. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujvä.ri. Uebersetzt von Rosa Trencssni. — Büchereiulaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Thorn, Lissa i. P., Breslau, Güstrow, Nürnberg, Wien. — Bon Nah und Fern. Lum imttn Jahrgang. Von Ludwig Geiger. or einem Jahve, da wir in tiefstem Frieden lebten, hätte keiner geglaubt, daß wir Anfang 3915 noch mitten in einem furchtbaren Kriege stehen würden, nachdem die Welt bereits fünf Monate hindurch ein blutiges Völkerringen gesehen, wie es die Weltgeschichte bisher kaum gekannt hat. Auch unsere Zeitung muß ständig daran denken. Ueberblicken wir die letztvergangenen fünf Monate, so gebührt zunächst dem Verleger unserer Zeitung der herzlichste Dank; während, soweit mir bekannt ist, alle anderen jüdischen Blätter in dieser Kriegszeit ihren Umfang beschränkt haben und Unregelmäßigkeiten in ihrem Erscheinen erlitten, ist unser Blatt trotz der Kriegswirren und der sich dadurch ergebenden Schwierigkeiten ohne jede Unterbrechung in vollem Umfange ohne irgendwelche äußere Veränderung erschienen. Dies ist in erster Linie dem Opfermut des Herrn Verlegers zu verdanken. Natürlich mußte auch der Inhalt unseres Blattes gemäß der neuen Zeit und der von dieser gestellten Aufgaben eine starke Veränderung erleiden. Kriegsbetrachtungen, Berichte über den Krieg, Feldpostbriefe, historische Erinnerungen an frühere Kriege, Erwähnungen der Beteiligung von Juden an diesen Kriegen, Berichte über die Leiden unserer Glaubensgenossen während der gegenwärtigen Unruhen mußten den Hauptinhalt bilden. Infolgedessen war es nötig, die allgemeine Tendenz einigermaßen hintan zu stellen. Dies geschah in doppeltem Sinne: zunächst trat das Historisch-Literarische, das ein wesentliches Element unseres Blattes bildet, stark in den Hintergrund, sodann war das Eingehen auf die Geschehnisse unter den Juden in Frankreich und England kaum möglich, da die jüdischen Blätter aus beiden Ländern uns seit Wochen, ja Monaten nicht mehr erreichen. Nur aus Rußland mußte beständig die Aufmerksamkeit gelenkt werden, da die traurigsten Nachrichten über das Schicksal unserer Glaubensbrüder aus den mannigfachsten Quellen von dort her an unsgelangten. Denn zu den vielfacheil Verlogenheiten, die dieser traurige Krieg heraufbeschworen hat, gehört in erster Linie das berüchtigte Manifest des Zaren von Rußland „An meine lieben Juden". Es stellte eine Befreiung der Juden in Aussicht, ist aber so wenig erfüllt worden, daß innerhalb Rußlands die schlimmsten Greuel an den Inden weiter verübt wurden, und daß die Russen auch in den Landesteilen der österreichisch-ungarischen Monarchie, in denen sie zeitweise erschienen, ihr barbarisches System gegen die Juden, das sie im eigenen Lande so schändlich geübt hatten, auch dort einsührten und in wahrhaft grauenhafter Weise durchsetzten. Leider hat sich ein hervorragender jüdischer Schriftsteller Englands, Israel Zangwill, den wir bisher als einen Kämpfer für die russischen Juden verehren konnten, auf die Seite der Russen gestellt; er, der am besten die Unwahrheit jenes Manifestes hätte erkennen müssen, ließ sich von trügerischen Worten englischer Staatsmänner leiten und wagte es, für Rußland Stimmung zu machen, während er sich hätte sagen müssen, daß dieser Staat in seinem entsetzlichen Wüten gegen die Juden nicht einen Augenblick Halt zu machen imstande sei. Wir haben es daher für unsere Pflicht erachtet, diesem Manne, dem wir bisher huldigend nahten, aufs entschiedenst« und schärfste entgegenzutreten. Welchen Standpunkt wir dem Kriege gegenüber einnehmen, ist oft und eindringlich von mir und von anderen Mitarbeitern sowohl in Leitartikeln als in anderen Aufsätzen dieses Blattes gesagt worden. Wir deutsche Juden fühlen uns vollkommen als Deutsche, sind felsenfest überzeugt von der Gerechtigkeit unserer Sache und hoffen ans einen endgültigen Sieg der Waffen der Deutschen und ihrer Bundesgenossen. Wir verzeichnen gern die uns bekannt gewordenen Auszeichnungen der Juden, enthalten uns aber jeder Ruhmredigkeit, weil wir glauben, -daß die Juden wie alle anderen Deutschen nur ihre Pflicht tun und sich als wackere Deutsche betätigen. Am Anfang des Krieges schien es, nachdem das herrliche Wort unseres Kaisers erklungen war: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche", daß wirklich jeder Parteiunterschied verwischt sei. In Wirklichkeit bildeten die Juden eine vollkommene Einheit, die Gegensätze von Liberalismus, Orthodoxie und Zionismus waren vergessen. Die Vertreter aller der verschiedenen Richtungen wetteiferten teils durch Spenden, teils durch freiwillige Beteiligung am Kriege. Wir haben daher, wenn wir auch nicht aufgehört haben, uns als Liberale zu betrachten, wenig oder keine Veranlassung gehabt, gegen Orthodoxie und gegen Zionismus aufzutreten, und wir wünschen von ganzem Herzen, daß auch nach dem Kriege diese Parteiunterschiede möglichst verwischt bleiben mögen und die Einheit, die durch den Krieg entstanden ist, auch nach dem Kriege sortdauere. Zu Anfang schien es auch, als wenn die Antisemiten ihxwüstes Treiben einstellen und uns als gleichberechtigte Söhne des teuren Vaterlandes anerkennen würden. Leider hat sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen.

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